LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Forschung zeigt, dass ständiges Hin- und Herschalten zwischen Aufgaben die kognitive Genauigkeit und die Reaktionsgeschwindigkeit spürbar senkt. Eine Studie im Fachjournal Nature Neuroscience verknüpft das mit Situationen, in denen Handlungsregeln unklar sind. Zusätzlich belegen ältere Arbeiten, dass jeder Wechsel messbare Zeit kostet und tiefe Konzentration deutlich länger braucht. Für Unternehmen heißt das: Produktivität hängt weniger von mehr parallelen Inputs ab, sondern von gezielten Konzentrationsfenstern.

In vielen Büros klingt „Multitasking“ nach Effizienz: E-Mails, Tickets, ein laufender Bericht und ein Gespräch gleichzeitig im Blick. Neurowissenschaftlich betrachtet ist das jedoch weniger ein Rennen um Parallelität als ein fortwährender Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus. Wenn das Gehirn zwischen verschiedenen Reizen und Regeln umschaltet, arbeitet es dabei nicht wie ein Kontrollzentrum mit vielen unabhängigen Instanzen, sondern folgt einem sequentiellen Verarbeitungsprinzip. Genau an dieser Stelle setzt die aktuelle Studienlage an und liefert eine nüchterne Erklärung dafür, warum Aufgabenwechsel häufig wie „kleine“ Unterbrechungen wirken, im Ergebnis aber deutlich bremsen.
Eine am 10. September 2026 im Fachjournal Nature Neuroscience veröffentlichte Untersuchung unter der Leitung von Marlene Cohen und dem Erstautor Cheng Xue von der University of Chicago beschreibt einen Mechanismus, der über reine Müdigkeit hinausgeht. Demnach sinkt die kognitive Genauigkeit besonders dann, sobald Unsicherheit darüber besteht, welche Handlungsregeln angewendet werden sollen. In solchen Situationen kommt es zu einer Überlagerung: Unpassende oder irrelevante Informationen drängen sich in den Vordergrund und überdecken die Reize, die für die eigentliche Aufgabe entscheidend wären. Für den Arbeitsalltag ist das vor allem deshalb wichtig, weil reale Projektarbeit selten aus klaren, immer gleichen Handlungsanweisungen besteht und damit genau diese „Regelunsicherheit“ häufiger auftritt als man im Tagesgeschäft wahrnimmt.
Der zweite Effekt zeigt sich zeitlich und damit meist unmittelbar messbar. Bereits 2009 berichteten Forschende der Stanford University in den Proceedings of the National Academy of Sciences, dass Personen mit starkem Hang zum Multitasking bei Informationsfilterung, Arbeitsgedächtnis und Aufgabenwechsel schlechter abschnitten als Vergleichsgruppen. Die American Psychological Association ergänzt das Bild um eine praktische Faustregel: Jeder Wechsel kostet messbare Zeit, insbesondere bei komplexen Inhalten. Aus der Arbeit im Büroalltag werden zudem konkrete Taktungen genannt: Erhebungen der University of California, Irvine mit Beteiligung von Gloria Mark veranschaulichen, dass Wissensarbeiter im Schnitt alle elf Minuten unterbrochen werden. Solche Muster machen verständlich, warum sich Leistung nicht linear aus „mehr erledigen“ ergibt, sondern stark von der Unterbrechungsfrequenz und der Qualität der Rückkehr zur Aufgabe abhängt.
Nach einer Störung dauert es der Darstellung zufolge rund 25 Minuten, bis wieder eine tiefe Konzentrationsphase erreicht ist. Das ist mehr als ein Bauchgefühl, denn der Weg zurück in einen produktiven Bearbeitungszustand umfasst nicht nur „mentale Ordnung“, sondern auch das erneute Ansteuern der passenden Aufmerksamkeitsressourcen. Die Neurowissenschaftlerin Sahar Yousef von der University of California, Berkeley erläuterte zudem Mitte Oktober 2026, dass ständige Aufgabenwechsel die Arbeitsgeschwindigkeit um bis zu 60 Prozent reduzieren können. Im Kern arbeitet dabei nicht nur die Aufmerksamkeit als solche, sondern auch die Belastungsbiologie: Der permanente Fokuswechsel trifft vor allem den dorsolateralen präfrontalen Cortex, der die Aufmerksamkeit steuert, während eine parallele Aktivierung der Amygdala die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin anstößt. Daraus kann ein Kreislauf entstehen, in dem Anspannung die Leistungsfähigkeit weiter senkt, was wiederum neue Fehlerwahrscheinlichkeiten begünstigt.
Für Unternehmen heißt das: Die Herausforderung ist nicht, dass Mitarbeitende „zu wenig Disziplin“ haben, sondern dass Prozesse und Arbeitsumgebungen Aufmerksamkeit systematisch fragmentieren. Genau hier lohnt sich der Blick auf technische und organisatorische Stellschrauben, die ohne großen Schulungsaufwand wirken können. In der Quelle wird als Beispiel genannt, dass Laborexperimente die Umstellung des Smartphones auf Graustufen über drei Wochen mit einem Rückgang der täglichen Gerätenutzung um durchschnittlich eine Stunde verbinden. Auch das ist letztlich ein Eingriff in das Unterbrechungsdesign: Weniger visuelle Reize und weniger unmittelbarer Zugriff reduzieren Trigger, die den Aufmerksamkeitswechsel immer wieder in Gang setzen. Ergänzend werden feste Zeitfenster für E-Mails genannt und das bewusste Platzieren digitaler Geräte außerhalb des Blickfelds, plus kurze Bewegungspausen, die den Körper entlasten und damit indirekt kognitive Überlastung dämpfen können.
Ein weiterer Ansatz zielt auf Priorisierung und Routine. Fachleute raten zu einer bewussten Arbeitsorganisation mit klar definierten Prioritäten; in dem beschriebenen Vorgehen steht im Vordergrund, den Arbeitstag auf ein bis drei zentrale Hauptaufgaben zu fokussieren und mindestens sieben Stunden Schlaf einzuhalten. Für die Praxis ist diese „kleine Zahl“ entscheidend: Je stärker das Tageslayout mehrere gleichwertige Startpunkte anbietet, desto häufiger müssen Mitarbeitende entscheiden, welche Regel gerade gilt, was wiederum genau die kognitiven Überlagerungen begünstigen kann, die in der Nature-Neuroscience-Studie beschrieben werden. Wenn Konzentrationsphasen gezielt geplant sind, wird außerdem eine Art Schutzraum geschaffen: Der Wechsel erfolgt dann eher als bewusstes Ereignis und nicht als ungeplantes Nebenprodukt jeder Benachrichtigung.
Aus Branchensicht verschiebt sich damit der Fokus weg von vermeintlicher Parallelisierung hin zu steuerbarer Arbeitszeit. Besonders in Teams mit Wissensarbeit, Projektkoordination oder Analyseaufgaben ist die Annahme „Wir verteilen es auf mehrere Kanäle“ häufig der falsche Hebel, weil sie die Unterbrechungsrate erhöht und die Rückkehr in Tiefe verzögert. Unternehmen, die dagegen klarere Arbeitsfenster, weniger simultane Kommunikationskanäle und verbindliche Regeln für Unterbrechungen etablieren, können die Produktivität nicht nur steigern, sondern auch Stressspitzen reduzieren. Am Ende ist es eine technische und organisatorische Frage zugleich: KI-Tools oder Automatisierung können einzelne Schritte beschleunigen, aber sie ersetzen nicht die Notwendigkeit, die Aufmerksamkeit so zu führen, dass Regeln sicher angewendet werden können und Leistung nicht in einem Kreislauf aus Störung, Anspannung und Fehlern endet.
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