LONDON (IT BOLTWISE) – Iran und China setzen in Online-Influence-Kampagnen auf „agentic“ KI, die mehrere Schritte ohne menschliches Zutun koordiniert. Laut den beschriebenen Abläufen werden zunächst frei verfügbare chinesische KI-Modelle für die Erstellung von Bot-ähnlichen „Agents“ genutzt. Danach öffnen diese Agents automatisch Netzwerke gefälschter Konten und verbreiten Posts zu Politik und aktuellen Ereignissen. Damit verschiebt sich der Fokus von einzelner Content-Erstellung hin zu einer durch KI gesteuerten Kampagnenpipeline, die sich in großem Maßstab betreiben lässt.

Die neue Qualitätsstufe in Online-Influence-Kampagnen liegt weniger in einzelnen KI-generierten Inhalten, sondern in der Kopplung von KI mit einer durchgängigen Automatisierung. In der beschriebenen Entwicklung werden in kurzer Abfolge mehrere Schritte zusammengeführt: KI-Modelle übernehmen die Erstellung von „Agents“, diese Agents führen selbstständig Aufgaben aus, und anschließend entstehen über offene Konten-Netzwerke schnelle, wiederkehrende Beiträge. Der Effekt ist, dass Kampagnen nicht mehr nur „produziert“, sondern auch „betrieben“ werden – mit Tempo und Skalierung, die deutlich über typische manuelle Team-Workflows hinausgehen.
Technisch interessant ist dabei die Rolle von frei zugänglichen, als „open-source“ beschriebenen KI-Modellen. Solche Systeme lassen sich laut dem Bericht in eigener Umgebung anpassen und betreiben, ohne dass ein Anbieter zentral eingreifen kann, sobald missbräuchliche Muster auftauchen. Genau das adressieren die Sicherheitsargumente hinter dem Begriff „Agenten“: Bots, die Software steuern und Entscheidungen in einem gewissen Rahmen autonom ausführen, können die nächste Aktion aus dem laufenden Online-Kontext ableiten. Anstatt dass Menschen prompts formulieren, Accounts erstellen und Inhalte posten, entstehen Kettenprozesse, bei denen Planung, Betrieb und Verbreitung eng verzahnt sind.
Die Kampagnen werden dabei als multidisziplinär geschildert: In den beschriebenen Fällen werden gefälschte Konten in mehreren großen Plattform-Ökosystemen aufgebaut, darunter Instagram, Facebook, X und TikTok. Anschließend sollen die Agents das Netz mit politischen und tagesaktuellen Falschbehauptungen füttern – nicht als einzelne virale Einzelleistung, sondern als wiederholtes Seeden von Themen, um Debatten aufzuheizen und Meinungen in eine bestimmte Richtung zu drücken. Auffällig ist zudem die Schilderung, dass typische Schutzmechanismen, die sonst das Erstellen gefälschter Identitäten oder manipulative Interaktionen begrenzen, „abgeschaltet“ worden sein sollen. Dadurch steigt das Risiko, dass eine KI nicht nur Inhalte generiert, sondern auch die für eine Kampagne nötige Social-Engine-Komponente.
Der Bericht ordnet das als ersten Fall ein, in dem „agentic“ Abläufe tatsächlich für jede Phase einer Influence-Kampagne genutzt werden könnten – von der Kontoerstellung bis zur Koordination der Botschaften. Gleichzeitig wird eine konkrete geopolitische Stoßrichtung sichtbar: Ein Teil der beschriebenen Sorge zielt auf die mögliche Ausrichtung solcher Systeme auf Wählergruppen in den USA. Für die Wahlvorbereitung ist das relevant, weil sich Timing, Frequenz und Interaktionsmuster mit KI-Agents deutlich schwerer begrenzen lassen, sobald die Aktivität automatisiert über Plattformen skaliert. Die Debatte um KI-Sicherheit bekommt dadurch ein neues Gewicht: Nicht nur Deepfakes oder irreführende Texte sind das Problem, sondern die organisatorische Metrik von Kampagnen – also wie schnell, wie oft und in wie vielen Varianten sie sich an aktuelle Ereignisse anpassen.
Aus Marktsicht zeigt sich zugleich, dass Plattformen und Unternehmen bereits reagieren, aber in einer dynamischen Phase feststecken. Berichten zufolge haben Unternehmen wie Meta und TikTok KI-Nutzung zur Konten- und Content-Erstellung auf ihren Plattformen thematisiert und dabei auch experimentierende „bad actors“ mit KI-gestützten Verfahren beschrieben. Meta ordnet solche Aktivitäten als technisch bedeutsame Entwicklung ein und nennt zudem, dass KI inzwischen in automatisierte Systeme eingebettet sei, die Inhalt erzeugen, anpassen und verteilen können – und zwar mit minimalem menschlichem Eingriff. Während X in der Schilderung nicht reagiert hat, wird damit klar, dass Erkennung und Gegenmaßnahmen nicht nur gegen „einzelne Posts“, sondern gegen orchestrierte Prozesse aus mehreren Schritten gerichtet sein müssen.
Besonders viel Diskussionsstoff liefert die Abgrenzung zwischen offenen und geschlossenen KI-Modellen. Laut dem Bericht wurden zwar KI-Agenten bereits in der Vergangenheit missbraucht, unter anderem durch staatliche Akteure – aber offene Modelle erhöhen die Angriffsfläche, weil Systeme in privaten Umgebungen laufen können. Dadurch fehlt den Betreibern oft eine zentrale Kontrolle, über die ein Anbieter Missbrauch zuverlässig unterbrechen könnte. Umso schärfer wirkt auch die Schilderung rund um die israelischen Fälle: Es wird beschrieben, dass eine Kampagne mit A.I.-Agents über mehrere Plattformen Tausende Konten aufgebaut haben soll und auf Kommentare sowie Interaktionen zu Ereignissen rund um Wahlen reagiert haben könnte. Laut den in der Meldung wiedergegebenen Angaben soll eine solche Tätigkeit auf die Firma IntelEye zurückgehen; zugleich wird das als Experiment in einem Interviewrahmen dargestellt, in dem Sicherheitsforschung und Tests der Modelle betont werden – jedoch ohne dass damit automatisch geklärt wäre, welche Auswirkungen die konkreten Aktivitäten auf Plattformen und Nutzer hatten.
Für Unternehmen und Sicherheitsverantwortliche verschiebt sich damit die Priorität der Abwehrmaßnahmen. Nicht jedes auffällige KI-Content-Element ist automatisch ein Beleg für „agentic“ Missbrauch, aber orchestrierte Kampagnen zeigen typische Muster: parallele Kontenaktivität, wiederkehrende Themenwechsel, schnelle Reaktionsfenster und Interaktionsversuche, die auf Konversation statt nur auf Reichweite zielen. Wenn Agents zusätzlich prompts und Themen aus dem laufenden Kontext auswählen, wird klassische Moderation nach Einmal-Triggern weniger wirksam und benötigt eher Prozess- und Verhaltenssignale. Gleichzeitig wird die Verantwortung breiter: Plattformen, Toolanbieter und Forschung müssen stärker daran arbeiten, Schutz nicht nur als Modell-„Safeguards“ zu verstehen, sondern als End-to-End-Kontrollschicht über den gesamten Automatisierungsfluss hinweg.
Die Debatte in der KI-Branche verläuft parallel dazu weiterhin kontrovers. Während in der Quelle Hinweise auf Forderungen nach mehr Sicherheitsleitplanken und sogar einer möglichen Verlangsamung der Entwicklung auftauchen, argumentieren andere, dass es weniger um Tempo und mehr um den konkreten Bau robuster Schutzmechanismen gehe – und dass entsprechende Guardrails früh in die Produktentwicklung integriert werden sollten. Unabhängig von der Position dürfte die nächste Welle weniger vom einzelnen Modell abhängen als von der Frage, wie gut sich Automatisierungsketten entdecken, unterbrechen und auditieren lassen. Agentenbasierte Influence-Kampagnen machen damit deutlich, dass KI-Sicherheit zunehmend eine Sicherheitsarchitektur für Systeme wird, die nicht nur Texte erzeugen, sondern auch selbstständig handeln.
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