SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – Cisco beauftragt den 27-jährigen Ex-Startup-Gründer Padmanabhan Krishnamurthy damit, in 24 Monaten 98% der Legacy-Software des Unternehmens zu refactoren. Der Cisco-Präsident und CPO Jeetu Patel räumt ihm dafür offenbar unbegrenzte KI-Tokens ein und nennt das bewusst als Startschuss für schnelleres Modernisieren. Als Proof of Concept sind zunächst vier Wochen vorgesehen, während Krishnamurthy in einem kleinen Team mit nur zwei Personen arbeiten soll. Die Aktion spiegelt zugleich den Druck wider, den KI-Coding auf Junior-Rollen ausübt – und wie Konzerne damit umgehen.

Wenn große Konzerne KI-Entwicklung ernst nehmen, geschieht das selten mit einem reinen „Pilotprojekt“. Stattdessen zeigt Cisco mit einer ungewöhnlich zielgerichteten Personal- und Aufgabenentscheidung, wie sich Produktivität, Code-Qualität und Teamstrukturen in den nächsten Jahren verschieben könnten. Laut einem Bericht soll Cisco-Präsident und Chief Product Officer Jeetu Patel den 27-jährigen Ex-Startup-Gründer Padmanabhan Krishnamurthy, der nach einer früheren Akquisition ins Unternehmen gekommen ist, auf eine Mission gesetzt haben: In 24 Monaten soll er 98% der Legacy-Software refactoren. Der direkte Kontext dazu ist bemerkenswert konkret, denn Patel habe Krishnamurthy in seinem Büro in San Francisco angesprochen, wobei Krishnamurthy seine Idee anführte, dass die Arbeit in einem Team aus nur zwei Personen möglich sei.
Technisch betrachtet ist „Legacy-Code“ für viele Unternehmen kein einzelnes Repository, sondern ein Geflecht aus Altsystemen, Build-Pipelines, Abhängigkeiten und historisch gewachsenen Standards. Refactoring heißt in diesem Umfeld nicht nur „Umschreiben“, sondern typischerweise: Struktur verbessern, Tests absichern, Schnittstellen entkoppeln und schrittweise Modernisierung ermöglichen, ohne dass Betriebssysteme oder Produktlinien kollabieren. Genau darauf zielt die Vorgabe, einen sehr großen Anteil des Bestands in einem definierten Zeitfenster zu verändern. Besonders auffällig: Patel soll Krishnamurthy „unbegrenzte Tokens“ für KI-gestütztes Coden gegeben haben, weil er die Arbeit als Refactoring-Prozess einordnet. Patel wird dabei mit den Worten zitiert: „I’ve given him unlimited tokens because he’s going to refactor code“ und ergänzt „you can go nuts.“ Das ist mehr als Motivation, denn Token-Kontingente begrenzen normalerweise Iterationsgeschwindigkeit und Experimentierfreude.
Die Personalfrage dahinter wirkt wie ein Gegenentwurf zu dem, was viele Teams derzeit im Alltag spüren: KI-Tools machen bestimmte Einstiegsaufgaben schneller, etwa Standard-Bugfixes, Template-Code oder Teile von Refactor-Arbeiten, die zuvor viel „Handreichungszeit“ für Junior-Teams beanspruchten. In der Quelle wird dieser Trend über steigenden Bedarf an Rechenleistung skizziert: GitHub soll gezwungen gewesen sein, zusätzliche 4 Millionen CPU-Kerne und 160 Petabytes Speicher bereitzustellen, um die Last durch KI-Coding zu bewältigen. Das unterstreicht eine zentrale technische Lehre: KI-gestütztes Programmieren ist nicht nur ein Software-Feature, sondern wirkt unmittelbar auf Infrastruktur, Kosten und Skalierung. Gleichzeitig weist der Bericht auf Risiken hin, etwa auf „rogue AI agents“, die ungewollte Aktionen ausführen können – von dem Löschen ganzer Datensätze bis zu Eingriffen in Bearbeitungen oder Produktionsumgebungen. Für Unternehmen heißt das: Je mehr Freiheiten man KI-gestützten Workflows gibt, desto stärker müssen Guardrails, Rechtekonzepte und Rückholmechanismen greifen.
Für Krishnamurthy selbst ist die Aufgabe auch eine Art Vertrauenssignal in die Lernkurve junger Entwickler – allerdings nicht im Sinne „Junior ersetzt Senior“, sondern eher als zeitlich fokussierte Kraftprobe. In der Quelle heißt es, Krishnamurthy sei zuvor in einer Rolle „fünf Ebenen unterhalb“ einer strategischen Zuständigkeit gewesen und habe intern „begraben“ gewirkt. Patel wird dabei mit einem Bild zitiert, wonach „Paddy“ unstrategisch „left buried away in the organization“. Das Ziel ist jedoch nicht nur, eine Person zu motivieren, sondern eine Denkweise einzukaufen: Patel soll Krishnamurthy dazu verpflichtet sehen, Prozesse zu hinterfragen und den Status quo zu testen. In den zitierten Passagen betont Patel den Spannungsaufbau: „Tension is good… I actually try to create tension in the teams because you want to have enough friction on the ideas. You don’t want to have friction with the people and personalities.“ Damit beschreibt Patel ziemlich präzise ein Organisationsdesign, das KI-Entwicklung praktisch braucht: schnelle Iterationen, aber geordnete Kommunikation, damit aus „Friction“ kein Kulturbruch wird.
Auch die Umsetzungsidee ist in der Quelle eingebettet in ein breiteres Modell für Skalierung. Patel sieht Cisco als Mischung aus erfahrenen „scale operators“ im Unternehmen, externen Neueinstellungen und zudem „unternehmerischen“ Gründerpersönlichkeiten, die als „AI-native“ gelten. Interessant ist dabei der Fokus auf Kombination statt Entweder-oder: Patel wird sinngemäß zitiert, dass keine der Gruppen allein so wirksam sei wie das Zusammenspiel. Genau diese Logik passt zu den praktischen Erfahrungen vieler Entwicklungsteams: KI kann Code schreiben, aber sie ersetzt nicht automatisch Architekturentscheidungen, Review-Disziplin, Sicherheitsdenken oder das Verständnis für Betriebsstabilität. In einem Refactoring-Projekt kommen außerdem zwangsläufig Domänenkenntnis und Teststrategie ins Spiel, etwa wenn Legacy-Module in kritischen Pfaden laufen oder wenn Migrationsrisiken über mehrere Produktgenerationen verteilt sind.
Der vorgeschaltete Proof of Concept mit vier Wochen ist dabei ein wichtiger Ingenieursfilter. Ein so kurzer Zeitraum zwingt dazu, messbar zu werden: Welche Klassen oder Module lassen sich zuerst refactoren, ohne dass Fachlogik leidet? Welche automatisierten Tests decken Regressionen ab? Und vor allem: Welche Art von KI-Unterstützung liefert tatsächlich Qualität statt nur Geschwindigkeit? Gerade bei KI-gestütztem Coden ist die Versuchung groß, große Mengen Code synthetisch zu erzeugen, während das Team eigentlich die Qualitätshürde (Testabdeckung, Stil, Wartbarkeit, Sicherheitsaspekte) nach oben schieben muss. In diesem Setting kann ein Token-Vorteil helfen, aber er ersetzt keine technische Zielarchitektur.
Für die Industrie ist die Aktion vor allem ein Signal, wie der Wettbewerb um Produktivität künftig organisiert wird. Wenn Konzerne wie Cisco Aufgaben so zuschneiden, dass KI-gestützte Iterationen direkt in die Modernisierungskette fließen, verschiebt sich der „Wert“ von Einstiegskompetenzen: Nicht mehr das reine Schreiben von Code steht im Zentrum, sondern die Fähigkeit, KI-Ergebnisse zu strukturieren, zu prüfen und in eine robuste Engineering-Strategie zu überführen. Gleichzeitig macht der Hinweis auf „rogue“ Agents deutlich, dass diese neue Geschwindigkeit nur dann wirtschaftlich ist, wenn die Rechteverwaltung in Toolchains sauber designt ist und sich Änderungen nachvollziehbar zurückrollen lassen. Ob sich das 24-Monate-Ziel tatsächlich auf 98% Legacy-Code ausdehnt, bleibt offen – aber die Richtung ist klar: KI wird nicht nur als Assistent eingesetzt, sondern als Treiber für komplette Modernisierungsprogramme.
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