ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Evonik stellt sich gegen eine Übernahme durch den Wettbewerber BASF. Der MDAX-Konzern teilt mit, ein Schreiben zu dem Interesse sei geprüft worden und man gehe nicht in Verhandlungen. Gleichzeitig lässt Evonik einen rein informativen und vertraulichen Austausch mit BASF zu. Im Raum steht weiterhin das Angebot von 24 Euro je Aktie, während die RAG-Stiftung mit rund 43 Prozent der Evonik-Anteile die Richtung mitbestimmen dürfte.

Evonik versucht, die Deutungshoheit in der aktuellen Übernahmedebatte zurückzugewinnen: Der Chemiekonzern aus Essen erklärt, ein Schreiben von BASF zum Interesse an einer Übernahme sei eingehend geprüft worden. Ergebnis ist eine klare Linie gegen Verhandlungen. Damit wird das Thema von einer unmittelbaren „Stop-or-Go“-Entscheidung in Richtung eines länger laufenden Prüf- und Kommunikationsprozesses verschoben. Für die Märkte zählt vor allem, dass Evonik zwar nicht verhandlungsbereit ist, aber den Kontakt nicht abbricht.
Technisch und strategisch ist an der Aussage vor allem die Unterscheidung zwischen Verhandlungsaufnahme und informativem Austausch. Evonik signalisierte damit, dass die Interaktion mit BASF künftig stärker an Vertraulichkeit und Informationskanäle gebunden sein dürfte. Für BASF bedeutet das: Das Unternehmen kann die eigene Kaufstory weiter argumentieren, muss aber ohne die für ein „dichtes“ Due-Diligence-Vorgehen typischen Verhandlungsrunden auskommen. Das passt zu einer Situation, in der beide Seiten bereits in der öffentlichen Debatte stehen, während im Hintergrund noch geklärt werden muss, wie weit ein möglicher Zusammenschluss politisch und organisatorisch akzeptiert wäre.
Ein zentraler Drehpunkt bleibt das Preisargument. BASF verwies laut Reaktion darauf, dass die gebotenen 24 Euro je Aktie einer Prämie von fast 40 Prozent gegenüber dem unbeeinflussten Schlusskurs entsprächen. In Zahlen übersetzt sich das in eine konkrete Neubewertung der Evonik-Anteile: Zuletzt kostete eine Evonik-Aktie 20,82 Euro, also rund 1,0 Prozent weniger als am Vortag. Gleichzeitig ging es für den BASF-Kurs am Freitagnachmittag moderat nach unten. Solche Bewegungen deuten häufig darauf hin, dass Investoren den Ton der Kommunikation stärker gewichten als bloße Prämienlogik: Wenn die Zielgesellschaft Verhandlungen ablehnt, steigt das Risiko, dass ein möglicher Deal nicht zeitnah umgesetzt wird.
Inhaltlich hatte BASF den Übernahmeimpuls bereits zuvor konkretisiert. Im Rahmen der Vorlage von Quartalszahlen hatte BASF-Chef Markus Kamieth argumentiert, ein Zusammenschluss mit Evonik wäre ein logischer und sinnvoller Schritt zum richtigen Zeitpunkt. Er ordnete das Vorhaben zudem in eine breitere Konsolidierungsdynamik ein: In der europäischen Chemieindustrie sei die Konsolidierung bereits im Gange. Seine Kernbotschaft lautete dabei nicht nur „größer“, sondern „wettbewerbsfähiger“ und „widerstandsfähiger“ durch ergänzende Portfolios. Dieses Argument zielt auf Synergien entlang von Kundenportfolios, Standortstrukturen und Prozess-Know-how – also genau dort, wo Chemieunternehmen Kosten- und Margenrisiken in volatilen Zyklen reduzieren wollen.
Besonderes Gewicht hat dabei die RAG-Stiftung, die rund 43 Prozent der Evonik-Aktien hält. Ihre Aufgabe ist die Finanzierung der Folgekosten des 2018 eingestellten deutschen Steinkohlebergbaus, die über zahlreiche Anlagen getragen werden. Solche strukturellen Verpflichtungen machen die Beteiligungsstrategie einer Stiftung oft weniger kurzfristig als bei klassischen Investoren; zudem spielen neben wirtschaftlichen Erwägungen politische Bedenken eine Rolle, insbesondere mit Blick auf Arbeitsplätze in einer deutschen Chemieindustrie, die ohnehin unter Druck steht. Dass im Kuratorium 13 Mitglieder vertreten sind und mehrere Positionen automatisch besetzt sind – unter anderem Ministerpräsidenten von NRW und dem Saarland sowie Bundesministerien und der IG BCE-Vorsitz – zeigt: Entscheidungen über Unternehmensoptionen werden hier auch als Frage gesellschaftlicher und regionaler Stabilität verhandelt.
Um solchen Bedenken proaktiv zu begegnen, hatte BASF-Chef Kamieth bereits im Vorfeld eigene Zusicherungen ins Spiel gebracht. In einer Video-Botschaft wurde betont, dass BASF im Zuge eines Evonik-Kaufs bestehende Standortvereinbarungen übernehmen würde: Betriebsbedingte Kündigungen sollen bis 2032 ausgeschlossen bleiben, Tarifverträge und Sozialpartnerschaft sollen unangetastet bleiben. Zusätzlich wurde die Standortbindung hervorgehoben – Essen und Nordrhein-Westfalen als Forschungs- und Entwicklungsstandort, unter anderem mit mindestens einem Vorstandsressort sowie der Leitung von Geschäfts- und Funktionseinheiten. Auch auf mögliche Portfolio-Schritte entlang von nicht zum Kerngeschäft zählenden Aktivitäten verwies Kamieth: Evonik plant den Verkauf des Chemieparkbetreibers Syneqt mit rund 3.500 Beschäftigten, und BASF argumentierte, die Parks in Marl und Wesseling selbst weiter betreiben zu können.
Für Unternehmen und Beschäftigte in der Branche bleibt damit vor allem eine Frage offen: Wie realistisch ist eine Annäherung, wenn die Zielgesellschaft Verhandlungen ausdrücklich ablehnt, aber einen vertraulichen Austausch erlaubt? Die aktuelle Kommunikation legt nahe, dass Evonik die Kontrolle über Tempo und Informationsfluss behalten will – möglicherweise, um eigene Optionen zu prüfen oder um interne und externe Stakeholder zu stabilisieren. Gleichzeitig zeigt der Blick auf das angekündigte „Synergie“-Narrativ, dass BASF zwar strategisch überzeugt wirkt, aber ohne Zustimmung der Anteilseigner und ohne tragfähige politische Rahmung kein vollständiges Umsetzungsszenario entsteht. In der europäischen Chemieindustrie dürfte die Debatte damit ein weiteres Beispiel dafür sein, wie stark Übernahmen heute nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch über Governance, Arbeitsmarktfolgen und regionale Interessen entschieden werden.
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