HANNOVER / LONDON (IT BOLTWISE) – Die IG Metall fordert die Rücknahme der Kündigung von rund zehn Tarifverträgen bei Volkswagen bis Ende Oktober. Der niedersächsische IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger droht bei Nichteinhaltung mit einer „gewaltigen Maschinerie“ für den Arbeitskampf und kündigt weitere Schritte an. Betroffen sind nach Unternehmensangaben etwa 130.000 Beschäftigte in Deutschland, deren Haustarif-Verträge zum 31. Dezember 2026 auslaufen. Während die Tarifverhandlungen spätestens Anfang Dezember starten sollen, steht am Freitag in Hannover ein weiteres Prüfungsgespräch auf dem Plan.

Die Ereignisse rund um die Volkswagen-Tarifrunde entwickeln sich gerade zu einem klassischen Belastungstest für die Industriekommunikation: Während die VW-Führung ihren Kostendruck betont und mehrere Regelwerke des Haustarifs aufkündigt, setzt die IG Metall auf Zeit, klare Bedingungen und Eskalationsfähigkeit. Im Kern geht es um die Frage, ob „Kürzen“ und „Anpassen“ im laufenden Verhandlungsprozess politisch und arbeitsrechtlich als Vertrauensgrundlage tragfähig bleiben. Die Gewerkschaft verlangt bis Ende Oktober die Rücknahme der Kündigung einer Reihe von Tarifverträgen – und koppelt diese Forderung direkt an die Bereitschaft, den Konflikt bei Bedarf in den Arbeitskampf zu tragen.
Inhaltlich ist die Lage besonders heikel, weil die gekündigten Verträge nach Darstellung der Beteiligten fast alle Vereinbarungen des Haustarifs abdecken. Dazu zählen Arbeitszeitmodelle, Urlaubsregelungen und Zulagen, also genau jene Parameter, die Beschäftigte im Alltag spüren und die für Planbarkeit in Schicht- und Einsatzsystemen stehen. Volkswagen hatte Ende September insgesamt zehn Tarifverträge gekündigt, um mit Blick auf den aktuellen Kostendruck verschiedene Regelungen neu zu verhandeln. Konkrete Forderungen des Unternehmens wurden bislang allerdings nicht vorgelegt, was die IG Metall als fehlende Transparenz interpretiert und damit die Verhandlungsbasis verkompliziert. Zugleich verhandelt man in Deutschland traditionell weniger über abstrakte Umstellungen als über konkrete Ausgleichslogik: Wie viel Flexibilität erhält der Arbeitgeber, und wie viel Sicherheit bekommen Beschäftigte dafür im Gegenzug.
Thorsten Gröger, niedersächsischer IG-Metall-Bezirksleiter, ordnete den Schritt als Vertrauensbruch ein und sprach von einer Kündigung, die man zurücknehmen könne. Gleichzeitig ließ er keinen Zweifel daran, dass die Gewerkschaft auf Eskalation vorbereitet ist: Wenn die Kündigungen nicht zurückgenommen werden, rollle „eine gewaltige Maschinerie“, die den Arbeitskampf bei Volkswagen vorbereite. Diese Wortwahl wirkt aus Sicht des Marktes nicht nur als rhetorischer Druck, sondern auch als Signal für die Durchsetzungslogik der Organisation – denn Streikfähigkeit hängt in der Praxis von der Mobilisierung in den betroffenen Werken und der Koordination zwischen Gewerkschaft und Betriebsrat ab. Betroffen von den Kündigungen zum 31. Dezember 2026 sind rund 130.000 Beschäftigte der Volkswagen AG in Deutschland, einschließlich Volkswagen Pkw und Nutzfahrzeuge, der Komponentensparte sowie zentraler Konzernbereiche.
Mit dem Ende September gestarteten Kündigungsprozess rückt die nächste Taktung in den Mittelpunkt: Die anstehenden Tarifverhandlungen zwischen Volkswagen und der IG Metall müssen einer Vereinbarung zufolge spätestens Anfang Dezember beginnen. Als erster Verhandlungstermin wurde der 24. November vorgeschlagen, und nach Ansicht der Gewerkschaft sollen die Gespräche an den „bedrohten“ Standorten Emden, Hannover und Zwickau geführt werden. Hier wird ein betriebsnaher Verhandlungsansatz sichtbar: Statt sich ausschließlich in zentralen Gremien zu verbeißen, sollen Themen dort auf den Tisch, wo sie unmittelbar mit Standort- und Investitionsfragen verknüpft sind. Gröger formulierte zudem, dass Tarifverhandlungen nicht in der „Wohlfuhlzone“ der Vorstandsetage stattfänden, sondern in dem Bereich, in dem die Zukunft der Standorte auf dem Spiel stehe.
Die IG Metall nennt für die Tarifrunde zunächst fünf Prozent mehr Geld, betont dabei aber, dass es nicht zwingend bei diesem Ausgangspunkt bleiben müsse. Aus Sicht der Gewerkschaft eröffnet die Kündigung einen größeren Raum für Forderungen, weil die Verhandlungsagenda verschoben wird: Was vorher als „gesetzt“ galt, wird mit der Kündigungslogik plötzlich verhandelbar. Gröger verweist auf konkrete Vorstellungen, darunter eine Verlängerung der Altersteilzeit-Regelungen sowie die Frage, wie weit Beschäftigungssicherung in die 2030er Jahre hinein fortgeschrieben werden kann. Parallel fordern die Arbeitnehmervertreter „zu gegebener Zeit“ ein umfassendes Konzept für die Zukunft von Volkswagen – ein Punkt, der in der Automobilindustrie regelmäßig über die Tarifpolitik hinaus wirkt, weil Standort- und Beschäftigungsfragen eng mit Investitionsplänen, Produktionsvolumina und der Transformation hin zu elektrifizierten Antriebs- und Fertigungssystemen zusammenhängen.
Auch an der organisatorischen Front wird der Konflikt bereits in die nächste Phase geführt: Am Freitag treffen sich Vertreter von VW, IG Metall und Betriebsrat in Hannover zu einem weiteren Überprüfungsgespräch. Die Beschäftigten verlangen Klarheit darüber, ob und wie VW Zusagen aus dem Zukunftstarifvertrag von 2024 einhält, während das Management im Gegenzug erklären wolle, warum die damals vereinbarten Einsparungen aus seiner Sicht nicht mehr ausreichen. Für Unternehmen bedeutet das: Selbst wenn die Verhandlungen formell im Dezember starten, werden die eigentlichen Fronten bereits jetzt gezogen – über Interpretationen von bestehenden Zusagen, über die zeitliche Einbindung von Werksleitungen und über die Frage, ob das Unternehmen im Zweifel nur „Sparbedarf“ kommuniziert oder auch einen belastbaren Ausgleichsmechanismus. An der Börse zeigt sich derweil Nervosität: Im XETRA-Handel notiert die Volkswagen-Aktie vor dem Wochenende zeitweise 1,47 Prozent im Minus bei 68,36 Euro. Für die weitere Entwicklung wird entscheidend sein, ob die Gespräche in Hannover die Eskalationsspirale bremsen und ob Volkswagen rechtzeitig mit substanziellen Verhandlungsvorschlägen kommt – oder ob der Konflikt in eine Phase übergeht, in der Arbeitsunterbrechungen zum realen Risiko für Produktionspläne werden.
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