STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Mercedes-Benz sieht die Lage wegen der China-Schwäche weiterhin als angespannt. Konzernchef Ola Källenius kündigt an, die Abhängigkeit vom chinesischen Markt zu reduzieren und den DAX-Konzern robuster aufzustellen. Die Detailplanung dafür soll Mercedes im Februar mit dem Ausblick für das nächste Jahr liefern. Bis dahin belasten Gewinn- und Margenrisiken das Bild, während Wachstum außerhalb Chinas zumindest teilweise gegensteuert.

Die jüngste Gewinnwarnung von Mercedes-Benz trifft Anleger in einer Phase, in der der Konzern bereits an mehreren Stellschrauben dreht: Kostendisziplin, Modellpflege und die Stabilisierung der Ergebnisqualität. In Stuttgart betonte Ola Källenius, dass der Abbau der Abhängigkeit vom schwierigen chinesischen Markt jetzt Priorität hat, um den DAX-Konzern insgesamt „wetterfester“ zu machen. Gleichzeitig macht das Management klar, dass konkrete Leitplanken für das kommende Jahr nicht sofort mitgeliefert werden, sondern erst im Februar im Detail zur Prognose stehen. Genau dieser zeitliche Abstand erhöht die Unsicherheit, weil die Märkte die Wirkung der Maßnahmen bereits in den nächsten Quartalen einpreisen wollen.
Technisch und finanziell zeigt sich die Gemengelage besonders in der Pkw-Sparte. Zwar wächst der Pkw-Absatz außerhalb Chinas 2026 voraussichtlich auf das höchste Niveau seit 2019, doch der rasante Abschwung in China lässt sich nach Aussagen des Konzerns nicht vollständig ausgleichen. Für das laufende vierte Quartal erwartet Mercedes zudem höhere Kosten für Rohstoffe und die fortlaufende Modellpflege. Finanzchef Harald Wilhelm ordnet den Effekt ein: Gegenüber dem China-Laufeffekt mache das nur wenig aus. Ergebnisseitig rückt dadurch eine Zielkorridor-Logik in den Fokus: Statt einer bereinigten Gewinnmarge von 3 bis 5 Prozent könnte die Pkw-Sparte 2026 nur noch 2 bis 3 Prozent erreichen.
Operativ untermauert Mercedes die schwierige Lage mit Zahlen aus dem dritten Quartal. Der Konzerngewinn stieg zwar um rund 28 Prozent auf etwa 1,52 Milliarden Euro, allerdings startet das Unternehmen von einem niedrigen Niveau. Denn im Vorjahreszeitraum hatten Sonderbelastungen im Zusammenhang mit einem Stellenabbau das Ergebnis stark gedrückt. Das Ebit verbesserte sich auf 1,77 Milliarden Euro nach 750 Millionen Euro im Vorjahr. Gleichzeitig sank der Umsatz um 4,5 Prozent auf 30,7 Milliarden Euro – ein Warnsignal, dass die Ergebnisverbesserung nicht allein aus organischem Volumenwachstum kommt, sondern auch aus dem Vergleichs- und Kostenumfeld.
Der Absatzrückgang bleibt das zentrale Erzählmoment der Quartalskommunikation. In China ging der Absatz im stark umkämpften Markt um fast ein Drittel zurück, konkret um 31 Prozent. Insgesamt lag der Pkw-Absatz bei 407.200 Fahrzeugen, was einem Minus von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht; außerhalb Chinas legte der Absatz dagegen um 1 Prozent zu. Parallel verschiebt sich der Produktmix: Der Absatz batterieelektrischer Pkw stieg im dritten Quartal um 61 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das ist zwar eine strategisch wichtige Entwicklung, weil sie die Reichweite des Wachstums in der E-Mobilität signalisiert – gleichzeitig bleibt die Frage, wie schnell sich diese Stärke in skalierbare Margen übersetzt, wenn die Volumeneffekte in China fehlen.
In der Prognose und den Szenarien setzt das Management auf mehrere Kompensationsmechanismen. Källenius verwies darauf, dass „Konsequente Kostendisziplin und starke Ergebnisbeiträge von Mercedes-Benz Vans und Mercedes-Benz Financial Services“ helfen, den Gegenwind abzufedern. Unterstützend nennt er Absatzwachstum in Europa und den USA sowie einen Rekord bei vollelektrischen Fahrzeugen. Für das vierte Quartal erwartet er außerhalb Chinas ebenfalls Wachstum; innerhalb der Volksrepublik dürfte es im Jahresvergleich jedoch weiter bergab gehen. Für die operative Ergebnisbildung bleibt das Umfeld damit anspruchsvoll: Finanzchef Wilhelm schloss einen operativen Verlust in der Pkw-Sparte im Schlussquartal nicht aus; die Marge dürfte um die operative Gewinnschwelle herum liegen.
Auch die Analystenseite bleibt skeptisch, weil die aktuelle Margenlage die Erwartungen für 2027 spürbar unter Druck setzt. Jefferies-Analyst Philippe Houchois sieht zusätzliche Risiken für die Markterwartungen, nachdem erste Aussagen darauf hindeuten, dass sich die Pkw-Sparte im kommenden Jahr ähnlich wie das zweite Halbjahr 2026 entwickeln könnte – mit einer operativen Marge um rund 1,5 Prozent. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wie stark Strukturmaßnahmen (Produkte, Kostenbasis, Einkauf) und kurzfristige Effekte (Rohstoffkosten, Modellpflege) zusammenwirken. Hinzu kommt, dass Mercedes zwar den Konzerngewinn stabilisieren kann, aber die Guidance-Fähigkeit in der Pkw-Sparte deutlich enger ist als in Phasen, in denen China die Volumen- und Mixhebel verlässlich geliefert hat.
Abseits der Absatz- und Margenthemen setzt Mercedes auch auf neue Kostendynamik. Um perspektivisch Kosten zu sparen, hatte das Unternehmen Ende September angekündigt, sein Abfindungsprogramm aus dem vergangenen Jahr in Deutschland für Beschäftigte in indirekten Bereichen erneut aufzulegen; das neue Programm soll ab Dezember starten. Finanzchef Wilhelm bezeichnete es als „sehr attraktives Programm“ und verwies darauf, dass beim vergangenen Programm in kurzer Zeit sehr viele Kolleginnen und Kollegen von der Option Gebrauch gemacht hätten. Die konkrete Anzahl nannte er zwar nicht, doch der erwartete Zuspruch soll offenbar helfen, die indirekten Kosten schnell zu senken. Parallel hatte Mercedes Diskussionen über Arbeitszeiten und Arbeitskosten angestoßen und zuletzt betont, dass es für das gleiche Geld mehr Arbeit sein müsse – Proteste zeigten, dass solche Entscheidungen nicht nur finanzielle, sondern auch gesellschaftliche Reibungspunkte erzeugen.
Für Entscheider außerhalb des Unternehmens ist das Muster der Berichterstattung klar: Der Konzern versucht, Wachstum außerhalb Chinas auszubauen, während gleichzeitig die Kostenbasis kurzfristig angepasst werden muss, um Margenbrüche zu begrenzen. Für die Automobilzulieferer und die mit Mercedes verbundenen Service- und Finanzierungsbereiche bedeutet das, dass Planbarkeit stärker vom Tempo der Kostenprogramme und von der Modell- und E-Mix-Entwicklung abhängt als von einzelnen Absatzzahlen. Der Februar-Ausblick wird deshalb nicht nur eine Fortschreibung der Prognose, sondern ein Stresstest für die Glaubwürdigkeit der China-Strategie – und für die Frage, ob die Pkw-Sparte die Schwelle zur operativen Profitabilität künftig robuster halten kann, auch wenn China kurzfristig weiter Gegenwind liefert.
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