BOULDER / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Klage aus Boulder stellt die internen Vorgaben der Ethereum Foundation unter Beschuss. In einer „Mandate“-Broschüre, die Mitarbeitenden laut Gerichtsdokumenten zur Unterzeichnung vorgelegt wurde, soll auf Seite 11 ein „Source Seppuku License“-Gelöbnis enthalten sein. Kayleen Fulton wirft der Stiftung vor, sie nach Widerstand gegen diese Klausel gekündigt zu haben. Außerdem geht es um Vorwürfe rund um Behinderungsschutz und Kündigungsgründe im Kontext des Family and Medical Leave Act.

Die Ethereum Foundation steht in den USA wegen eines internen „Mandate“-Dokuments unter juristischem Druck. In der Klage, die in Boulder gegen die Stiftung eingereicht wurde und sich vor dem U.S. District Court für den District of Colorado befindet, beschreibt die Klägerin Kayleen Fulton ein Papier, das laut dem Prozessmaterial über 1.000 Jahre hinweg die „Vision“ der Organisation festschreiben sollte. Das Dokument sei an Mitarbeitende der als gemeinnützig in der Schweiz registrierten Ethereum Foundation verteilt worden, inklusive eines ausgefüllten Rückmeldebogens und einer Frist: Wer sich bis Montag nicht an die Leitlinien binden wollte, sollte nach den Angaben in der Klage die Stelle verlassen.
Im Zentrum des Konflikts steht eine ungewöhnlich zugespitzte Formulierung, die in der „Mandate“-Broschüre nicht im Fließtext, sondern in einer Illustration platziert gewesen sein soll. Laut den Ausführungen in den Gerichtsunterlagen taucht auf Seite 11 ein als „Source Seppuku License“ bezeichnetes Gelöbnis auf. Autorinnen und Autoren sowie Maintainer und Editorinnen des „Software“-Bereichs hätten darin versprochen, die Software frei und öffentlich zugänglich zu halten. Gleichzeitig soll für den Fall der Nichteinhaltung ein „Take his or her own life with a sword“-Passus enthalten gewesen sein – allerdings mit der Einordnung, dass es sich um eine kulturelle Anspielung bzw. um „Artwork“ handele.
Die technische und organisatorische Frage, die daraus entsteht, ist weniger die konkrete Bildsprache als die Wirkung auf den Arbeitsalltag. Kayleen Fulton beschreibt, dass Mitarbeitende nach der Veröffentlichung des Entwurfs im Februar zunächst nach Sinn und wörtlicher Bedeutung fragten, teils auch in internen Foren. In dem Material heißt es außerdem, die Broschüre habe neben den eigentlichen Prinzipien eine Handlungsaufforderung an alle Mitarbeitenden gekoppelt: Es gab zwei auswählbare Varianten für eine Rückmeldung, einmal mit Zustimmung zu Ausrichtung und Umsetzung „bis zum letzten Tag“, einmal mit der Bitte um zusätzliche Monate Vergütung und um einen geordneten Ausstieg. Nach den Klageangaben stimmten knapp 80 von rund 250 Mitarbeitenden gegen die „Suicide“-Klausel, die Führung habe die Einwände jedoch ignoriert und den Passus am Ende in der finalen Version erneut aufgenommen.
Auch die Frage nach der künstlerischen Referenz wird in der Klageschrift aufgegriffen. Laut dem Vorbringen soll die visuelle Gestaltung, also Anime-Elemente und ähnliche Motive, Anleihen aus einer umstrittenen Online-Figur enthalten, die nach Darstellung der Klägerin „white nationalist ideology“ sowie „pro-anorexia“ Inhalte propagiert habe. Als Reaktion auf Kritik soll Ethereum-Gründer Vitalik Buterin in den Unterlagen mit einer Argumentation auftauchen, wonach die „Kontroversität“ der Ästhetik selbst Teil der Botschaft sei. Parallel dazu soll der Co-Executive Director Bastian Aue gegenüber Mitarbeitenden betont haben, das „Gelöbnis“ sei als Bestandteil der Gestaltung gedacht, nicht als wörtliche Handlungsanweisung – nachdem die Stiftung von Mitarbeitenden eine verbindliche Zustimmung verlangt hatte.
Die Personal- und Rechtsdimension des Falls beginnt dort, wo aus kultureller Debatte ein disziplinarischer Vorgang wird. Laut der Klage organisierten Fulton und eine Kollegin eine Art Gegenbrief: 53 Mitarbeitende hätten zwar die allgemeine Richtung unterstützt, aber die Verpflichtungserklärung nicht unterschreiben wollen; zugleich hätten sie sich gegen Kündigungen bzw. gegen ein sofortiges freiwilliges Ausscheiden entschieden. In den Prozessunterlagen heißt es außerdem, dass nach dem Feedback an die Mitarbeitenden die Formblätter nachträglich präzisiert worden seien und der Inhalt „nichts mit literal seppuku“ zu tun habe. Dennoch soll Fulton später selbst entlassen worden sein; ein weiterer Brief-Unterzeichner sei ebenfalls betroffen gewesen.
Was die juristische Einordnung betrifft, bleibt in diesem Stadium entscheidend, was die Parteien jeweils behaupten. Fultons Klage verknüpft die Entlassung nach ihren Angaben mit mehreren Rechtsfragen: Sie macht unter anderem Disability Discrimination, Retaliation, Interference mit Rechten aus dem Family and Medical Leave Act sowie unfair employment practices geltend. In der Klageschrift wird zudem beschrieben, dass die Ethereum Foundation ihre Mitarbeitenden in den USA nicht in eigenem Namen anstellt und bezahlt, sondern über sogenannte Employer-of-Record-Dienstleister arbeite. Fultons Anwälte sollen nach den Angaben im Text nicht weiter kommentiert haben; ebenso wurde eine Anfrage zur Stellungnahme an die Stiftung laut Bericht zunächst nicht sofort beantwortet.
Unabhängig vom Ausgang der gerichtlichen Prüfung zeigt der Fall, wie stark Governance und Kultur in KI- und Blockchain-Organisationen längst in die unmittelbare HR-Praxis hineinreichen. Bei Open-Source-orientierten Organisationen ist die Grenze zwischen „Mission“, Community-Narrativ und arbeitsrechtlicher Bindung besonders empfindlich: Wenn Mitarbeitende mit Rückmeldezwang konfrontiert werden, wird aus einer idealisierten Ideenkette schnell ein Compliance-Problem im Arbeitsverhältnis. Für Unternehmen, die Open-Source-Projekte als Innovationstreiber nutzen, ist das nicht nur eine rechtliche Lektion, sondern auch ein Hinweis auf die Notwendigkeit klarer, psychologisch unmissverständlicher Wertekommunikation und sauberer Prozesse bei Zustimmungs- und Austrittsmechanismen.
Damit rückt neben dem juristischen Streit auch die Frage in den Fokus, welche internen Muster nach solchen Kontroversen standardisiert werden. In der Klage wird geschildert, dass es nach Veröffentlichung und Eskalation zu einem Abgang von Mitarbeitenden gekommen sein soll, inklusive weiterer Kündigungen bzw. Abgänge im Anschluss an Fultons Entlassung. Sollte das Gericht die Darstellung der Klägerin als schlüssig ansehen, könnte das Folgen für die interne Dokumentationspraxis haben – insbesondere für Formulierungen, die mit existenziellen Handlungsverweisen gekoppelt sind, selbst wenn sie als „kultureller Bezug“ oder „Artwork“ gemeint gewesen sein sollen. Bis zu einer Entscheidung bleibt der Ausgang offen, und die Bewertung hängt davon ab, wie das Gericht die behaupteten Abläufe und die jeweiligen Begründungen der Stiftung würdigt.
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