ERIWAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die 17. UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt (COP17) endet mit einem Aktionsplan, der die Umsetzung der Artenziele bis 2030 beschleunigen soll. Rund 200 Mitgliedsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt verhandeln in Eriwan knapp zwei Wochen und damit einen Tag länger als geplant. Umweltschützer würdigen zwar Fortschritte, kritisieren aber weiterhin fehlende Tempo-Impulse und eine unzureichende Antwort auf die Dringlichkeit. Für die kommenden Klimaverhandlungen sieht sich der Beschluss als Rückenwind und zugleich als Aufforderung an Länder wie Deutschland.

Die COP17 in Eriwan hat die Debatte über den Schutz der Artenvielfalt nicht beendet, aber sie strukturiert: Fast 200 Mitgliedsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt haben sich nach rund zwei Wochen intensiver Verhandlungen auf einen Aktionsplan geeinigt, der die Umsetzung der bislang selbstgesetzten Ziele bis 2030 beschleunigen soll. Die Konferenz dauerte insgesamt einen Tag länger als geplant, weil im Kern nicht nur über Ziele, sondern über Wege zu ihrer Erreichung gerungen wurde. Damit verschiebt sich der Fokus vom reinen Zielkatalog stärker auf Umsetzungsmechanismen, Prioritäten und den politischen Takt.
Technisch betrachtet geht es bei solchen Biodiversitäts-Zielen immer auch um messbare Fortschrittssteuerung: Vier Jahre vor COP17 hatten sich die Staaten im Weltnaturvertrag auf 23 Ziele verständigt, die Schutz und Wiederherstellung von Ökosystemen bis 2030 vorantreiben sollen. Unter anderem ist ein Ziel, mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Aus einem kurz vor der Konferenz veröffentlichten Zwischenbericht ergab sich jedoch ein Engpassbild: Ohne mehr Tempo bei der Umsetzung seien diese Ziele nicht erreichbar. Entsprechend standen bei den Verhandlungen die Bestandsaufnahme und konkrete Optionen auf der Tagesordnung, um die Zielerreichung nicht nur zu behaupten, sondern über zusätzlichen Durchsatz in Programmen und Budgets zu stützen.
Für Umweltschutzorganisationen war das Ergebnis dennoch nur bedingt ein „Erfolg in Reinform“. WWF Deutschland beschrieb die Ergebnisse als überwiegend positiv, sprach aber gleichzeitig von Kompromissen und Abschwächungen. Heike Vesper, Vorständin Transformation Politik und Wirtschaft beim WWF Deutschland, stellte fest: „Als wichtigstes Ergebnis begrüßt der WWF, dass sich die Staaten auf einen Aktionsplan geeinigt haben, um die Umsetzung der selbstgesetzten Ziele bis 2030 zu beschleunigen.“ Außerdem verwies die Organisation auf ein grundsätzliches Übergewicht an positiven Elementen: „insgesamt mehr Süßes als Saures“. Greenpeace Deutschland zeigte sich dagegen kritischer und betonte, dass zwar ein Kurs für die Umsetzung festgelegt worden sei, jedoch eine Antwort auf die im Zwischenbericht formulierte Dringlichkeit gefehlt habe.
Konkreter wurde Greenpeace bei der inhaltlichen Agenda für die Umsetzung: Die Organisation nannte als Ansatzpunkte unter anderem die Umwidmung schädlicher Subventionen, die Mobilisierung von mehr Geld für Naturschutz sowie die bessere Verknüpfung von Klima- und Naturschutz. Ebenso wurden Beschlüsse hervorgehoben, die Rahmenbedingungen für den Schutz von Wäldern und Meeren stärken sollen. Jannes Stoppel von Greenpeace Deutschland ordnete die Stoßrichtung ein: „Die Beschlüsse der Weltnaturschutzkonferenz geben jetzt Rückenwind für die kommenden Klimaverhandlungen in Antalya und den Schutz der Hohen See.“ Für Deutschland leitete er daraus eine Aufforderung ab, die Ziele des Weltnaturabkommens mit mehr Einsatz umzusetzen. Gleichzeitig forderte er mehr finanzielle Mittel, insbesondere auf direktem Weg für indigene Gemeinschaften, etwa im global wichtigen Amazonasgebiet.
Auch die politische Ebene machte den Umsetzungsauftrag deutlich. Bundesumweltminister Carsten Schneider sagte, Europa habe geschlossen und stark für die Natur verhandelt, es habe jedoch auch „Bremser“ gegeben, die weniger Verantwortung übernehmen wollten, auch bei finanziellen Fragen. Zugleich kündigte er an: „Wir werden unser Engagement für den Ausbau von Schutzgebieten an Land und auf See fortsetzen.“ In der Perspektive bleibt damit nicht nur die globale Zielarchitektur relevant, sondern auch die nationale Übersetzung in Programme, Flächenpolitik und ökologische Wiederherstellung. Schneider sprach außerdem davon, planvoll die Wiederherstellung der Ökosysteme anzugehen – eine Formulierung, die in der Praxis vor allem bedeutet, dass Wiederherstellungsmaßnahmen in Planung, Finanzierung und Genehmigungsprozessen als eigenständige Vorhaben behandelt werden müssen, statt als nachgelagertes „Restthema“ zu enden.
Der Markt- und Umsetzungsdruck entsteht in diesem Politikfeld vor allem dort, wo Biodiversität direkt auf wirtschaftliche Wertschöpfung wirkt: Landwirtschaft, Fischerei, Forstwirtschaft und viele Lieferketten hängen von stabilen Ökosystemen ab. Wenn die COP17 den Aktionsplan als Beschleuniger bis 2030 positioniert, steigt daher auch die Erwartung, dass Unternehmen ihre Risiken und Abhängigkeiten von Lebensräumen transparenter machen und Maßnahmen glaubwürdig in Liefer- und Investitionsentscheidungen integrieren. Für die nächsten Runden bedeutet das: Der Beschluss über Ziele ist bereits bekannt, jetzt entscheidet die Frage nach Tempo, Finanzierung und konkreter Wirkung im Feld. Die COP17 liefert dafür einen politischen Taktgeber – und stellt gleichzeitig die Messlatte, weil der Zwischenbericht gezeigt hat, wie schnell eine gute Absicht in eine Zielverfehlung kippen kann, wenn Umsetzungskapazität fehlt.
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