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ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Evonik stellt sich gegen eine Übernahme durch BASF und will vorerst nicht in Verhandlungen eintreten. Der Essener MDAX-Konzern hat ein Schreiben zum Interesse an einer Übernahme geprüft und entschieden, die Offerte zurückzuweisen. Gleichzeitig bleibt Evonik für einen rein informativen und vertraulichen Austausch offen. Im Hintergrund spielen neben der RAG-Stiftung mit rund 43 Prozent Aktienanteil auch arbeitsmarkt- und Standortfragen in Deutschland eine zentrale Rolle.

Evonik wehrt BASF-Übernahme ab – bleibt aber für informellen Austausch offen
Evonik wehrt BASF-Übernahme ab – bleibt aber für informellen Austausch offen (Foto: IT BOLTWISE)
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Evonik geht im Übernahmeringen mit BASF auf Distanz, ohne die Tür für jede Form von Kommunikation zuzuschlagen. Der Chemiekonzern mit Sitz in Essen hat ein Schreiben des Wettbewerbers zu dessen Interesse an einer Übernahme eingehend geprüft und laut eigener Darstellung entschieden, nicht in Verhandlungen einzutreten. Damit setzt Evonik ein klares Signal gegen eine schnelle Konsolidierung, bleibt aber für einen rein informativen und vertraulichen Austausch offen, in dem beide Seiten ihre Positionen erläutern können. Genau diese Abgrenzung ist strategisch wichtig: Sie nimmt Druck aus dem Tagesgeschäft, verhindert jedoch nicht, dass die Gegenseite ihre Argumentation für einen Zusammenschluss weiter ausfeilen kann.

An der Börse spiegelt sich die Gemengelage in der kurzfristigen Kursreaktion beider Unternehmen. Während eine Evonik-Aktie zuletzt 20,88 Euro kostete und damit gut ein halbes Prozent unter dem Vortag lag, zeigte sich das BASF-Papier zugleich im Plus und damit moderat gestützt. Zuvor war in der Berichterstattung von einer Ablehnung der Offerte durch Evonik die Rede, in der auch 24 Euro je Aktie als Größenordnung genannt wurden. Dass Evonik den Verhandlungsmodus nicht öffnet, deutet darauf hin, dass der Konzern seine strategische Ausrichtung als eigenständiges Unternehmen verteidigen will – und dass die in Aussicht gestellte Prämie offenbar nicht ausreicht, um intern eine Neuausrichtung gegen den eigenen Kurs zu legitimieren.

Technisch und organisatorisch führt der Konflikt nicht nur zu einer Debatte über Bewertung, sondern auch zu einem Prüfstein für die Industrie-Realität: Fusionen in der Chemie scheitern häufig weniger am Kundenargument als an der Umsetzung entlang von Standorten, Verträgen und Betriebsabläufen. BASF-Chef Markus Kamieth hatte den möglichen Zusammenschluss zuvor als logischen und sinnvollen Schritt bezeichnet und zugleich betont, dass die Konsolidierung in Europa bereits begonnen habe. Seine Argumentation zielt auf die Ergänzung der Portfolios und Stärken beider Unternehmen sowie auf die Perspektive eines globaleren, wettbewerbsfähigeren und zugleich widerstandsfähigeren Players. Für die Wettbewerbssituation bedeutet das: Eine größere integrierte Struktur könnte in der Beschaffungs- und Produktionsplanung Vorteile haben, gleichzeitig aber höhere Anforderungen an die Harmonisierung von Prozessen mit sich bringen.

Besonders gewichtige Rolle spielt dabei die RAG-Stiftung, die rund 43 Prozent der Evonik-Aktien hält. Aufgabe der Stiftung ist die Finanzierung der Folgekosten des 2018 eingestellten deutschen Steinkohlebergbaus, wobei die sogenannten Ewigkeitskosten durch zahlreiche Anlagen getragen werden. In solchen Strukturen ist der Handlungsspielraum von Eigentümern nicht allein durch Renditeerwartungen bestimmt, sondern auch durch Planungssicherheit bei Langfristaufgaben. Zwar kann ein für die Stiftung attraktiver Preis im Fall einer Evonik-Akquisition eine verlockende Perspektive sein; zugleich kommen jedoch politische und gesellschaftliche Bedenken ins Spiel. Gerade in einer Phase, in der die deutsche Chemieindustrie unter Druck steht, dürften Fragen zu Arbeitsplätzen und Industriestandorten nicht nur rhetorisch, sondern in der Governance spürbar werden.

Die Governance-Struktur macht den Mechanismus greifbar: Dem Kuratorium der RAG-Stiftung gehören 13 Mitglieder an, überwiegend aus dem politischen Umfeld. Fünf Mitglieder sind automatisch durch ihr Amt vertreten – darunter die Ministerpräsidenten von NRW und dem Saarland sowie die Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen. Zusätzlich gehört der Vorsitzende der IG BCE dem Gremium an. Das Kuratorium bestellt den Vorstand und wird nach eigener Darstellung regelmäßig über Entscheidungen von grundlegender Bedeutung informiert. Damit liegt eine zweite „Bremse“ in der Mechanik der Entscheidungswege: Selbst wenn wirtschaftliche Argumente für eine Transaktion sprechen, kann die Eigentümerseite politische Risiken, soziale Effekte und Standortfolgen in die Entscheidungsfindung einbeziehen.

Um solchen Bedenken zuvorzukommen, hatte Kamieth sich nach Angaben der Vorlage von Quartalszahlen bereits mit einer Video-Botschaft an die Öffentlichkeit gewandt. Er erklärte, BASF würde bei einem möglichen Kauf von Evonik die bestehenden Standortvereinbarungen übernehmen, und nannte dabei einen zentralen Punkt: betriebsbedingte Kündigungen seien bis 2032 ausgeschlossen. Außerdem betonte er den Erhalt von Tarifverträgen und der Sozialpartnerschaft. Darüber hinaus verwies er auf Essen sowie Nordrhein-Westfalen als wichtigen Bestandteil der Standortstrategie, inklusive mindestens eines Vorstandsressorts und der Leitung von Geschäftseinheiten aus der Region. Auch die geplante Verstetigung von Entwicklungsaktivitäten am Standort wurde konkretisiert, etwa mit dem Ziel, NRW als Forschungs- und Entwicklungsstandort zu stärken.

Ein weiterer, operativ relevanter Baustein betrifft den Umgang mit dem Chemieparkbetreiber Syneqt. In der Kommunikation wird auf den von Evonik geplanten Verkauf von Syneqt mit seinen rund 3.500 Beschäftigten abgestellt. Kamieth argumentierte, dass BASF die Parks in Marl und Wesseling selbst weiter betreiben könne. Für Unternehmen ist das mehr als eine Randnotiz: Chemieparks verbinden Infrastruktur, Logistik- und Sicherheitsprozesse und sind für die industrielle Wertschöpfung oft so etwas wie das technische Rückgrat. Entscheidend wird daher, ob und wie sich bei einer Transaktion Betreiberrechte, Betriebsvereinbarungen und langfristige Investitionsplanungen nahtlos in die Konzernstruktur integrieren lassen.

In Summe wirkt Evoniks Antwort wie eine Verlagerung des Konflikts von der kurzfristigen Kurs- und Offertenlogik hin zur strategischen Grundsatzfrage. Der Konzern signalisert, dass er seine Eigenständigkeit als Fahrplan versteht, lässt aber einen strukturierten Dialog zu, der in Ruhe klären kann, ob überhaupt tragfähige Rahmenbedingungen für einen Austausch existieren. Für den Markt bleibt damit zunächst offen, ob sich aus dem angekündigten informativen Austausch neue Optionen ergeben – oder ob BASF an der Bewertung und an den Schutzmechanismen für Standorte, Beschäftigung und Infrastruktur ansetzen muss, um bei Evonik mehr als nur Sympathie zu erzeugen.

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