LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte Angriffskampagne soll weltweit Enterprise-Firewalls und VPN-Zugänge ins Visier genommen haben. Laut einer gemeinsamen Analyse von Group-IB und NyxLab werden über 70.000 zugehörige Zugangsdaten und LDAP-Dumps mit dem Cluster in Verbindung gebracht. Als Angriffsweg nennt die Untersuchung sowohl Exploits mit CVE-Referenzen als auch Brute-Force-Angriffe über öffentlich erreichbare Edge-Geräte. Der Angreifer „k0t“ soll zudem über Persistenz- und Remote-Access-Tools dauerhaften Zugriff aufgebaut haben.

Die aktuelle Sicherheitslage wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Fall von Credential Theft, hat aber einen entscheidenden Schwerpunkt: Der Angriffsstart passiert nicht im Netzwerkinneren, sondern an der exponierten Kante. Laut der gemeinsamen Untersuchung von Group-IB und NyxLab zielt eine Kampagne mit dem Akteur „k0t“ auf öffentlich erreichbare VPN- und Firewall-Installationen, insbesondere Fortinet FortiGate sowie Palo Alto Networks GlobalProtect. Besonders brisant ist dabei die Größenordnung: Im Zusammenhang mit der Aktivität werden über 70.000 „exposed credentials“ für Netzwerkgeräte und zusätzlich LDAP-Dumps identifiziert. Das Muster passt zu einem Vorgehen, das weniger auf das Studium einzelner Unternehmen setzt, sondern auf das systematische Scannen und Ausnutzen erreichbarer Schwachstellen.
Technisch folgt die Kette einem Ablauf, der sich in mehreren Stufen verdichtet. Zuerst werden laut Analyse Reconnaissance und Target Enumeration über öffentlich genutzte Such- und Scanning-Tools wie FOFA und ZoomEye durchgeführt. Dabei wird nicht nur gelistet, welche Appliances im Internet sichtbar sind, sondern anschließend nach Produkt und Verwundbarkeit gefiltert, um Ziellisten für „potenziell anfällige“ Edge-Geräte zusammenzustellen. Danach kommt der Zugriff: Zum Einsatz sollen bekannte Schwachstellen wie CVE-2025-64446 (Path Traversal in FortiWeb) sowie CVE-2026-0257 (Authentication Bypass in PAN-OS und Prisma Access) kommen. Ergänzend nennt die Untersuchung speziell beschriebene Python-Skripte („fortnew.py“ und „exploit_2026_0257.py“), und für den Fall fehlender Exploit-Möglichkeiten wird auch Brute Force beschrieben – mit typischen Username-and-Password-Kombinationen, die bei schlecht gepflegten Konfigurationen Trefferquoten erzielen können.
Den Übergang von „erstem Zugriff“ zu „handlungsfähigem Zugang“ beschreibt die Analyse dann über eine weitere technische Weichenstellung: Eine OpenConnect-VPN-Verbindung soll als Foothold dienen. In der Folge folgen Post-Exploitation-Schritte und weitere Credential-Theft, darunter die Enumeration von Active Directory sowie SMB-Ressourcen und selbst installierten Antivirus-Lösungen. Gerade diese Mischung ist für viele Organisationen gefährlich, weil sie die spätere Ausbreitung beschleunigt und die Angreifer ihre Werkzeuge an die tatsächliche Verteidigungslage anpassen können. Für Persistenz werden danach legitime Remote-Access-Komponenten genannt, etwa MeshCentral Agent, Atera, Teramind und AnyDes; zusätzlich taucht ein Open-Source-Adversary-Emulation-Framework namens AdaptixC2 auf, das in dieser Darstellung als Teil der dauerhaften Zugriffsfähigkeit eingeordnet wird.
Auch der Datenabfluss wirkt wie eine durchdachte „Pipeline“ statt wie ein einzelnes Exfiltration-Experiment. Die Untersuchung nennt Rclone als Transportwerkzeug, um erbeutete Daten in Wasabi S3-Buckets sowie auf MEGA-Cloud-Drive-Strukturen zu übertragen. Parallel dazu wird die Tiefenbewegung in Unternehmensumgebungen mit einer Reihe bekannter administrativer und pentesting-orientierter Utilities beschrieben, darunter NetExec, SoftPerfect, Impacket, noPac, Kerbrute, PetitPotam und Mimikatz. Damit wird ein Mechanismus sichtbar, der besonders in heterogenen Windows-Umgebungen funktioniert: Die Angreifer greifen auf ausgereifte Off-the-shelf-Komponenten zurück, um Rechte zu erweitern, Service- und Domäneninformationen auszulesen und Credentials systematisch weiterzugeben. Für Sicherheitsverantwortliche ist das vor allem deshalb relevant, weil die Tools auf den ersten Blick „legitim“ wirken können, während die Kombination und die Zugriffskette selbst ein klares Angriffsmuster ergibt.
Der Kontext zur Einordnung des Akteurs „k0t“ liefert weitere Hinweise, die für die Abwehrplanung nützlich sind. Laut der Analyse soll „k0t“ Verbindungen zu Ransomware-Gruppen wie Qilin und The Gentlemen aufweisen, möglicherweise als Initial-Access-Broker oder Affiliate; der genaue Charakter bleibt jedoch laut den Forschern unklar. Interessant ist außerdem, dass die Dark-Web-Aktivitäten des Akteurs auf eine Einkaufsstrategie für Exploit-Codes, Tools oder Premium-Accounts für Metadaten-Suchmaschinen schließen lassen. Zeitlich verortet die Untersuchung einen großen Teil der Kompromittierungen zwischen Februar und Juni 2026; zudem überschneidet sich das mit einem anderen Credential-Harvesting-Cluster namens „FortiBleed“. Geografisch konzentrieren sich die Opfer laut Aufschlüsselung zu rund 38% im Asia-Pazifik-Raum, gefolgt von 31,9% in Lateinamerika, 15,8% in Europa sowie 12,7% im Nahen Osten und Nordafrika. Dabei erscheint der Produkt- und Standort-Fokus der exponierten Geräte wichtiger als die Branche der betroffenen Organisationen.
Für die Praxis ergibt sich daraus ein klarer Schwerpunkt: Organisationen sollten nicht nur auf einzelne Indikatoren wie bösartige IPs reagieren, sondern die öffentlich erreichbare Angriffsfläche systematisch reduzieren und hart absichern. Die Forscher empfehlen, die in dem Bericht genannten Schwachstellen zeitnah zu beheben. Gleichzeitig lohnt sich ein Abgleich der eigenen Edge-Exponierung: Welche VPN- und Firewall-Instanzen sind ohne zusätzliche Schutzschicht erreichbar, welche Versionen laufen, und welche Administrationswege sind vorhanden? Wenn Persistenz über Remote-Access-Tools gelingt, wird außerdem eine saubere Inventarisierung dieser Agenten und eine Überprüfung ihrer Berechtigungen wichtig. Im Kern zeigt der Bericht, dass sich moderne Intrusionen immer öfter wie ein Skalierungsproblem verhalten – erst Scan, dann Filter, dann Exploit oder Brute Force, danach tiefe Systemarbeit. Genau diese Kette sollten Unternehmen mit Patch- und Härtungsprioritäten zuerst unterbrechen, bevor Credential-Sammlung und Datenabfluss überhaupt beginnen.
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