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FRANKFURT/ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Interims-Vorstandsvorsitzende von Evonik, Claus Rettig, hat das BASF-Angebot zur Übernahme zurückgewiesen. Evonik betont dabei die eigene Planungssicherheit und verweist auf eine strategische Fokussierung statt bloßer Skalierung. Der Konzern sieht sich zudem finanziell in der Lage, Wachstumschancen in Deutschland, Europa und den USA zu nutzen, ohne proaktiv zu kaufen. Gleichzeitig bleibt die Tür für einen rein informativen und vertraulichen Austausch offen.

Evonik lehnt BASF-Übernahmeangebot ab: Interimschef setzt auf Eigenständigkeit
Evonik lehnt BASF-Übernahmeangebot ab: Interimschef setzt auf Eigenständigkeit (Foto: IT BOLTWISE)
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Evonik bleibt bei seiner Linie: Der Interims-Vorstandsvorsitzende Claus Rettig hat die Ablehnung eines BASF-Übernahmeangebots bekräftigt und damit die in der Konzernleitung verankerte Debatte über den richtigen Weg zur Wertsteigerung scharf umrissen. Im Gespräch wird die Argumentationskette deutlich: Nicht „Größe allein“ sei automatisch ein Vorteil, stattdessen gelte es, sich in anderen Branchen beobachtbar auf Konzentration und klare Schwerpunkte zu setzen. Das ist mehr als eine rhetorische Abgrenzung. Für ein Unternehmen wie Evonik, das stark in der Spezialchemie verankert ist, bestimmt die Qualität der Portfoliosteuerung oft stärker den Kapitalmarktzugang als die bloße Größe der Bilanz.

Konkreter wird die Diskussion an der Höhe des Angebots. BASF hatte zuletzt 24 Euro je Evonik-Aktie geboten; auf dieser Basis wird Evonik mit mehr als elf Milliarden Euro bewertet. Evonik stellt dem jedoch eine eigene Bewertungslogik entgegen: Rettig sagt sinngemäß, die Konditionen lasse man mit der eigenen Planung erreichen. Damit verknüpft das Unternehmen mehrere Annahmen, die für Investoren entscheidend sind. Erstens muss das Management davon ausgehen, dass die zukünftige Cash-Generierung aus dem laufenden Umbau- und Portfolioprogramm auch ohne Käuferstruktur tragfähig bleibt. Zweitens muss das Angebot den Markt überzeugen, dass die erwarteten Synergien und die Integrationsrisiken den Aufpreis rechtfertigen.

Technisch und organisatorisch fällt in die gleiche Gemengelage, dass Rettig als Leiter des Asiengeschäfts Anfang September zusätzlich interimistisch die Aufgaben des erkrankten Evonik-CEO Christian Kullmann übernommen hatte. Ein solcher Wechsel in der Spitzenrolle verändert zwar nicht automatisch die strategischen Ziele, wirkt aber auf Entscheidungsprozesse, Prioritäten und Verhandlungsdynamik. Für die Frage, ob das BASF-Angebot „durchkalkuliert“ erscheint, ist das relevant: Wer in einer Interimsfunktion agiert, tendiert oft dazu, klar definierte Pfade nicht aufzubrechen, insbesondere wenn parallele Projekte laufen. Evonik verweist außerdem darauf, dass man bei der Konsolidierung der Industrie nicht passiv reagieren, sondern aktiv mitgestalten wolle – gleichzeitig soll Konsolidierung Wert schaffen und in Wachstum münden.

Beim Thema Mittel und Umsetzung liefert Evonik ein zweites wichtiges Signal: Der Interimschef spricht von „finanzieller Feuerkraft“ und sagt, man habe diese grundsätzlich, verfolge Übernahmen aber bisher nicht proaktiv. Das ist eine für den Chemiesektor typische Spannungsachse zwischen strategischem Opportunismus und Risiko-Disziplin. Spezialchemie-Akteure müssen in der Regel eine Balance finden zwischen Kapazitätsanpassungen, Rohstoff- und Nachfragezyklen sowie technologischen Investitionen in Anwendungen, die Kunden langfristig binden. Eine proaktive Akquisitionspolitik kann hier helfen, Lücken in Produktlinien oder Zugang zu Kundenindustrien schneller zu schließen – sie kann aber auch die Bewertungsrisiken erhöhen, wenn Marktzyklen drehen oder Integrationsaufwände unterschätzt werden. Dass Rettig außerdem keine Sorge vor einem Verlust des Interesses auf Seiten von BASF äußert, zielt auf die Beruhigung der Investorenkommunikation: Die „Übernahmeattraktivität“ soll nicht als Drohkulisse verstanden werden.

Auch die Positionierung des Finanzbereichs passt in dieses Bild. Finanzchef Michael Rauch hatte bei der Vorlage der Quartalszahlen in einem Video betont, Evonik sei groß genug und stark genug, um sich noch weiter zu stärken, und das Portfolio werde nach den bereits umgesetzten Maßnahmen attraktiver. Zugleich wird klar, dass das Management den Fokus auf die Weiterentwicklung als eigenständiges Unternehmen legt. Genau hier treffen zwei Perspektiven aufeinander: Für den Bieter ist ein Kauf häufig die schnellste Route zu Marktzugang, Produktionsbreite oder Einkaufsvorteilen; für das Zielunternehmen steht dagegen die Frage im Vordergrund, ob die eigene Strategie ohne „fremde“ Integrationslogik schneller Wert erzeugt. Evonik hatte zuvor mitgeteilt, man verhandle auf Basis der bis dahin vorliegenden Informationen nicht mit BASF über eine Übernahme, bleibe aber offen für einen rein informativen und vertraulichen Austausch.

Für Unternehmen und Technologie-getriebene Anwendungen in der Spezialchemie bedeutet diese Haltung vor allem eines: Die strategische Autonomie bleibt kurzfristig erhalten, und damit auch die Geschwindigkeit bei Prozess- und Produktentscheidungen entlang der eigenen Wertketten. Evonik kann die eigenen Projekte nach dem Prinzip „erst stabilisieren, dann skalieren“ verfolgen, während ein Übernehmer häufig stärker auf Konsolidierungsschritte, Standortfragen und organisatorische Harmonisierung drängt. Gerade in Chemiegruppen entscheiden solche Schritte nicht nur über Kosten, sondern auch über Lieferfähigkeit, Qualifikationspfade und die Fähigkeit, Produktions- und Qualitätsdaten konsistent zu halten. Selbst wenn im vorliegenden Bericht keine technischen Details zu digitalen Fabrik- oder Datenarchitekturprojekten genannt werden, lässt sich der Grundmechanismus übertragen: Wer Prozesse integriert, muss Systemgrenzen sauber definieren, sonst leiden Ablaufstabilität und Qualitätsnachweise.

Der Kursverlauf liefert schließlich einen marktseitigen Taktgeber. An der Börse XETRA stieg die Evonik-Aktie zeitweise um 0,56 Prozent auf 21,48 Euro. Diese Bewegung ist kein Beweis für eine Trendwende, aber sie zeigt, dass der Kapitalmarkt die Ablehnungsbotschaft nicht automatisch als Wertvernichtung interpretiert. Anleger lesen in solchen Situationen häufig drei Dinge: ob das Unternehmen die eigene Planungsannahme glaubwürdig quantifiziert, ob der Wettbewerb um eine mögliche Alternative steigt und wie robust die Kommunikation in einem Übergang von der Strategie-„Debatte“ zur Umsetzung ist. Evonik versucht, genau diese Punkte zu adressieren, indem es auf Wachstumschancen in mehreren Regionen verweist und zugleich klarstellt, dass man Konsolidierung nicht kategorisch ausschließt.

Unterm Strich verschiebt Evonik die Verhandlungslogik von einem reinen Preisanker hin zu einer operativen Selbstbehauptung: Das Management sagt nicht nur „nein“ zum Angebot, sondern legt eine Blaupause für „so erreichen wir Wert“ vor – mit eigener Planungssicherheit, finanzieller Stärke und der Bereitschaft, konstruktiv in Industriefragen mitzuwirken. Ob daraus in den nächsten Monaten doch ein neuer Bieter-Impuls oder eine andere Transaktionsform entsteht, bleibt offen. Klar ist jedoch: Solange Evonik die eigene strategische Ausrichtung als eigenständiger Spezialchemie-Konzern in den Vordergrund stellt, wird die Diskussion um 24 Euro je Aktie auch eine Diskussion darüber, wie schnell und wie sauber das Unternehmen Portfolio- und Wachstumshebel realisiert.

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Stichwörter Aktie BASF Evonik Interimschef Konsolidierung Portfolio Spezialchemie übernahmeangebot Wachstum
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