LONDON (IT BOLTWISE) – Keenable, ein von Accel unterstützter Startup, ist aus dem Stealth-Modus heraus und baut einen Web-Index für KI-Agenten. Das Unternehmen spricht von mehr als 100 Milliarden indexierten Dokumenten und bietet einen API-Zugang für Training und Runtime. Im Fokus steht dabei das Grounding von KI-Antworten auf Quellen, ergänzt durch Live-Retrieval-Ansätze über eine Partnerschaft. Mit höheren Kosten als bei klassischen Suchlösungen will Keenable dennoch eine effizientere Basis für agentisches Web-Suchen schaffen.

Accel-unterstütztes Keenable baut Web-Index für KI-Agenten und Retrieval
Accel-unterstütztes Keenable baut Web-Index für KI-Agenten und Retrieval (Foto: IT BOLTWISE)
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Für Suchmaschinen war das Web lange Zeit vor allem ein Ziel für Menschen: Sie klicken, scannen Überschriften und brauchen Aufmerksamkeitsspannen, die sich nicht auf komplette Webseiteninhalte skalieren lassen. Genau daraus leitet Keenable seine Kernthese ab: Wenn KI-Chatbots und Agenten künftig nicht nur Antworten formulieren, sondern im Hintergrund Informationen aus dem Web verarbeiten, muss die Infrastruktur stärker auf maschinelles Lesen und schnelles Retrieval ausgelegt sein. Das Startup um Andrey Styskin, zuvor unter anderem in leitender Funktion beim Such-, KI- und Cloud-Bereich von Yandex, positioniert sich dabei als Anbieter einer Web-Indexierung, die als Grundlage für KI-Systeme dient – statt als klassisches UI-gestütztes Suchprodukt.

Keenable ist dafür vergleichsweise konkret: Laut Unternehmensangaben entsteht ein Index mit mehr als 100 Milliarden Dokumenten. Entscheidend ist weniger die schiere Menge allein, sondern der Anspruch, dass KI die gefundenen Quellen tatsächlich zur Begründung oder Ableitung von Antworten nutzen kann. Styskin betont dabei den Mechanismus, den man als Retrieval-gestützten „Flywheel“ beschreiben kann: KI-Antworten werden über Dokumente geerdet, und genau diese Verknüpfung aus Textquellen und Modell-Ausgaben soll sich als Schleife weiter verstärken. Diese Logik zielt auf einen anderen Optimierungsmodus als die Suchwelt, die sich über Jahre an menschlichem Verhalten ausgerichtet hat. Für die Produktpraxis heißt das: Ein KI-System benötigt einen schnellen Zugriff auf relevante Dokumente, sobald eine Anfrage nicht vollständig aus dem eigenen Kontext beantwortbar ist.

Technisch stellt Keenable damit Retrieval in den Mittelpunkt, nicht „Enterprise Search“ im klassischen Sinn. Styskin ordnet den Unterschied mit Blick auf die Kostenstruktur ein: Wenn Index-Strukturen nicht task-spezifisch optimiert sind, wird das Servieren und Scannen des gesamten Internets aufgrund des Datenvolumens extrem teuer. Damit beschreibt er im Kern ein Problem, das bei Web-Suche auftritt, sobald man nicht nur Trefferlisten erzeugen will, sondern KI-Workloads eine große Zahl von Dokumenten zur weiteren Verarbeitung liefern sollen. Während Enterprise-Lösungen häufig mit klaren Korpora, geringerer Dynamik und stärkerer Kontrolle über Datenquellen arbeiten, zwingt der offene Webraum zu aggressiven Strategien zur Eingrenzung der Suche „basierend auf der Query“ – und zu Indexdesigns, die eine schnelle Navigation im Suchraum erlauben. Genau hier setzt Keenable laut eigener Darstellung an, indem das Startup eine proprietäre Retrieval-Fähigkeit aufbaut und die Go-to-Market-Phase bereits vorbereitend startet.

Marktseitig kommt zusätzlich Druck über Plattformstrategien. In dem Umfeld, in dem sowohl Google als auch Microsoft ihre bestehenden Such-APIs begrenzen bzw. umstellen, wird Web-Suche für KI-Anwendungen teils schwieriger in der Architektur: Wer bisher Datenzugriff über bestimmte APIs erhielt, muss Alternativen planen oder enger an Partner gebunden werden. Laut den Aussagen von Accel-Partner Zhenya Loginov gibt es für KI-Player bei Infrastruktur auf Web-Scale-Ebene vergleichsweise wenige Optionen. Der Ansatz der großen Tech-Unternehmen laufe eher auf eine selektive, „gebündelte“ Kooperation hinaus, statt breit verfügbare Schnittstellen für freie Nutzung offenzuhalten. Keenable versucht, dieses Vakuum mit einer API-fähigen Index-Infrastruktur zu füllen, die sich sowohl für Training als auch für die Laufzeit von Inferenzsystemen einsetzen lässt.

Ein weiterer Baustein ist Live-Retrieval in Echtzeit: Keenable arbeitet dafür mit der Voice-AI-Firma Gradium zusammen, um Informationen laufend nachzuladen, wenn ein Agent oder ein Sprachsystem aktuelle Daten benötigt. Das passt zum Trend, dass KI-Anwendungen immer häufiger nicht nur auf bereits gelernte Wissensstände setzen, sondern in der Interaktion direkt auf externe Quellen zugreifen. Gleichzeitig kündigt Keenable ein nächstes Produkt an: „WebQueryLanguage“. Die Idee dahinter ist, dass ein KI-System Fragen beantworten kann, indem es Informationen aus mehreren Web-Quellen kombiniert – auch dann, wenn keine einzelne Quelle die vollständige Antwort enthält. In der Praxis bedeutet das: Statt nur „Dokumente finden“ steht auch die planbare Zusammensetzung relevanter Teilinformationen im Vordergrund, was die Pipeline zwischen Such- und Antwortkomponenten enger verzahnt.

Die Finanzierung und die damit verbundene Umsetzungsgeschwindigkeit spielen in diesem Kontext eine direkte Rolle. Keenable ist nach Angaben der Beteiligten aus dem Stealth-Modus heraus und hat 26 Millionen US-Dollar Seed-Finanzierung eingesammelt; Accel führte die Runde an, beteiligt sind außerdem Conviction Partners und einige Business Angels. Das Team gibt an, aus 15 Engineering-Mitarbeitern in den USA und Europa zu bestehen. Mit dem neuen Kapital will das Startup die Mannschaft bis zum Jahresende verdoppeln und damit die technische Entwicklung sowie die Markterschließung („go-to-market motion“) beschleunigen. Die Kosten bleiben allerdings ein zentraler Hebel: Styskin sagt, es sei „extrem schwer“, Nutzer von Google wegzubewegen, aber der Engpass liege auf agentischen Suchanfragen, bei denen ein spezialisierter Anbieter „bezahlbar“ und effizienter sein kann. Gleichzeitig räumt er ein, dass der Aufbau und Betrieb eines riesigen Index „schmerzhaft teuer“ ist und man sich deshalb beim Skalieren Tempo und Budget bewusst anpassen müsse.

Für die Branche ist das ein Zeichen, dass sich der Suchbegriff selbst verschiebt: Nicht nur „zehn blaue Links“ als Endprodukt stehen zur Debatte, sondern die Frage, wie KI-Agenten zuverlässige Quellen finden und verwerten. Andere Akteure wie Brave und Exa sind ebenfalls in dem Feld aktiv, und auch große Suchanbieter überarbeiten ihre Sucherlebnisse für das KI-Zeitalter. Damit steigt die Bedeutung von Infrastrukturentscheidungen, die früher im Hintergrund liefen: Indexarchitektur, Query-Eingrenzung, Retrieval-Latenz und API-Design werden zu Faktoren, die die Produktfähigkeit von KI-Agenten unmittelbar bestimmen. Ob Keenable am Ende zur „nächsten Google“-Ebene für KI-Agenten wird, hängt vor allem davon ab, wie gut sich die Retrieval-Qualität bei realen Workloads stabil halten lässt und wie effizient sich die Kosten pro Anfrage sowie pro Antwortbaustein in den Griff bekommen lassen.


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