BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Studierende bewerten Sicherheit bei der Jobsuche aktuell höher als Gehalt und mögliche Gehaltssteigerungen. Laut einer Umfrage der Beratungsgesellschaft EY entschieden sich 52 Prozent für das Kriterium „sicherer Arbeitsplatz“, 10 Prozentpunkte mehr als vor zwei Jahren. Gleichzeitig sank die Bedeutung der Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf von 38 auf 26 Prozent. EY verweist auf eine schwächelnde Wirtschaft und rät Absolventen, Sicherheit und Chancen klug abzuwägen.

Die Jobsuche von Studierenden wirkt derzeit weniger wie ein reines Gehaltsranking, sondern eher wie ein Sicherheitscheck. In einer Umfrage der Beratungsgesellschaft EY, die im Frühjahr 2026 durchgeführt wurde und mehr als 2.000 Studierende befragt haben soll, landete der „sichere Arbeitsplatz“ mit 52 Prozent auf Platz eins. Damit liegt das Sicherheitskriterium 10 Prozentpunkte über dem Wert von vor zwei Jahren. Für Unternehmen bedeutet das: Während viele Absolventen früher vor allem das finanzielle Wachstum nach vorn stellten, rückt heute die Stabilität der Perspektive spürbar in den Vordergrund.
Diese Verschiebung verändert auch die Logik hinter der Entscheidung für eine Stelle. Früher waren Gehalt und mögliche Gehaltssteigerung das Top-Kriterium; laut der Auswertung steht es inzwischen nur noch an zweiter Stelle. Hinzu kommt, dass das Interesse an klar planbaren Arbeitsbedingungen nicht gleichmäßig gestiegen ist, sondern sich selektiv verlagert hat: Die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf verlor deutlich an Gewicht und fiel von 38 auf 26 Prozent. Damit wird sichtbar, dass „Flexibilität“ allein offenbar nicht mehr automatisch als stärkstes Entscheidungskriterium zählt, wenn gleichzeitig die Angst vor Unsicherheit größer wird.
Der Blick geht dabei über die reine Frage nach dem Fixum hinaus. EY nennt laut den Angaben als Grund die angespannte wirtschaftliche Lage: Die Wirtschaft schwächele seit Jahren, Unternehmen hielten sich bei Neueinstellungen zurück, und es gebe spürbar weniger Einstiegsstellen. Jan-Rainer Hinz wird in dem Bericht mit der Aussage zitiert: „Sicherheit steht beim Berufseinstieg ganz oben.“ Entscheidend ist die Konsequenz, die EY daraus ableitet: Wer startet, schaue zuerst darauf, ob die Stelle „hält“, und sehe das Gehalt erst danach als zweiten Hebel.
Für HR und Recruiting-Teams ist damit weniger ein einzelnes Recruiting-Argument relevant, sondern die Reihenfolge der Argumente im Kopf der Zielgruppe. Aspekte wie flache Hierarchien sowie die Möglichkeit zu selbstständigem und eigenverantwortlichem Arbeiten werden nach der Umfrage inzwischen als weniger bedeutsam eingestuft. Das ist eine Herausforderung für Arbeitgebermarken, die in der Vergangenheit stark über Gestaltungsspielräume, Kulturversprechen und schnelle Entscheidungswege kommuniziert haben. Gleichzeitig heißt das nicht, dass solche Faktoren wertlos geworden wären, sondern dass sie im aktuellen Marktumfeld möglicherweise weniger Aufmerksamkeit bekommen, solange die Grundfrage nach Stabilität nicht eindeutig beantwortet ist.
EY empfiehlt Absolventen dennoch, nicht nur auf Sicherheit zu setzen. Der Grund liegt auf der gleichen Ebene wie die Umfrageergebnisse: Sicherheit und Chancen sind nicht zwingend Gegenspieler, aber sie müssen im Auswahlprozess bewusst zusammen gedacht werden. Ein wichtiger Punkt für die Praxis ist deshalb die Transparenz: Wenn Bewerber verstehen sollen, wie ein Einstieg in ein Unternehmen konkret planbar wirkt, brauchen sie mehr als allgemeine Aussagen. Dazu zählen nachvollziehbare Informationen über Einstellungs- und Projektplanungen, über Förder- und Entwicklungswege sowie über die Frage, wie zukünftige Aufgaben abgesichert werden. Genau hier kann die Kommunikation die Lücke zwischen „sicherer Arbeitsplatz“ als gefühltes Kriterium und „sicherer Arbeitsplatz“ als überprüfbare Realität schließen.
Auch für den Technologie- und Digitalbereich, in dem viele Hochschulabsolventen landen, ist die Entwicklung anschlussfähig: Dort entscheidet sich Stabilität häufig daran, ob Teams langfristig Mittel, klar definierte Roadmaps und belastbare Kunden- oder Projektaufträge haben. Wenn die wirtschaftliche Unsicherheit Einstiegsstellen reduziert, verschieben sich Prioritäten hin zu Organisationen, die den Einstieg nicht nur ermöglichen, sondern strukturell tragfähig machen. Für Unternehmen entsteht daraus ein doppelter Anspruch: Erstens müssen sie Stabilität plausibel machen, zweitens dürfen sie nicht in eine reine „No-Risk“-Erzählung verfallen, sondern sollten Chancen und Weiterentwicklung so darstellen, dass Bewerber beides gleichzeitig prüfen können. Damit entscheidet am Ende nicht nur, wer die besten Benefits kommuniziert, sondern wer in der Wahrnehmung der Zielgruppe die sicherste Brücke in den Beruf baut.
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