LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verknüpft regelmäßigen Teekonsum mit einem geringeren Risiko für Gefäßkrankheiten wie Schlaganfall und koronare Herzerkrankungen. Über fast 500.000 Teilnehmende hinweg sinkt die Gesamtgefahr für Betroffene um 11,2 Prozent. Besonders deutlich ist der Effekt bei ischämischem Schlaganfall mit -36,6 Prozent. Gleichzeitig wirkt sehr heiß getrunkener Tee offenbar in die Gegenrichtung.

Regelmäßiger Tee könnte in der Prävention vaskulärer Erkrankungen eine größere Rolle spielen, als viele im Alltag annehmen. Eine Studie in Journal of Internal Medicine kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen, die Tee mindestens dreimal pro Woche trinken, im Durchschnitt ein niedrigeres Risiko haben, im Verlauf der Beobachtungszeit an Gefäßkrankheiten zu erkranken. Im Fokus stehen dabei nicht nur der klassische Herzinfarkt, sondern auch Schlaganfälle und weitere Erkrankungen des Gefäßsystems. Entscheidend ist: Die Wirkung wird nicht als „Wundermittel“ beschrieben, sondern als statistische Assoziation, die sich nach Zubereitung und Trinkverhalten teilweise deutlich unterscheidet.
Technisch betrachtet liefert die Studie eine Art „Dosis-Wirkungs“-Bild, das aber nicht linear ausfällt. Die Forschenden haben nahezu 500.000 Personen in China über im Mittel neun Jahre begleitet und dabei sowohl den Teekonsum als auch neu auftretende Krankheiten erfasst. Personen, die regelmäßig mindestens drei Mal pro Woche Tee trinken, zeigen insgesamt 11,2 % weniger Risiko für Gefäßkrankheiten. Besonders ausgeprägt ist die Korrelation beim ischämischen Schlaganfall: Hier wird eine Reduktion um 36,6 % berichtet. Für zerebrovaskuläre Erkrankungen liegt der Rückgang bei 19,1 %. Solche Größenordnungen sind bemerkenswert, aber sie müssen im Kontext einer Beobachtungsstudie gelesen werden, bei der Ernährung und Lebensstil der Teilnehmenden nicht vollständig vergleichbar sind.
Warum könnte Tee überhaupt eine schützende Wirkung entfalten? Grundlage ist die Pflanzenchemie von Camellia sinensis, dem immergrünen Strauch, aus dem weiße, grüne, oolong-, schwarze und pu-erh-Tees stammen. Der Unterschied zwischen den Sorten entsteht unter anderem durch den Oxidationsgrad bei der Verarbeitung. Der Tee enthält bioaktive Substanzen wie Polyphenole und Flavonoide, denen antioxidative, entzündungshemmende und „endothel-schützende“ Effekte zugeschrieben werden. Gemeint ist damit vor allem die innere Auskleidung der Blutgefäße, das Endothel, das eine Schlüsselrolle für gesunden Blutfluss und Gefäßfunktion spielt. In der Argumentation der Studienautoren passt das zu einem Modell, in dem weniger chronische Entzündungsprozesse und eine bessere Funktion der Gefäßwände das Auftreten bestimmter Gefäßereignisse begünstigen.
Die spannendste praktische Erkenntnis steckt in der Frage, wie der Tee getrunken wird. Laut Studie variieren die schützenden Zusammenhänge je nach Zubereitung und Konsumverhalten erheblich. Der Median lag bei den Teilnehmenden zwischen zwei und drei Tassen pro Tag, dennoch war das niedrigste Risiko in der Gruppe mit einem Konsum von sechs bis acht Tassen täglich zu sehen. Beim Teetyp zeigte sich zudem eine klare Reihenfolge: Schwarzer Tee weist die stärkste und konsistenteste Assoziation mit einer geringeren Gefährdung auf, gefolgt von grünem Tee. Als Erklärung werden teils aus der Fermentation stammende Verbindungen wie Theaflavine genannt, die antiinflammatorische Eigenschaften und Wirkungen auf den Fettstoffwechsel besitzen sollen. Auch die Aufbrühtemperatur und -stärke spielen offenbar eine Rolle: Am günstigsten war eine „mäßig starke“ Zubereitung, die nicht zu heiß serviert wird.
Besonders aufhorchen lässt der Befund zur Temperatur: Sehr heißer Tee war in der Studie mit einem höheren Risiko für Gefäßkrankheiten verknüpft, konkret mit einem Anstieg um 16 %. Das ist aus Präventionssicht relevant, weil viele Menschen Tee traditionell sehr heiß trinken und das im Alltag selten systematisch kontrollieren. Zudem verweist die Studie auf frühere Zusammenhänge zwischen sehr heißen Getränken und einer höheren Wahrscheinlichkeit für Speiseröhrenkrebs. Damit ergibt sich eine doppelte Botschaft: Tee als Getränk kann potenziell günstige Inhaltsstoffe liefern, aber das „Wie“ entscheidet mit darüber, ob das Gesamtbild positiv bleibt. Für Gesundheitsverantwortliche und behandelnde Teams ist das ein Hinweis, Zubereitungs- und Trinkgewohnheiten stärker in Beratungsgespräche einzubauen, statt sich nur auf die Frage „Tee ja oder nein?“ zu konzentrieren.
Auch die Einordnung der Studienautoren unterstreicht die Grenzen der Aussagekraft. Zwar ist die Assoziation in den meisten demografischen Untergruppen ähnlich, gleichzeitig wird sie bei Menschen mit Adipositas als deutlich stärker beschrieben. Das ist jedoch kein Beleg für einen kausalen Mechanismus. Wie genau Ernährung insgesamt, körperliche Aktivität, Rauchverhalten oder soziale Faktoren die Ergebnisse mitbeeinflusst haben, lässt sich aus einem Beobachtungsdesign nicht vollständig trennen. Eine zentrale Warnung lautet daher: Tee allein ersetzt keine etablierten Präventionsstrategien. Dell Stanford, Senior-Dietitian der British Heart Foundation, die nicht an der Studie beteiligt war, ordnete die Befunde so ein: „This was an observational study and other differences in people’s diets and lifestyles could help explain the findings, “ sagte sie. „The results don’t prove that a daily cuppa protects your heart.“ Für Unternehmen und öffentliche Gesundheitssysteme ist das eine wichtige Kommunikationsempfehlung: Die Daten eignen sich, um Verhalten ergänzend zu diskutieren, nicht um medizinische Leitlinien zu ersetzen.
Der Markt- und Anwendungsbezug liegt vor allem in der Alltagstauglichkeit. Tee ist in vielen Kulturen ein etablierter Bestandteil des Speiseplans – von englischem Breakfast bis zu Teezeremonien in Teilen Asiens. Die Studie bietet damit einen messbaren Hebel, der in Schul- und Ernährungsprogrammen, bei Betriebsgastronomie oder in Gesundheitschecks relativ leicht adressierbar wäre. Gleichzeitig zeigt der Befund, dass Beratung differenzieren sollte: Mehr Tassen sind offenbar nicht automatisch gleichbedeutend mit „mehr Schutz“, wenn Temperatur oder Stärke ungünstig gewählt werden. Für die Praxis heißt das: Wer Tee zur Gefäßprävention erwägt, könnte von moderater Stärke und nicht zu heißer Zubereitung profitieren. In einem Umfeld, in dem Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Europäischen Union weiterhin häufig sind, bleibt die Botschaft dennoch nüchtern: Tee kann als Teil eines gesunden Lebensstils verstanden werden, aber er ist keine alleinige Lösung.
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