WIESBADEN/KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Bierbrauereien verfehlen in der ersten Jahreshälfte erneut die Vorjahreswerte: Der Absatz sinkt um 2,2 Prozent auf 3,85 Milliarden Liter. Auch im Inland geht es spürbar weiter bergab, während alkoholfreies Bier inzwischen 11 Prozent Anteil am gesamten Bierkonsum erreicht. Der Brauerbund und Unternehmen werben das Segment als Wachstumstreiber, doch Branchenstimmen warnen vor einer anhaltenden Strukturkrise und einer steigenden Zahl von Sanierungsfällen. Damit stellt sich die Frage, ob alkoholfreie Sorten die wirtschaftlichen Probleme der Branche tatsächlich auffangen können.

Schon die ersten Monate liefern eine unbequeme Diagnose für die deutsche Bierindustrie: In der ersten Hälfte des laufenden Jahres haben die Brauereien zusammen 3,85 Milliarden Liter abgesetzt, das sind 2,2 Prozent weniger als im ohnehin schwachen Vorjahr. Selbst ein leichter Aufschwung im Juni konnte die Trendwende nicht bringen; im Inland sank der Absatz laut Angaben aus der amtlichen Statistik weiterhin um 3,1 Prozent. Der Blick auf die Gesamtsumme zeigt damit weniger eine Branchenpause, sondern eher eine fortgesetzte Erosion der Mengen. Das ist auch deshalb relevant, weil die Energieabhängigkeit der Branche seit Jahren die Kostenlage belastet und viele Standorte gleichzeitig unter dem Druck geänderter Konsumgewohnheiten leiden.
Aus Sicht von Veltins-Chef Volker Kuhl steckt die Branche in einer „manifesten Strukturkrise“. Sein Kernpunkt: Zahlreiche Braustätten seien technisch längst überholt, weshalb die Wirtschaftlichkeit verloren gehe und sich dadurch „die Betriebsaufgaben“ häufen würden. Die Folge, so seine Erwartung, seien mehr Sanierungsfälle, die zunehmend in Insolvenzen münden. Diese Bewertung passt zum Muster vieler Industrien mit hoher Fixkostenlast: Wenn Absatzvolumen über längere Zeit nicht stabilisiert werden, verschieben sich Investitionen in Effizienz und Modernisierung von der Ausnahme zur Notwendigkeit – und werden zugleich schwerer finanzierbar. Gleichzeitig steigt die Bedeutung, nicht nur das richtige Produkt, sondern auch die richtige Produktionsstruktur und die richtige Kostenbasis zu haben.
Der Hoffnungsschimmer kommt ausgerechnet aus dem Segment, das lange als Nische galt: alkoholfreies Bier. Der Brauerbund beziffert den Marktanteil inzwischen auf 11 Prozent am gesamten Bierkonsum. Im vergangenen Jahr lagen die Mengen bei 750 Millionen Litern und damit auf einem Rekordniveau; das entspricht einem Zuwachs von 7,6 Prozent. Solche Wachstumsraten sind ein starkes Signal für Produktentwicklung und Vertrieb – und sie erklären, warum Unternehmen das Thema intern als strategisch ansehen. Christian Weber, Präsident des Brauer-Bunds, bringt es in seiner Einschätzung auf den Punkt: „Alkoholfreie Biere sind längst kein Nischenprodukt mehr, sondern ein zentraler Wachstumstreiber unserer Branche“.
Die Nachfrageentwicklung wird zusätzlich durch eine Yougov-Umfrage unterfüttert, die einen gesundheitlich konnotierten Nutzungsanlass besonders sichtbar macht. Beim oder nach dem Sport wird alkoholfreies Bier nach den Befragungsdaten doppelt so häufig getrunken wie alkoholhaltiges Bier. Besonders auffällig sind die Altersgruppen: 21 Prozent der „Generation Z“ (Jahrgänge 1997–2012) und 19 Prozent der Millennials (1981–1996) nennen aktiven Sport als Trinkanlass; über alle Befragten hinweg liegt der Anteil bei 16 Prozent. Gleichzeitig zeigt die gleiche Umfrage aber auch die Grenzen des Segments: 44 Prozent der Befragten geben an, überhaupt kein Bier zu trinken, bei den Frauen sogar eine Mehrheit von 52 Prozent. Unter den Männern liegt dieser Anteil bei 36 Prozent. Damit wird klar, dass ein Wachstum innerhalb einer Teilmenge zwar hilft, aber nicht automatisch das Gesamtvolumen rettet.
Genau an dieser Lücke setzt auch die Skepsis an. Veltins-Chef Kuhl argumentiert, dass die Zuwächse bei alkoholfreiem Bier im Handel im ersten Halbjahr nur 7,6 Prozent der Absatzverluste bei den übrigen Biersorten ausgleichen. Damit beschreibt er im Kern ein mathematisches Problem: Selbst hohe Wachstumsprozente im Segment bedeuten nicht automatisch genug Substitution, um Rückgänge in den traditionellen Sorten zu kompensieren. Dazu passt, dass viele Trinkanlässe für Bier mit Alkohol weiterhin deutlich häufiger genannt werden als für alkoholfreie Varianten, etwa Treffen mit Freunden oder Familie (55 Prozent), Feiern oder Partys (50 Prozent), Essen (50 Prozent), Urlaub (41 Prozent) oder Veranstaltungen (33 Prozent). Nahezu ausgeglichen wirkt die Wahl allerdings nach der Arbeit und zum Feierabend, wo alkoholfreies Bier nahezu gleichzieht – hier zeigt sich also, dass situatives Konsumverhalten durchaus umsteuerbar ist.
Für die Branche ergibt sich daraus eine doppelte strategische Aufgabe: Einerseits müssen Brauereien die Produktqualität und das Markenversprechen im alkoholfreien Bereich so weiterentwickeln, dass nicht nur Ersatz- oder Experimentkäufe entstehen, sondern echte Loyalität. Andererseits reicht es vermutlich nicht, allein auf Segmentwachstum zu setzen, wenn gleichzeitig ein Gesamtmarkt schrumpft und die Produktionsstätten strukturell unter Druck stehen. Die beschriebenen Absatzrückgänge und die Erwartung einer anhaltenden Pleitewelle lassen Unternehmen und Investoren vor allem auf zwei Fragen schauen: Wie schnell gelingt Modernisierung dort, wo Anlagen technisch und wirtschaftlich nicht mehr konkurrenzfähig sind, und wie robust lässt sich die Erlösseite über Preis, Sortiment und Vertrieb stabilisieren. Wenn sich diese beiden Stellschrauben nicht gleichzeitig drehen, bleibt alkoholfreies Bier zwar ein wichtiger Baustein – aber eben keine vollständige Lösung für die strukturellen Herausforderungen deutscher Brauereien.
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