AUGSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Bayerns regionale Stromnetzbetreiber wollen bis 2045 rund 106.000 Kilometer neue Stromleitungen bauen. Der Plan verteilt sich auf etwa 100.000 Kilometer im Nieder- und Mittelspannungsnetz und 6.000 Kilometer Hochspannung. Die Investitionskosten beziffern die Betreiber auf 50 Milliarden Euro. Hintergrund sind der beschleunigte Ausbau von Wind- und Solarstrom sowie der steigende Strombedarf durch Elektroautos und elektrisch betriebene Heizungen.

In Bayern geht der Netzausbau in die nächste Größenordnung: Die regionalen Verteilnetzbetreiber planen bis 2045 insgesamt rund 106.000 Kilometer neue Stromleitungen. Allein im Nieder- und Mittelspannungsnetz sollen etwa 100.000 Kilometer entstehen; zusätzlich sind 6.000 Kilometer für Hochspannungsleitungen vorgesehen. Die geschätzten Investitionskosten liegen bei 50 Milliarden Euro. Diese Zahlen sind nicht nur Makro-Rahmenwerk, sondern schlagen unmittelbar auf regionale Lastflüsse durch: Wo heute Netze vor allem auf zentral produzierte Energie ausgelegt sind, müssen sie künftig auch die vielen Einspeisepunkte aus Wind- und Solarenergie verlässlich integrieren.
Damit verschiebt sich technisch der Fokus von „Durchleitung“ hin zu „Verteilung unter wechselnden Randbedingungen“. Die Betreiber begründen das Zieldatum 2045 damit, dass die Bundesregierung bis dahin Klimaneutralität anstrebt und dafür sowohl Erzeugung als auch Verbrauch umgebaut werden. In diesem Szenario erwarten die Verteilnetzbetreiber, dass die Einspeisung von Sonnen- und Windstrom in Bayern innerhalb von knapp 20 Jahren auf rund 100 Gigawatt im Jahr ansteigen wird. Zum Vergleich: Für 2024 werden für die Region laut den genannten Daten des Statistischen Landesamts 45 Gigawattstunden ausgewiesen. Für die Planungsarbeit heißt das: Statt einzelner Lastspitzen dominieren eher zeitlich stark schwankende Einspeisemuster, die Netzbetrieb und Netzplanung noch stärker als bisher zu einer Frage von Flexibilität und Überwachung machen.
Auf der Verbrauchsseite steigt der Druck ebenfalls deutlich. Die Netzbetreiber rechnen je nach Region damit, dass der Strombedarf sich bis zum Zielhorizont verdoppeln bis verdreifachen könnte. Als Treiber nennen sie vor allem die zunehmende Verbreitung von Elektroautos sowie die Umstellung vieler Heizungen auf Strom. Hinzu kommt ein weiterer, häufig unterschätzter Aspekt: Wenn immer mehr Speicher ans Netz angeschlossen werden, müssen Netze nicht nur Energie verteilen, sondern auch zusätzlichen Betriebsmittel- und Anschlussbedarf abdecken. Gleichzeitig steht dem Ausbau eine veränderte Erzeugungsbasis gegenüber: Für Bayern wurden 2012 noch über 90 Gigawattstunden pro Jahr erzeugt, 2024 sollen es nur noch 60 Gigawattstunden gewesen sein. Der Atomausstieg wird als Ursache genannt – und damit auch der Grund, warum das Netz strukturell wachsen muss, statt lediglich neue Erzeuger anzuschließen.
Dass die Leitungen überhaupt rechtzeitig stehen, hängt nicht nur von der Baukapazität ab. Die Verteilnetzbetreiber warnen in ihren Anforderungen an die Bundesregierung vor einem Engpass durch Bürokratie: Planung und Genehmigungsverfahren für den Netzausbau dauerten demnach sechs bis zehn Jahre und damit erheblich länger als der eigentliche Leitungsbau. Für ein Projektvolumen dieser Größenordnung ist das entscheidend, weil sich Verzögerungen in der Praxis nicht einfach „hinten dran hängen“ lassen. Wenn Genehmigungen später kommen, verschiebt sich auch der Zeitpunkt, an dem neue Anschlusskapazitäten entstehen, was wiederum Auswirkungen auf den Ausbau von Ladeinfrastruktur, Wärmepumpen und den Anschluss von Speichern haben kann.
Welche Akteure das treiben, ist in Bayern breit aufgestellt. Als größter Verteilnetzbetreiber im Freistaat wird das Bayernwerk genannt; zudem haben mehrere Unternehmen jeweils mehr als 100.000 Kundinnen und Kunden: Allgäunetz, Lechwerke (LEW) Verteilnetz, Mainfranken Netze, N-ERGIE Netz sowie Stadtwerke von München, Augsburg, Regensburg und Ulm/Neu-Ulm. Genau diese Verteilung ist auch für die technische Umsetzung relevant, weil Nieder- und Mittelspannungsnetze stark in den jeweiligen Regionen verästelt sind. Der Ausbau ist damit nicht nur ein Großprojekt der Energiepolitik, sondern auch ein Programm, das in der täglichen Engineering-Arbeit von Dimensionierung, Trassenplanung und Anschlusskonzepten umgesetzt werden muss.
Planerisch bekommen die Betreiber zugleich ein Transparenz-Element: Die aktualisierten Ausbaupläne sollen auf der Plattform VNBdigital, dem Informationsportal zum Netzausbau, für jedermann einsehbar veröffentlicht werden. Für den Markt entsteht dadurch auch eine bessere Grundlage für Koordination entlang der Wertschöpfungskette: Netzbetreiber können Projektzeitpläne präziser mit der Frage verknüpfen, wann welche Anschlussleistung benötigt wird, während Stadtwerke, Kommunen und Anbieter von Speicher- und Ladeinfrastruktur frühzeitig ihre Projekte darauf ausrichten können. Auch wenn die Veröffentlichung die Details im Einzelfall offenlassen muss, bleibt die Richtung klar: Der Netzausbau in Bayern ist das Rückgrat dafür, dass erneuerbare Einspeisung, Elektrifizierung im Alltag und neue Speicherfunktionen nicht nur theoretisch möglich sind, sondern praktisch zuverlässig funktionieren.
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