HEILBRONN / LONDON (IT BOLTWISE) – Beim fünften KI-Festival rund um die Ipai-Spaces verwandelt sich das Gelände am Wochenende in ein großflächiges Experimentierfeld. Mit 150 Programmpunkten, über 50 Ausstellern, Vorträgen und Workshops können Besucher KI praktisch erleben – und zwar kostenlos. Statt nur über KI zu sprechen, zeigen Anbieter Funktionen, Prototypen und Use Cases vom Schulprojekt bis zur Industrie-Nutzung. Der rote Faden: Künstliche Intelligenz wird so weit geöffnet, dass sie nicht erst bei der Technologie-Elite beginnt.

Wie bringt man einen Spitzenforscher dazu, sich für zehn Minuten von seinem Alltagstakt lösen zu lassen und wirklich mit einem Kind zu sprechen? Beim KI-Festival in Heilbronn setzt der Innovationspark Künstliche Intelligenz (Ipai) auf eine einfache Antwort: Man organisiert KI nicht als abstrakte Theorie, sondern als Begegnung im selben Raum. Moritz Gräter, Geschäftsführer des Ipai in Heilbronn, beschreibt genau dieses Ziel als Kern des Events „Wie schafft man es, dass ein Spitzenforscher auf einen zehnjährigen Jungen trifft zum Thema Robotik?“ Das Festival macht dabei bereits zum fünften Mal aus dem Ipai-Gelände rund um die Ipai-Spaces ein Experimentierfeld – mit freiem Eintritt, 150 Programmpunkten und mehr als 50 Ausstellern.
Der Ansatz wirkt besonders dort, wo KI nicht nur erklärt, sondern in einem echten Interface greifbar wird. Am Eingang steht ein humanoider Roboter der Größe von 1,31 Metern: AgiBot X2 vom Karlsruher Unternehmen Exxeta. Er besitzt laut Standbeschreibung 30 bewegliche Gelenke, mehrere Kameras und einen 3-D-Vida-Sensor in der Brust. Besucher können ihm zuwinken; dann reagiert er mit Rückwinken, macht „lustige Gesichter“ und spricht – solange nicht die Sonne den Sensorbetrieb stört. Exxeta ordnet das allerdings bewusst nicht als „Robotik-Show“ ein: „Wir sind eine Software-Bude“, sagt Mitarbeiter Kai Redecker sinngemäß, und erklärt, dass das Team Trainingsmodelle aus China übernimmt und sie auf die konkreten Use Cases der Nutzer anpasst.
Damit kippt das Festival weg von einem reinen Hobbytreffen hin zu einem praxisnahen Verständnis dessen, was hinter dem Begriff KI-Entwicklung tatsächlich steckt. Interessant ist dabei auch die Gegenüberstellung von Vermenschlichung und Funktion: Während der Roboter als Buddy am Eingang den Zugang erleichtert, bleibt das industrielle Bild nüchtern. Dort sitzt der Helfer beispielsweise auf mobilen Plattformen, kann Kleinstteile in Kisten einräumen und Kisten stapeln. Der Unterschied ist nicht nur optisch, sondern methodisch: In der Industrie geht es um belastbare Abläufe, Zuständigkeiten und robuste Sensorik, während auf Events stärker die Interaktion und das Lernen im Vordergrund stehen. Auch deshalb funktioniert das Format besonders gut für mehrere Altersgruppen gleichzeitig – das Publikum trifft nicht nur auf eine Demonstration, sondern auf eine ganze Kette aus Modellen, Datenzugriff und konkretem Verhalten.
Ein Beispiel liefert das Schulprojekt von Nero Frank. Der 13-Jährige knüpft im Rahmen von „Jugend forscht“ an eine KI-gestützte Assistenz an und hat in der Experimenta einen KI-Assistenten namens NERIO AI gebaut, der Smart-Home-Funktionen bietet und Zugriff auf den PC sowie auf E-Mails und Kalender ermöglicht. Für Nutzer zählt bei solchen Setups vor allem die Frage: Was passiert, wenn die KI etwas „darf“? Nero Frank hat deshalb auch das Sicherheitsprinzip im Blick: Jede Funktion soll vom Nutzer erst genehmigt werden. Parallel wird das Thema Transparenz über Open-Source adressiert: Der KI-Assistent ist als Open-Source-Projekt verfügbar, sodass jeder ihn kostenlos herunterladen kann. Dass hier bereits früh über Genehmigungslogik, Zugriffskontrollen und Nutzerverantwortung gesprochen wird, zeigt, wie das Festival den Begriff „KI“ vom reinen Technikbegriff löst und in Richtung Produkt- und Betriebskonzept erweitert.
Dass Künstliche Intelligenz dabei nicht in eine „Technologie-Elite“ abdriften soll, wird auch programmatisch betont. Moritz Gräter spricht vom „Mysterium“ KI und davon, dieses aus Forschungsabteilungen und Start-ups herauszuholen. Genau diese Niederschwelligkeit wird durch konkrete Mitmachformate unterfüttert, etwa durch die Jubelerkennung am Stand des VfB Stuttgart. Julian (10) und Jonathan (6) Haag probieren das System aus, das ihre Jubelgesten auf dem Bildschirm in das Jubelverhalten von VfB-Stars übersetzt. Hintergrund ist ein KI-gestützter Bild- oder Video-Pipeline-Ansatz, der Gesten zu einer erkannten Kategorie macht und die passende Ausspielung anstößt. Die Familie Haag bringt eine zusätzliche Motivation mit: Der Vater erklärt, dass der ältere Junge aktuell Interesse am Programmieren hat und aus Urlaubsbildern Kurzfilme erstellt. Beim KI-Festival geht es dann nicht um „Tore schießen“, sondern um die Einbettung von KI in Prozesse – zum Beispiel für die Steuerung von Warteschlangen oder die Anreise von Fans.
Spannend ist außerdem, wie das Festival mit Markt- und Relevanzsignalen umgeht. Die Ipai-Foundation holt für die fünfte Auflage zehn Prozent mehr Aussteller an Bord und vergrößert die Fläche, was für das Team laut Gräter „herausfordernd“ sei. Gleichzeitig wurden die Workshops in drei Lernniveaus unterteilt, und der Frauenanteil im Programm wird bewusst als Kontrapunkt zur Unterrepräsentation von Frauen im KI-Bereich gestaltet. Auch ältere Menschen sollen nicht „übergangen“ werden: Das Start-up RentenNavi.de aus Stuttgart ist seit einem halben Jahr auf dem Markt und berichtet von rund 2500 Kunden, die den Chat bereits genutzt haben. Initiator Woldemar Metzler beschreibt den Auslöser aus persönlicher Erfahrung: Kurz vor dem Renteneintritt wurde für seinen Vater sichtbar, wie komplex das Thema ist – vom Terminieren bis zu juristischen Fragen. Das Produkt erstellt einen Rentenbericht mit Informationen zu erwarteten Renten, zu frühestmöglichen Zeitpunkten und dazu, wann sich ein Wechsel in Rente finanziell lohnt. Am Ende steht ein voll automatisierter Rentenantrag; laut Aussage spare das mindestens zwei Monate Lebenszeit, die Menschen für „schönere Dinge“ nutzen könnten. Die Aussage wird zusätzlich mit einer Zahl aus der Statistik der Deutschen Rentenversicherung unterfüttert: Dabei entstehen eine Million Stunden Wartezeit im Jahr.
Damit zeichnet sich als Gesamtbild ab, dass das KI-Festival in Heilbronn weniger „Show“ ist als ein Versuch, KI als Infrastruktur- und Produktthema zu erklären. In der Besucherlogik beginnt es beim Gespräch zwischen Generationen, geht über Robotik als Interaktionsmedium und führt schließlich zu KI-gestützten Informations- und Entscheidungsprozessen, etwa beim RentenNavi-Use-Case. Gerade für Unternehmen und Entwickler aus der Praxis ist das relevant, weil sich hier ein wiederkehrendes Muster zeigt: Nutzerfreundlichkeit entsteht nicht nur durch bessere Modelle, sondern durch klare Berechtigungen, nachvollziehbare Abläufe, abgestufte Lernangebote und messbar nutzbare Schnittstellen. Wenn ein Festival mit KI-Assistenz „genauestens“ Genehmigungslogik anspricht und gleichzeitig Industrie-Use-Cases als Buddy-Mechanik übersetzt, dann wird aus Künstlicher Intelligenz ein konkretes Betriebsmodell – und nicht nur ein Trendwort.
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