BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das deutsche Handwerk rechnet mit deutlich steigenden Kosten für Kundinnen und Kunden. Als Haupttreiber nennt der Zentralverband des Deutschen Handwerks vor allem höhere Energiepreise sowie Zukaufkosten für Metalle, Baustoffe und teils Elektronikkomponenten. Zusammen mit steigenden Lohn- und Lohnzusatzkosten verschiebt sich der Kostendruck in die Angebotspreise. Der Verband warnt zudem, dass der Konjunkturmotor im Handwerk bislang kaum anspringt und Auftragspolster weiter schrumpfen.

Steigende Energie- und Materialkosten treffen das Handwerk derzeit nicht nur auf der Einkaufsebene, sondern schlagen offenbar direkt auf die Kalkulation der Betriebe durch. Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), ordnet die Entwicklung als anhaltenden Kostendruck ein, der sich „in den Angebotspreisen“ niederschlage. Besonders nennt er höhere Energiepreise sowie Belastungen durch teurere Metalle, Baustoffe und in einzelnen Bereichen auch Elektronikkomponenten. Das sei nicht nur eine interne Marge-Frage, sondern beeinflusse am Ende, was Kundinnen und Kunden für Leistungen bezahlen müssen und ob notwendige Investitionen überhaupt finanzierbar bleiben.
Technisch betrachtet ist die Preisweitergabe im Handwerk weniger ein isolierter „Stundenlohn“-Effekt, sondern eine Kette aus mehreren variablen Kostenblöcken. Energie wirkt dabei häufig als Querschnittsgröße: In Werkstatt- und Baustellenprozessen steuern Strom- und Wärmeaufwendungen nicht nur den Betrieb der Maschinen, sondern auch indirekte Faktoren wie Logistik, Nacharbeitsrisiken oder Taktzeiten. Hinzu kommen Materialkosten, die je nach Gewerk stark schwanken können, etwa bei Bauprodukten oder metallbasierten Komponenten. Wenn außerdem Elektronikkomponenten in Projekten eine Rolle spielen, verlängern Preis- und Lieferunsicherheit die Planungsphase, und das erhöht den Aufwand für Einkauf, Disposition und Projektmanagement. Genau diese Mehrkosten müssen Betriebe über eine Mischung aus Angebotspreis, Nachtragslogik und Projekt-Risikoabsicherung abfangen.
Der ZDH verortet die Lage in seinem aktuellen Konjunkturbericht und verbindet sie mit dem Blick auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Während die Bundesregierung nach Jahren wirtschaftlicher Schwäche wieder deutlich höheres Wachstum erwartet, profitieren die Handwerksbetriebe nach Schwannecke bislang kaum. Konkret nennt er für die Gesamtwirtschaft prognostiziertes Wachstum von 1,3 Prozent, von dem im Handwerk derzeit „kaum“ etwas ankomme. Laut seiner Darstellung kämen Wachstumsimpulse vor allem aus dem Exportgeschäft, während die Binnennachfrage schwächelt. Und auch die Mittel aus Sondervermögen, die laut Regierung vor allem der Modernisierung der Infrastruktur und der Verteidigung dienen sollen, brächten bisher offenbar nur wenig zusätzliche Aufträge in die Betriebe.
Damit verschiebt sich das Bild vom Konjunkturzyklus hin zur Wettbewerbsfähigkeit im laufenden Betrieb: Wer keine stabile Nachfrage sieht, preist Risiken höher ein. Die Herbst-Konjunkturumfrage bewertet die aktuelle Geschäftslage der Handwerksbetriebe schlechter als vor einem Jahr, auch die Erwartungen seien getrübt, und die Auftragspolster im Gesamthandwerk sinken laut Umfrage weiter deutlich. Das ist für Unternehmen in vielen Gewerken relevant, weil Auftragspolster typischerweise die Kapazitätsplanung steuern: Mitarbeitereinsatz, Materialbeschaffung, Subunternehmer und Lagerhaltung hängen direkt von der Sichtbarkeit kommender Projekte ab. Wenn diese Polster schrumpfen, geraten Handwerksbetriebe stärker in eine kurzfristige Abfolge von Angebotsphasen, und genau dort wirkt sich jede Kostenerhöhung überproportional aus.
Welche Stellschrauben der Verband vorschlägt, zielt deshalb auf Kosten und Planungssicherheit in einem gemeinsamen Paket. Schwannecke fordert wettbewerbsfähige Energiepreise, weniger Bürokratie, niedrigere Steuern sowie geringere Lohnzusatzkosten. Diese Mischung ist wirtschaftspolitisch konsistent: Energiepreise reduzieren kurzfristig variable Kosten, Bürokratieabbau senkt laufende administrative Aufwände, und steuerliche sowie lohnbezogene Entlastungen verbessern die Kalkulationsbasis für Angebote. Daneben spielt Planungssicherheit eine besondere Rolle, weil sie Investitionsentscheidungen beeinflusst: Betriebe investieren eher in Ausbildung, Maschinen und Prozesse, wenn sie nicht befürchten müssen, dass Nachfrage, Kostenpfade oder Lieferbedingungen kurzfristig wieder kippen.
Für die Marktbetrachtung heißt das: Der Druck auf die Kundenseite kommt nicht nur aus der Lohnkomponente, sondern aus einem breiteren Kostenmix inklusive Energie, Material und Lieferengpässen. Wenn Betriebe gleichzeitig teurere Inputs einkaufen müssen und die Lieferketten weniger verlässlich sind, steigt die Wahrscheinlichkeit für Verzögerungen und damit für zusätzliche Koordinations- und Vorhaltekosten. Auch das kann sich in der Angebotsgestaltung niederschlagen, etwa über Pufferzeiten oder Preisgleitklauseln. Das erklärt, warum der ZDH die Entwicklung als Warnsignal beschreibt: Selbst wenn die Gesamtwirtschaft Perspektiven verbessert, bleibt die Handwerksnachfrage offenbar empfindlich gegenüber den Kosten- und Unsicherheitsfaktoren im Tagesgeschäft.
In der Praxis entsteht so ein Spannungsfeld zwischen politischer Modernisierungsagenda und der Realität der Auftragslage im Mittelbau der Wertschöpfung. Wenn Infrastruktur- und Verteidigungsbudgets zwar langfristig wirken sollen, aber kurzfristig nicht genügend Zusatzaufträge im Handwerk auslösen, verlängert sich die Phase, in der Betriebe primär mit Bestands- und Ersatzbedarf arbeiten. Gleichzeitig zeigen die genannten Faktoren – hohe Energie- und Materialkosten sowie Lieferengpässe – dass sich die Kostenfront schneller bewegen kann als die Nachfrageseite. Für Unternehmen bedeutet das: Wer Angebote kalkuliert, muss noch stärker als zuvor Kostenrisiken, Materialverfügbarkeit und projektbezogene Taktung transparent modellieren und so weit wie möglich in der Vertragsgestaltung abbilden. Für die Kundenseite folgt daraus eine realistische Erwartung, dass handwerkliche Leistungen in der aktuellen Lage eher teurer werden, bis Entlastungsmaßnahmen greifen und sich die Auftragspolster stabilisieren.
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