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FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Ausstellung „DEEP FIELD. Die Vermessung des Unvorstellbaren“ bringt ab November 2026 im MGGU Kunst und aktuelle Astrophysik zusammen. Im Fokus stehen Arbeiten von Katie Paterson und Armin Linke, ergänzt durch Ausstellungssatelliten in Frankfurts Osthafen und in der Studiengalerie 1.357. Die Schau macht erfahrbar, wie aus lang belichteten Himmelsaufnahmen und Spektralanalyse wissenschaftliche Bilder entstehen – und wie Künstler diese Prozesse in neue Wahrnehmungsräume übersetzen. Besucher können zudem per Teaching Wall, Podcast und Workshops aktiv Fragen zur Entstehung von Wissen stellen.

„Deep Field“: Wenn Kunst und Astrophysik Bilder vom Kosmos neu verhandeln
„Deep Field“: Wenn Kunst und Astrophysik Bilder vom Kosmos neu verhandeln (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer in ein Ausstellungshaus geht, erwartet selten, dass technische Messmethoden zum ästhetischen Material werden. Genau das versucht „DEEP FIELD. Die Vermessung des Unvorstellbaren“ ab dem 6. November 2026 im MGGU – Museum Giersch der Goethe-Universität: Die Schau stellt den Begriff „Deep Field“ in den Mittelpunkt und übersetzt ihn zugleich in Kunstpraxis und Wissensfragen. Aus der Ferne betrachtet wirkt ein Deep Field wie eine fotografische Magie – doch der Kern ist methodisch: Langzeitbelichtungen lassen lichtschwache Galaxien sichtbar werden, während parallel dazu Datenaufnahme, Kalibrierung und Auswertung erst die Grundlage schaffen, aus Pixeln überhaupt Erkenntnisse abzuleiten. Bis zum 30. Mai 2027 wird dieses Zusammenspiel zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis, visueller Wahrnehmung und künstlerischer Interpretation nicht als Hintergrundrauschen behandelt, sondern als zentrales Thema inszeniert.

Der Begriff Deep Field geht auf eine konkrete technische Leistung zurück: 1995 entstand das erste Deep Field mit dem Hubble-Weltraumteleskop. Heute liefern auch das James-Webb-Weltraumteleskop und ähnliche Beobachtungsansätze „tiefe Einblicke“ in den Kosmos – aber der Schritt von „tiefer sehen“ zu „verstehen“ ist nicht automatisch. In der Ausstellung wird deshalb nicht nur das Ergebnis gezeigt, sondern der Weg dahin: Wie Licht auf Detektoren ankommt, wie daraus erst Rohdaten werden, und warum die Interpretation zwangsläufig von den gewählten Verfahren abhängt. Gerade für Nicht-Physiker ist das wichtig, weil wissenschaftliche Bilder oft wie unmittelbare Fenster wirken. Die Schau macht dagegen deutlich, dass jedes Bild eine Übersetzung ist – vom Spektrum zur Messgröße, von der Messgröße zur Visualisierung, und schließlich von der Visualisierung zur Bedeutung.

Im ersten Obergeschoss treten die Arbeiten von Katie Paterson als Brücke zwischen kosmischer Zeit und menschlichem Erleben auf. Paterson untersucht laut Ausstellung die Beziehungen zwischen menschlicher Existenz, planetaren Entwicklungen und kosmischen Zeiträumen. Für drei neue Arbeiten arbeitet sie dabei mit den Astrophysikerinnen Prof. Dr. Camilla Juul Hansen und Prof. Dr. Hannah Elfner sowie deren Forschungsgruppen zusammen. Besonders greifbar wird dieser Transfer im Werk „Night“: Die Lichtinstallation verdichtet das Farbspektrum von rund 9.000 mit bloßem Auge sichtbaren Sternen zu einer leuchtenden Skulptur. Die Arbeit „Icarus“ übersetzt das Licht eines extrem weit entfernten Sterns in einen subtilen Blauton – ein Prozess, der zeigt, wie weit die Strecke vom beobachteten Ereignis bis zum wahrnehmbaren Artefakt tatsächlich sein kann. Daneben lässt „Ideas“ poetische Satzfragmente aufleuchten und kurze Zeit später wieder verschwinden; inspiriert von Forschung zu Quantenzuständen im frühen Universum verbindet das Werk die Flüchtigkeit von Gedanken mit der Unfassbarkeit kleinster Teilchen. Damit wird der Blick auf wissenschaftliche Abbildungstechniken indirekt vorbereitet: Wenn selbst Zeit und Zustand nur über Mess- und Darstellungswege zugänglich sind, dann ist die künstlerische Form nicht bloß Dekoration, sondern ein Modell dafür, wie Erkenntnis „lesbar“ wird.

Im zweiten Obergeschoss verschiebt sich die Perspektive von der Bildwirkung hin zu den Informationswegen. Armin Linke untersucht mit „Light, refracted“ die Entstehung wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Herstellung und Vermittlung von Daten. Fotografien, Filme, Texte und wissenschaftliche Objekte zeigen Beobachtungsprozesse – und die Ausstellung benennt auch die Stationen dazwischen: Daten entstehen, werden verarbeitet, archiviert und schließlich in Wissen übersetzt. Damit rückt ein technisches Kernprinzip der Astronomie in den Vordergrund: Licht ist der zentrale Informationsträger. Teleskope sammeln Strahlung weit entfernter Himmelskörper, und mithilfe der Spektralanalyse lassen sich unter anderem Rückschlüsse auf die chemische Zusammensetzung und die Entwicklung astronomischer Objekte ziehen. Linke richtet den Blick jedoch nicht nur auf die Instrumente, sondern auch auf die Voraussetzungen der Forschung: auf die Menschen hinter den Daten, die abgelegenen Standorte der Observatorien und die technischen Prozesse, durch die wissenschaftliche Bilder entstehen. Genau diese Kette ist in der Praxis entscheidend – denn Spektren sind keine „Fakten“, die man einfach abliest, sondern Messsignale, die durch Kalibrierungen, Modellannahmen und Visualisierungsentscheidungen geprägt werden.

Damit erweitert sich die Schau zugleich in den Stadtraum. Ein Ausstellungssatellit im Frankfurter Osthafen startet erstmals als Kooperation des MGGU mit dem Atelierfrankfurt: Vom 30. Oktober 2026 bis zum 11. Februar 2027 zeigt Nina Caviezel in der RAMPE die Neuproduktion „From Dust to Data“. Fotografien, Archivmaterial und eine 22-minütige Videoarbeit nehmen Reinraumtechnologien und Datenprozesse in den Blick, die Weltraumteleskope wie Hubble und James Webb überhaupt erst ermöglichen. Diese Betonung ist mehr als nur „Behind the Scenes“: Reinraumumgebungen adressieren die Frage, wie reproduzierbare Messungen zustande kommen, wenn Staub, Partikel und Materialalterung die Messkette beeinflussen. Später folgt ein zweiter Satellit in der Studiengalerie 1.357: Vom 4. November bis zum 9. Dezember 2026 läuft die Videoarbeit „Another dream under the Troposphere“ von Rashiyah Elanga. In dem 18-minütigen Werk reist die Astronautin Eli zum Jupitermond Europa, um Möglichkeiten einer menschlichen Besiedlung zu erkunden – und verbindet damit Afrofuturismus, DIY-Ästhetiken und Fragen nach Schwarzer Identität, Zugehörigkeit und kolonialen Kontinuitäten. Der gemeinsame Nenner beider Satelliten liegt im Wechselspiel: Technische Machbarkeit und Bildproduktion werden als kulturelle Handlungen lesbar, nicht als neutrale Abläufe.

Auch die Begleitformate zielen auf Beteiligung statt reiner Rezeption. Ein sechsteiliger Podcast begleitet die Ausstellung und vertieft die Themen; vorgestellt werden Künstler: innen, Wissenschaftler: innen und das kuratorische Team, die über die Zusammenarbeit und unterschiedliche Zugänge zur Erforschung des Universums sprechen. Die Folgen sind vor Ort sowie online über Spotify und Apple Podcasts verfügbar. Für den Dialog mit den Besucher: innen gibt es zudem eine Teaching Wall, an der Fragen, Gedanken und Ideen hinterlassen werden können. Laut Konzept werden diese von beteiligten Wissenschaftler: innen der Goethe-Universität regelmäßig aufgegriffen und beantwortet. Workshops für Schulklassen ergänzen das Programm: Kinder und Jugendliche erforschen die Rolle von Licht und Farbe im Kosmos und experimentieren selbst mit fotografischen Verfahren. So entsteht ein praktischer Bezug zu genau dem, was in den Arbeiten von Paterson und Linke im Raum sichtbar wird: Dass Bilder aus Messungen entstehen, aber erst durch Kontext und Interpretation zu Wissen werden – und dass man diese Übersetzung aktiv mitlernen kann.


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