ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Evonik stellt nach dem BASF-Sondierungsangebot seine Eigenständigkeit in den Mittelpunkt. Finanzchef Michael Rauch betont in einer Mitarbeiteransprache, das Portfolio werde nach den laufenden Maßnahmen deutlich attraktiver. Als besonders überraschend bezeichnet er das Timing – kurz nachdem der langjährige Vorstandschef Christian Kullmann vorübergehend krankheitsbedingt ausfällt. Während Claus Rettig die Vertretung übernimmt, signalisiert Evonik zugleich Interesse am US-Chemieunternehmen Ashland.

Evonik fährt nach dem ungebetenen Sondierungsangebot von BASF auf der Linie der Eigenständigkeit weiter. Der Spezialchemiekonzern aus Essen nutzt damit eine klassische Macht- und Erwartungslogik aus dem M& A-Geschäft: Erst die strategische Deutungshoheit gewinnen, dann die interne Story stabilisieren. Finanzchef Michael Rauch spricht in einer Videoansprache anlässlich der Drittquartalszahlen explizit davon, die eigene Stärke nicht durch ein externes Angebot verwässern zu lassen. Er bringt die Haltung dabei pointiert auf den Punkt: „Evonik ist groß genug, Evonik ist stark, und wir machen Evonik gerade noch stärker“, heißt es in dem Beitrag. Genau diese Form der Kommunikation wirkt doppelt: gegenüber möglichen Interessenten im Markt und innerhalb des Unternehmens, um die Unsicherheit rund um den nächsten Schritt zu begrenzen.
Technisch-strategisch lässt sich die Aussage „noch stärker“ als Hinweis auf laufende operative und portfolio-orientierte Entscheidungen lesen. Rauch sagt, das Portfolio werde „nach den Maßnahmen, die wir derzeit umsetzen, nochmal viel attraktiver sein“. Das ist weniger ein Marketing-Satz als eine Investitions- und Portfolio-Kommunikation: Wenn ein Konzern die eigene Wertentwicklung über interne Programme erklärt, schafft er gleichzeitig einen Bewertungsrahmen, mit dem ein Angebot von außen nicht automatisch konkurrieren kann. Für Käuferseite und Kapitalmarkt wird dadurch die typische Frage „Was macht das Unternehmen in den nächsten Quartalen?“ relevanter als die kurzfristige Prämie eines Übernahmeangebots. Gerade im Chemiesektor entscheidet häufig nicht nur der Preis pro Aktie, sondern die Glaubwürdigkeit, dass Synergien und Margenverbesserungen aus eigener Kraft erreichbar sind.
Der zweite Drehpunkt in der Ansprache ist das Timing. Rauch bezeichnet das Sondierungsangebot von BASF als „sehr überraschend“ und „zu einem wirklich merkwürdigen Zeitpunkt“. Konkreter wird er beim Auslöser: „Nämlich genau nachdem wir melden mussten, dass unser langjähriger Vorstandschef Christian Kullmann krankheitsbedingt vorübergehend ausfällt.“ Damit verschiebt sich der Fokus von Verhandlungen auf Stabilität der Unternehmensführung. Claus Rettig vertritt Kullmann, und Rauch verbindet diese Lage mit einer klaren inneren Priorität: „Wir kämpfen hier weiter für Dich und die Stärke von Evonik, lieber Christian.“ In so einer Situation wird ein Angebot nicht nur zur finanziellen Frage, sondern auch zum Signal an Mitarbeitende und Management: Wird Kontinuität als Wert geschützt oder als Verhandlungsvorteil genutzt?
Ökonomisch ist die Ablehnung eines konkreten Übernahmeangebots bereits ein zusätzlicher Kontext. Evonik hatte ein Angebot von BASF über 24 Euro je Evonik-Aktie abgelehnt. Für die Marktrelevanz bedeutet das: Die Diskussion verlagert sich von der anfänglichen Preisanklage hin zur Frage, ob weitere Schritte folgen, und wenn ja, unter welchen Bedingungen. Gleichzeitig deutet Rauch an, dass Evonik sich nicht nur nach außen abgrenzt, sondern nach innen und entlang der eigenen Wachstumslogik ausrichtet. Ein weiterer Indikator dafür ist die Aussage, Evonik solle seinerseits Interesse am US-Wettbewerber Ashland haben. Das kann man als strategische Offenheit lesen: Während BASF als potenzieller Käufer abgewiesen wird, ist ein Aufbau bzw. eine Qualitätssteigerung durch Zukäufe oder Partnerschaften im eigenen Sinne weiterhin denkbar.
Für den Markt ist das Zusammenspiel aus „Eigenständigkeit“ und „Portfolioattraktivität“ besonders relevant, weil es eine Bewertungsdebatte in zwei Richtungen öffnet. Erstens: Wenn Evonik plausibel macht, dass operative Maßnahmen das Ergebnisprofil verbessern, entsteht ein Gegengewicht zu der Logik eines Übernahmeaufschlags. Zweitens: Wenn die Führung zeitweise umgestellt ist, steigt die Aufmerksamkeit für Prozessrisiken und Entscheidungswege. Dabei sind gerade Chemiekonzerne stark davon abhängig, ob Transformationsprogramme – etwa zur Ausrichtung auf profitablere Segmente und zu effizienteren Wertketten – ohne Reibungsverluste durchgezogen werden. Die Ansprache von Rauch wirkt deshalb auch wie eine kurzfristige Risikoabsicherung, die intern wie extern verstanden werden soll.
Unterm Strich sendet Evonik mehrere Signale zugleich: Man will ein BASF-Angebot nicht allein als „fait accompli“ akzeptieren, man bindet Mitarbeitende über eine konkrete Lage (Krankheitsausfall von Kullmann) ein, und man verknüpft die Ablehnung mit einem selbst definierten Wertaufbau. Für Unternehmensentscheider bedeutet das, dass die nächsten Kapitalmarkt- und M& A-Statements weniger über Schlagzeilen handeln dürften als über Umsetzungsdetails der eigenen Programme. Auch die inhaltliche Ausrichtung auf mögliche Ziele wie Ashland zeigt, dass Eigenständigkeit nicht Stillstand ist, sondern eine aktive Portfoliostrategie. In dieser Phase bleibt damit entscheidend, wie schnell Evonik die „gemacht noch stärker“-Erzählung mit belastbaren Ergebnissen untermauert und wie sich das Verhältnis zu BASF weiterentwickelt, nachdem das Angebot bereits klar zurückgewiesen wurde.
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