LONDON (IT BOLTWISE) – In den USA sind drei Männer wegen eines mutmaßlichen KI-basierten CEO- und Anwalt-Impersonationsbetrugs angeklagt. Laut US-Justiz soll die Gruppe zwischen 2024 und 2026 Stimmen und Bilder von Führungskräften sowie Juristen so verfälscht haben, dass Mitarbeitende in mehreren Ländern große Geldbeträge überwiesen. Insgesamt geht es nach Anklageangaben um Schäden von über 100 Mio. US-Dollar, darunter mehrere Vorfälle bei Unternehmen und Organisationen in den USA. Die Vorwürfe münden in Anklagepunkte zu Verschwörung, Geldwäsche und besonders schwerem Identitätsdiebstahl.

Die US-Justiz wirft drei Männern aus dem Ausland vor, mit Künstlicher Intelligenz (KI) eine Betrugsmasche aufgebaut zu haben, die auf das zielgerichtete Kopieren von Stimmen und Bildern von Unternehmensleitungen und Juristen setzt. In einer neu aufgedeckten Anklage nennt das US-Justizministerium zusammen mit der zuständigen Behörde im Bundesstaat New York als Tatmuster, dass die Täter KI genutzt haben sollen, um aus der Ferne wie ein CEO oder wie ein Anwalt zu wirken. Entscheidend ist dabei nicht nur die technische Täuschung, sondern die operative Kette: Nach der Ansprache sollen die Betrüger Mitarbeitende dazu gebracht haben, Zahlungen auszulösen und anschließend Kontakt zu „juristischen“ Ansprechpartnern aufzunehmen.
Laut den Angaben der Anklage wurden die drei Beschuldigten – Jacob Soall, Sharon Hazan und Guy Sheetrit – namentlich im Zusammenhang mit einer mutmaßlichen Verschwörung genannt. Soall und Hazan seien demnach im Sommer in Spanien festgenommen worden, Sheetrit im September im Vereinigten Königreich. Zeitlich ordnet das Verfahren den mutmaßlichen Betrug zwischen 2024 und 2026 ein. Der Kern der Vorwürfe: Die Gruppe soll Stimmen und Bilder von Führungskräften und Rechtsanwälten so verändert haben, dass Mitarbeitende glaubten, es handle sich um echte Personen, die dringende, sensible Finanztransaktionen anstoßen wollten.
Technisch wird in den Vorwürfen vor allem die „Impersonation“ herausgestellt: Mithilfe von KI hätten die Beschuldigten die Stimmen und Bilder von Führungskräften sowie von Anwälten angeblich so angepasst, dass sie in den Kontaktaufnahmen plausibel wirkten. Die Operation soll dabei wiederkehrend abgelaufen sein: Mitarbeitende sollen zunächst angewiesen worden sein, sich an Anwälte einer großen internationalen Kanzlei zu wenden. Anschließend soll die Gruppe eine Person aus genau diesen Kanzleikontexten imitiert haben, um Mitarbeitende zur Überweisung größerer Geldsummen zu bewegen. Damit zeigt die Anklage eine klassische Schwachstelle moderner Unternehmensprozesse – nämlich die Verlagerung von Zahlungsfreigaben in Kommunikationskanäle, in denen Echtheit nur schwer in Echtzeit geprüft werden kann.
Beim finanziellen Ausmaß nennt die Anklage eine Gesamtsumme von mehr als 129 Mio. US-Dollar, die den Angaben zufolge erbeutet worden sein sollen. Besonders hervorgehoben werden unter anderem Schäden von knapp 5 Mio. US-Dollar bei einem Krankenhaus-System mit Sitz in Missouri, rund 2,7 Mio. US-Dollar bei einer Bank in Rhode Island sowie etwa 3 Mio. US-Dollar bei einem weiteren Krankenhaus-System in Kalifornien. Daneben wird in den Vorwürfen die Größenordnung bei weiteren Zielorganisationen genannt: über 4,6 Mio. US-Dollar bei einem in Massachusetts ansässigen Investmentfonds und rund 5 Mio. US-Dollar bei einem Pet-Food-Unternehmen in Florida. Zusätzlich wird auch ein Fall in Großbritannien erwähnt, bei dem einer US-Justizangabe zufolge über 11 Mio. US-Dollar aus einem Technologieunternehmen geflossen sein sollen.
Operativ soll die Gruppe die Zahlungen global verteilt haben: Den Angaben zufolge sollten Mitarbeitende Geldtransfers in mehreren Ländern veranlasst haben, darunter in den USA, Spanien, Portugal, Griechenland sowie in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Singapur, Österreich, der Slowakei und China. Nach dem Transfer soll die Gruppe den Angaben zufolge versucht haben, die Herkunft und Kontrolle der Gelder zu verschleiern, indem die Beträge in Kryptowährung umgewandelt und anschließend unter sich sowie mutmaßliche Mitverschwörer verteilt wurden. Genau diese zweite Phase ist für Ermittler besonders wichtig, weil sie eine Brücke zwischen dem „Social Engineering“ und dem so genannten Money-Movement schlägt – also zwischen der Täuschung im Kommunikationskanal und der nachgelagerten Verschleierung der Zahlungsflüsse.
Rechtlich richten sich die Anklagepunkte laut US-Justiz gegen eine Verschwörung zum Drahtbetrug, gegen mehrere Zählungen im Zusammenhang mit einer Geldwäsche-Verschwörung sowie gegen Vorwürfe des besonders schwerwiegenden Identitätsdiebstahls. In einer begleitenden Stellungnahme betonte ein US-Anwalt, dass KI zwar großes Potenzial habe, die Öffentlichkeit aber erkennen müsse, dass Einzelne die Technologie auch für kriminelle Ziele einsetzen könnten. Ebenso wurde die Tat nach Angaben der Ermittlungsbehörde als Beispiel dafür beschrieben, wie Kriminelle aufkommende Technologien „bewaffnen“, während das Ermittlungs- und Strafverfolgungssystem versuchen soll, die eigenen Fähigkeiten zur Identifikation und Unterbindung solcher Angriffe schnell weiterzuentwickeln.
Für Unternehmen ist die Meldung vor allem deshalb relevant, weil sie die Lücke zwischen moderner Kommunikation und verlässlicher Identitätsprüfung in einem Zahlungsprozess sichtbar macht. In der Praxis reichen „stimmige“ Nachrichten oder visuelle Konsistenz oft nicht aus, wenn Angreifer aus mehreren Modality-Ebenen täuschen können – etwa Text plus Stimme plus Bild. Wer Zahlungen nur nach dem Eindruck einer Nachricht freigibt, landet schnell in einer Angriffslogik, die die Täter wiederholen und skalieren können. Gleichzeitig zeigt der Fall, dass auch internationale und stark verteilte Zahlungsziele möglich sind: Selbst wenn nicht jede Organisation identisch betroffen ist, folgen die Muster einer technischen Täuschung und einer operativen Kette, die sich über Länder und Zahlungswege hinweg durchziehen lässt.
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