BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – AfD-Außenpolitiker der Bundestagsfraktion haben in zwei Positionspapieren eine stärkere Nähe zur US-Regierung unter Donald Trump betont. Gleichzeitig fordern sie, die Ukraine-Unterstützung zu beenden und Deutschland wieder stärker auf Annäherung an Russland auszurichten. In den Papieren ist zudem von einer transatlantischen Zusammenarbeit die Rede, die einer von ihnen kritisierten „Woke-Ideologie“ entgegenwirken solle. Offen bleibt, wie sich diese Linie politisch gegen Mehrheiten zur Russland-Sanktionspolitik und zur Sicherheitsunterstützung durchsetzen lässt.

Die Außenpolitik der AfD-Bundestagsfraktion verschiebt sich in ihrer eigenen Darstellung spürbar: In zwei Positionspapieren, die in Berlin vorgestellt wurden, ziehen die genannten Fraktionsvertreter eine Linie von stärkerer transatlantischer Nähe zu den USA hin zu einer weitgehenden Abkehr von der bisherigen Ukraine-Unterstützung. Im Mittelpunkt steht dabei der Bezug auf die US-Regierung unter Präsident Donald Trump. Die Argumentation ist nicht nur politisch, sondern auch narrativ aufgebaut: Die Autoren verweisen auf eine gemeinsame Kultur und Geschichte sowie auf „Millionen Nachfahren deutscher Einwanderer“ als Bindeglied. Dadurch soll die Idee einer pragmatischen Zusammenarbeit über den Atlantik plausibel wirken – selbst dann, wenn die sicherheitspolitischen Konsequenzen in Europa anders ausfallen als bei breiteren Parteienkoalitionen.
Transatlantische Zusammenarbeit wird in den Papieren zudem mit einer Werte- und Organisationskritik verknüpft. Teile der außenpolitischen Neuausrichtung unter Trump, so die Darstellung, stünden in internationalen Organisationen einer „Woke-Ideologie“ entgegen. Ebenso greifen die Papiere konkrete sicherheitspolitische Themen auf: begrüßt werden mögliche US-Truppenreduzierungen in Deutschland sowie eine Nicht-Stationierung von US-Raketen. Der Effekt dieser Kombination ist klar erkennbar: Sie verbindet Forderungen nach Entspannung in der Abschreckungsarchitektur mit dem Wunsch nach weniger sichtbarer militärischer Präsenz der USA in Deutschland. Für Deutschland bedeutet das politisch, dass die Debatte nicht nur über Hilfeleistungen an die Ukraine geführt würde, sondern auch über die Architektur der Abschreckung und die Frage, wie stark europäische Sicherheitsinteressen an US-Ressourcen gekoppelt bleiben.
Bei den deutsch-russischen Beziehungen wiederholen die AfD-Außenpolitiker in ihrer Darstellung mehrere bekannte Positionen. Dazu zählen Forderungen nach einer Wiederinbetriebnahme der Ostseegasleitung Nord Stream, einem Ende der Wirtschaftssanktionen gegen Russland sowie einer Einstellung der Militärhilfen für die Ukraine. Auffällig ist dabei, wie die Papiere die moralische und rechtliche Dimension des Krieges behandeln: Der russische Angriff gegen die Ukraine wird nicht erneut verurteilt, anders als dies die AfD-Fraktion nach Beginn der Invasion 2022 formuliert hatte. Stattdessen steht eine Beendigung des Konflikts im Vordergrund, formuliert als Ziel, das „schnellstmöglich“ erreicht werden solle. Genau an dieser Stelle treffen zwei Realitäten aufeinander: Während Verhandlungs- und Friedensmodelle in der politischen Debatte grundsätzlich existieren, ist die konkrete Ausgestaltung – etwa wer welche Gebietsansprüche akzeptiert – in der Praxis eng mit der Bewertung von Angriffen, Besatzung und künftiger Sicherheitsgarantien verknüpft.
In dem Papier heißt es wörtlich: „Der Ukraine-Krieg ist eine Tragödie, die schnellstmöglich beendet werden sollte“. Die Autoren fordern außerdem eine „die Sicherheitsinteressen aller Konfliktparteien berücksichtigende Friedenslösung“. Konsequent ordnen sie daraus ein Leitbild ab: Die Ukraine dürfe weder Nato- noch EU-Mitglied sein und solle „wieder ein neutraler Staat“ werden; ihre Eigenstaatlichkeit müsse von Russland akzeptiert werden. Gleichzeitig relativieren die Papiere maximale territorialpolitische Erwartungen: Eine Wiedergewinnung „sämtlicher Territorien, inklusive der Krim“, sei „unrealistisch“. Aus technischer Sicht der Konfliktlösung ist das entscheidend, weil es Verhandlungsräume festlegt: Wer Frieden als Zustandsbeschreibung definiert, muss bestimmen, wie viel territoriale Realität eingefroren wird – und welche Garantien anschließend noch greifen, wenn eine Seite Gebietsgewinne nicht mehr revidierbar sieht. Der Text führt dafür „Garantiemächte“ ins Spiel, die möglichst nicht selbst am Konflikt beteiligt sein sollen.
Damit verschiebt sich auch der Konflikt zwischen Abschreckung und Entspannung von der Ebene des Militärischen auf die Ebene der politischen Mechanik: Wenn weniger Stationierung und weniger Hilfeleistungen vorgesehen sind, verändert sich die Verhandlungsposition der Ukraine; zugleich wird der Druck auf Sanktionen und Energiebeziehungen erhöht, etwa über Gas-Pipeline-Perspektiven. Die Nennung von Nord Stream ist dabei mehr als ein Energiepunkt: Pipeline-Infrastruktur steht in der europäischen Debatte traditionell für Versorgungssicherheit, aber nach dem Bruch der Beziehungen auch für politische Verwundbarkeit und Investitionsrisiken. Eine Rückkehr zu einem Modell, in dem Russland wieder stärker als Gaslieferant gedacht wird, kann zwar kurzfristig Argumente für Energiepreise liefern, langfristig aber auch Abhängigkeiten verfestigen. Für Unternehmen und Verwaltungen wäre eine solche Neuorientierung spürbar, weil Energie-Contracting, Risikomanagement und Beschaffungsketten oft auf mehrjährige Szenarien ausgelegt sind.
Markt- und industriepolitisch wirkt die politische Linie zudem über die sicherheitsbezogene Planung. Wenn Forderungen nach einer Reduktion von US-Präsenz und einem Verzicht auf Raketenstationierung lauter werden, betrifft das mittelbar auch die europäischen Beschaffungs- und Ausbildungszyklen. Gleichzeitig zeigen die Papiere, wie eng außenpolitische Narrative mit parteipolitischer Identität verknüpft sind: Die Kombination aus transatlantischer Nähe, Sanktionsabbau, neutralitätsbasierter Ukraine-Option und dem Verweis auf eine Abgrenzung gegen „Woke“-Diskurse zielt darauf, innenpolitische Koalitionen möglich zu machen. Für die weitere Debatte dürfte entscheidend sein, ob diese Positionen mehrheitsfähig werden – nicht nur in der parlamentarischen Logik, sondern auch in der Frage, wie Sicherheitsgarantien gestaltet werden sollen, wenn territoriale Wiedererlangung ausdrücklich als unrealistisch beschrieben wird.
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