GENF / LONDON (IT BOLTWISE) – Die WHO sieht bei Jugendlichen einen deutlichen Bewegungsmangel: 25 Prozent der 11- bis 17-Jährigen geben an, keinen Sport oder Aktivitäten zu machen, die Herz und Kreislauf spürbar fordern. Nur 14 Prozent erreichen nach eigener Auskunft täglich mindestens eine Stunde moderat bis intensiv körperliche Aktivität. Der Bericht stützt sich auf Umfragen in 140 Ländern mit insgesamt mehr als drei Millionen Teilnehmenden. Besonders häufig betroffen sind Mädchen, während zugleich auch in Deutschland noch viel Potenzial für mehr Bewegung im Alltag gesehen wird.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor einem anhaltenden Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen. In der Altersgruppe der 11- bis 17-Jährigen geben laut WHO 25 Prozent an, keinen Sport oder keine Aktivitäten auszuüben, bei denen Herz und Kreislauf zumindest etwas gefordert werden. Der Befund ist damit weniger ein Randphänomen als ein Muster, das sich durch verschiedene Länder zieht. Gleichzeitig zeigt die WHO im selben Bericht auch, wie groß der Abstand zu empfohlenen Aktivitätsniveaus ist: Nur 14 Prozent der Jugendlichen sind nach eigener Auskunft täglich mindestens eine Stunde moderat bis intensiv körperlich aktiv.
Technisch betrachtet steckt hinter diesen Kennzahlen eine Mess- und Interpretationsfrage, die die Ergebnisse zugleich erklärt und begrenzt. Der Bericht basiert auf Umfragen in 140 Ländern mit insgesamt mehr als drei Millionen Teilnehmenden. Solche Selbstangaben erfassen zwar, ob Jugendliche sich in einer Woche „aktiv genug“ fühlen oder sich selbst aktiv einordnen, sie bilden aber nicht direkt die exakte Intensität über Geräte oder Labormessungen ab. Die WHO weist deshalb ausdrücklich auf Einschränkungen hin: Je nach Region oder Kultur kann sich unterscheiden, was Menschen als moderate oder intensive körperliche Aktivität wahrnehmen.
Besonders deutlich wird der Unterschied nach Geschlecht. In fast allen Ländern sind dem Bericht zufolge Mädchen weniger aktiv als Jungen. Für 2025 nennt die WHO für mehr als ein Viertel der Mädchen (28 Prozent) die Angabe, in der vorangegangenen Woche an keinem Tag körperlich aktiv gewesen zu sein. Bei den Jungen trifft dies auf etwa jeden fünften (22 Prozent) zu. Ergänzend zeigt die WHO, dass Mädchen seltener täglich körperlich aktiv sind. Solche Muster sind gesundheitsstrategisch relevant, weil das Jugendalter als Phase gilt, in der sich Gesundheitsverhalten häufig stabilisiert; wenn Bewegung hier ausbleibt, können spätere Gewohnheiten schwieriger zu verändern sein.
Die Frage, wie sich das in konkrete Maßnahmen übersetzen lässt, stellt sich auch in Deutschland. Nach Einschätzung eines Experten für Kinder- und Jugendgesundheit beim Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG) sei die Lage „nicht viel anders“ und es gebe dennoch viel Potenzial. Er bringt dabei eine Alltagslogik ins Spiel: „Wir sind nicht als Bewegungsmuffel geboren, aber mit zunehmendem Alter verlernen wir es, uns zu bewegen.“ Für ihn hängt das stark von den Rahmenbedingungen ab, etwa von Schulwegen, die das Zu-Fuß-Gehen attraktiv machen. Auch der kleine Schritt „vor der Haltestelle aussteigen“ wird als praktikable Stellschraube genannt: Ein Umstieg eine Station früher oder ein paar Meter zu Fuß können den Körper in Schwung bringen, ohne dass dafür zusätzliche Termine nötig wären.
Gleichzeitig macht der Experte einen Unterschied zwischen „irgendeiner Fortbewegung“ und „genug Bewegung“ im physiologischen Sinn. Das häufige Zurücklegen kurzer Strecken mit E-Scootern könne verhindern, dass der Körper überhaupt in einen spürbaren Aktivitätsmodus kommt. Wichtig ist zudem, wie mit Motivation umgegangen wird: Warnhinweise auf langfristige negative Folgen geringer Bewegung seien zwar nachvollziehbar, aber oft zu abstrakt. „Das ist zu weit weg“, lautet sinngemäß die Kritik. Stattdessen plädiert er für eine Botschaft, die Nähe schafft: Bewegung, selbst etwas so Alltägliches wie Treppensteigen, sei nicht nur für den Körper gut, sondern könne auch „für die Seele“ wirken.
Damit rückt die Debatte weg von einzelnen Sportprogrammen hin zu einer Bewegungskultur im Alltag. Für Schulen, Kommunen und Gesundheitsakteure heißt das: Die wirksamsten Hebel liegen häufig dort, wo Wege entstehen (Schulwege, Haltestellenlogik, sichere Zonen), nicht nur dort, wo Trainings stattfinden. Parallel wächst der Bedarf an Angeboten, die Aktivität niedrigschwellig machen und sichtbar machen, ob Jugendliche tatsächlich genug erreichen. In diesem Spannungsfeld zwischen Selbstwahrnehmung und messbarer Intensität dürften zukünftige Strategien stärker darauf achten, dass Zieldefinitionen verständlich bleiben und Erfolg nicht nur als „Sport“ verstanden wird, sondern als ein Mix aus Alltagsbewegung und gelegentlicher intensiver Aktivität.
Für Unternehmen und Dienstleister mit Blick auf Prävention ist das ebenfalls ein Signal: Wenn Bewegungsmangel systematisch mit dem Setting zusammenhängt, verschieben sich Anforderungsprofile. Gefragt sind Lösungen, die nicht ausschließlich auf Nutzerinteressen setzen, sondern Umgebung, Routinen und Anreize mitdenken – vom Schulumfeld über digitale Gesundheitsangebote bis hin zu Sport- und Mobilitätskonzepten, die kurze Strecken bewusst in Bewegung übersetzen. Die WHO macht mit ihren Zahlen vor allem eines klar: Ohne konsequente Anpassung der Lebensrealität wird es schwer, die Lücke zwischen den 14 Prozent mit täglicher Aktivität und der deutlich größeren Gruppe ohne ausreichende Belastung zu schließen.
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