LONDON (IT BOLTWISE) – KI-Agents bringen Unternehmen in eine neue Sicherheitsklasse: Sie greifen in Echtzeit auf Systeme, Daten und Anwendungen zu, ohne dass deren Identität und Rechte sauber gemanagt sind. Investoren und Beschleuniger sehen darin ein Milliardenproblem, aber auch eine klare Produktchance für die „Agentic Security“-Schicht. Der Fokus liegt zunehmend auf agentischer Identität, belastbaren Zugriffsgrenzen und einem Audit-Trail, der Aktionen nachvollziehbar macht. Parallel rückt KI-gestützte Endpunkt-Security nach, weil klassische Schutzlogiken dem Tempo der Entwicklung nicht mehr hinterherkommen.

Agentic Security: Warum KI-Agents Identität und Governance brauchen
Agentic Security: Warum KI-Agents Identität und Governance brauchen (Foto: IT BOLTWISE)
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KI-Agents gelten im Betrieb oft als „Produktivitätsmotor“: Sie planen Schritte, führen Aufgaben aus und greifen dafür auf Backends, Datenbanken oder interne Tools zu. Genau deshalb kippt das Sicherheitsmodell vieler Organisationen gerade von „wir schützen vor Angriffen“ zu „wir müssen Verhalten von nicht-menschlichen Akteuren beherrschen“. In der Praxis zeigt sich das Problem schon heute: Sobald Agents Rollen übernehmen, reicht ein reines Perimeter- oder Standard-EDR-Setup nicht mehr aus, weil Angriffsfläche und Risiko nicht nur im Netzwerk liegen, sondern im Kontext der Agenten – also in ihren Rechten, den verwendeten Credentials und der Art, wie Aktionen protokolliert und überprüft werden.

Aus Sicht von Security-Investoren und Accelerator-Entscheidern ist das Muster dabei historisch gut bekannt: Sicherheit wurde bei jeder neuen Infrastruktur-Welle lange als nachgelagert behandelt. Matt Hartman, Chief Strategy Officer bei Merlin Group, formulierte es sinngemäß so, dass insbesondere die „Security layer“, die Agent-Verhalten regiert, entscheidend wird: Identität für nicht-menschliche Akteure, klare Grenzen, was sie sehen und tun dürfen, sowie ein Audit-Trail über Aktionen auf Agentenbasis. Todd Graham, Managing Partner im Umfeld von Microsofts M12, bringt das ebenfalls auf den Punkt: Jede neue Plattform habe anfangs Sicherheitsaspekte „mitlaufen lassen“, bis der Markt an Grenzen stieß. Seine Aussagen verbinden also Markterfahrung mit einem technischen Dreh: Wenn Agents in Produktionsumgebungen eingesetzt werden und Zugriff auf geschäftskritische Daten bekommen, muss Governance nicht als Projekt, sondern als kontinuierliche Kontrollschicht implementiert werden.

Technisch bedeutet „agentic identity“ mehr als nur ein technisches Servicekonto. Service-Accounts sind ohnehin ein bevorzugtes Ziel, weil sie häufig hohe Privilegien besitzen und Passwörter oder Secrets nicht zuverlässig rotiert werden. Bei Agents kommt eine weitere Dimension hinzu: Ein Agent ist in der Praxis ein dynamischer Akteur, der über mehrere Schritte hinweg Rechte benötigt – mal zum Lesen, mal zum Schreiben, mal zum Starten von Workflows. Wenn dann keine differenzierte Rollen- und Rechteverwaltung existiert, entsteht ein Sicherheitsrisiko, das sich schwer mit klassischen Policies allein abfangen lässt. Hartman beschreibt deshalb explizit den Kern: „Limitations“ für den Zugriff und eine nachvollziehbare Dokumentation, was der Agent um z. B. 2 Uhr nachts am Dienstag tatsächlich angestoßen hat. Damit wird Security nicht nur reaktiv (Alarm), sondern auch präventiv (Begrenzung) und forensisch (Belegbarkeit).

Gleichzeitig verschiebt sich der Markt. Graham argumentiert, dass der Innovationszyklus bei KI schneller ist als bei vielen früheren Cloud-Umstellungen: Unternehmen bauen nicht erst über Jahre Funktionen an, sondern integrieren Agents zunehmend „vollgas“ in laufende Produktionsumgebungen. Das erhöht den Druck auf Security-Teams, weil die Frage nach Identifizierung, Kontrolle und Überwachung nicht erst im Pilot kommt, sondern spätestens dann, wenn Agenten produktiv sind und echte Daten verarbeiten. Für CISO-Entscheider auf Unternehmensebene entsteht daraus eine Beschaffungshürde: Wer als Anbieter nur „einen Ausschnitt“ adressiert, riskiert, im Einkauf gegen bestehende Identity- und Security-Stack-Komponenten zu verlieren. Graham betont deshalb die Erwartung, dass es „alle Dinge“ abdecken muss – Governance, Access Control, Autorisierung und Zugriffsbeschränkungen – idealweise in einem konsistenten Modell für Agenten, ähnlich wie Identity-Stacks für Menschen gewachsen sind.

Neben der Governance für Agenten rückt auch „KI Endpoint Security“ stärker in den Fokus. Als Analogie wird häufig der Gedanke bemüht, Endpunkte für KI-Welten genauso zu schützen wie früher klassische Workloads – nur dass die Angriffsrealität sich erweitert: Agents können Verhalten über Zeit hinweg orchestrieren, Tools nutzen und damit auch Sicherheitskontrollen umgehen, wenn sie nicht für diesen Kontext optimiert sind. Graham beschreibt in dem Zusammenhang ein sehr konkretes Unternehmensszenario: Wenn eine Organisation im Incident-Fall unter Druck gerät, wird typischerweise danach gefragt, ob Schutzmechanismen wie Antivirus und EDR aktiv waren – und genau dann folgt voraussichtlich die gleiche Frage nach KI-gestützter Endpunktabsicherung. Dazu kommt die Wettbewerbslage: Bestehende Anbieter im Endpoint-Umfeld „werden“ laut seiner Einschätzung Produkte nachschieben. Für Startups heißt das aber nicht nur „Angriff auf den Markt“, sondern auch „Differenzierung über Tiefe“: Wer wirklich disruptieren will, muss nicht nur Signaturen oder Anomalien erkennen, sondern Agenten- und Tool-bezogene Telemetrie so verknüpfen, dass Security-Teams die Ursache statt nur das Symptom sehen.

Historisch lässt sich der aktuelle Bedarf zudem als Fortsetzung eines Trends lesen: von Identity-Management für Menschen hin zu Governance für Maschinenidentitäten, von statischen Berechtigungsmodellen hin zu Kontextsteuerung, und von reiner Perimeter-Absicherung hin zu „Continuous Controls“. Das erklärt auch, warum die Community bereits jetzt von der nächsten „Unicorn“-Chance bei agentischer Identität spricht: Nicht, weil Identity allein neu wäre, sondern weil die Anforderungen durch Agents massiv in die Breite gehen. Unternehmen brauchen nachvollziehbare Verantwortlichkeit (Audit Trail), präzise Einschränkungen (Policy/Limitations) und eine Art von „Agenten-Standard“, an dem sich Sicherheitsprodukte und Plattformen ausrichten können. Wer diesen Spagat aus Technik, Produktisierung und Go-to-Market meistert, trifft damit genau die Lücke, die in vielen Organisationen gerade entsteht – zwischen schnellen KI-Einführungen und unzureichender Sicherheitsarchitektur.


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