HAMBURG – Allianz Trade erwartet für Deutschland auch 2027 hohe Unternehmensinsolvenzen. Für dieses und das kommende Jahr rechnet der Kreditversicherer mit jeweils 25.900 Fällen. Als Treiber nennt er unter anderem den schwelenden Iran-Krieg, eine schwache Konjunktur sowie steigende Betriebskosten. Besonders betroffen sieht das Unternehmen Transport und Logistik, Bau, Gastgewerbe sowie Teile der Automobil- und Maschinenbauindustrie.

Die Prognose von Allianz Trade fällt in eine Phase, in der sich Insolvenzen in Deutschland bereits über mehrere Jahre hinweg nicht nur häufen, sondern auch breit über Branchen verteilen. Nachdem das Statistische Bundesamt im vergangenen Jahr 24.064 Unternehmensinsolvenzen gezählt hatte, unterstreicht die neue Einschätzung aus Hamburg, dass sich die Lage kurzfristig nicht automatisch beruhigt. Für dieses Jahr und 2027 geht Allianz Trade von jeweils 25.900 Fällen aus. Die Größenordnung ist damit weiterhin deutlich höher als in früheren Wendepunkten: Ende 2013 lag die Zahl zuletzt auf ähnlichem Niveau, in der Zeit danach blieb sie jedoch nicht dauerhaft stabil.
Technisch und operativ betrachtet entscheidet bei solchen Entwicklungen weniger ein einzelner Auslöser als das Zusammenspiel aus Zahlungsströmen, Refinanzierung und Kostenstruktur. Wenn etwa Betriebskosten steigen und gleichzeitig die Nachfrage nur langsam anzieht, geraten Unternehmen häufig gleichzeitig in mehrere Engpässe: Margen schrumpfen, Liquidität wird schneller knapp, und Finanzierungslinien werden restriktiver. Genau diesen Mechanismus verbindet Allianz Trade in seiner Begründung mit konkreten Faktoren wie dem schwelenden Iran-Krieg, der schwachen Konjunktur sowie dem fehlenden Fachkräftenachwuchs. Dazu kommt aus Sicht des Kreditversicherers ein Umfeld, in dem Unternehmen ihre Fixkosten schwerer abfedern können, selbst wenn die operative Lage kurzfristig noch „durchhält“.
Die Branchenverteilung macht die Prognose auch für Entscheider greifbar, weil sie Hinweise auf typische Risikomuster liefert. Allianz Trade nennt als besonders betroffen Transport und Logistik, Bau, Gastgewerbe sowie die Automobil- und Maschinenbauindustrie. Das ist plausibel, weil gerade dort häufig umfangreiche Vorfinanzierungen, komplexe Liefer- und Abwicklungsprozesse oder zyklische Investitionsentscheidungen zusammentreffen. Schon die jüngsten prominenten Insolvenzen zeigen, dass sowohl Handels- und Retail-Modelle als auch industrielle Zulieferketten und technologiegetriebene Hersteller unter Druck geraten können. Für Kredit- und Risikoabteilungen bedeutet das: Die Aufmerksamkeit verschiebt sich von einzelnen Adressfällen hin zu wiederkehrenden Konstellationen entlang von Zahlungszielen, Auftragslage und Kostenschocks.
Rein zahlenbasiert liefert das Statistische Bundesamt zusätzlich einen Verlauf, der zur vorsichtigen Tonalität der Allianz-Trade-Erwartung passt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres registrierte das Amt 12.812 Unternehmensinsolvenzen, das entspricht im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einem Plus von 6,7 %. Für das Gesamtjahr rechnet Allianz Trade damit, dass der Anstieg im Jahresverlauf acht Prozent betragen wird. Damit bleibt der Trend nicht bei Momentaufnahmen, sondern wirkt wie ein Fortsetzen einer bereits etablierten Dynamik – auch wenn einzelne Unternehmensfälle medial besonders sichtbar sind.
Gleichzeitig spricht Allianz Trade für 2028 wieder von einem Rückgang: Der Kreditversicherer erwartet einen Abschwung um fünf Prozent auf 24.600 Fälle. Als Begründung verweist das Unternehmen darauf, dass Konjunkturmaßnahmen der Regierung dann weiter an Wirkung gewinnen könnten. Für Unternehmen ist das weniger eine Entwarnung, sondern eher ein Planungsparameter: Wenn sich die makroökonomische Unterstützungswirkung zeitlich verschiebt, sollten Risikosteuerung und Forderungsmanagement nicht auf „automatische Stabilisierung“ ausgelegt werden. In der Praxis heißt das häufig, Forecasts enger mit Vertriebs- und Cashflow-Szenarien zu koppeln, Kreditlimits flexibler zu überprüfen und branchenbezogene Frühwarnindikatoren konsequent in Prozesse wie Mahnwesen und Strukturierung von Zahlungsbedingungen zu integrieren.
Auch aus Marktsicht ist die Botschaft eindeutig: Wer heute Kreditversicherung, Factoring oder andere Absicherungsinstrumente nutzt, bekommt ein stärker datengetriebenes Timing-Raster für die kommenden Quartale. Eine Prognose, die 2027 und 2026/2025-nahe Werte auf ähnlicher Höhe hält, erhöht den Druck auf das Risikomanagement, weil sich die „Toleranz“ für späte Reaktionen verringert. Daneben zeigt die Erwartung für 2028, dass Gegenmaßnahmen wirken können – aber eben nicht sofort. Gerade deshalb lohnt sich für Finanz- und Strategieabteilungen der Blick auf die Verbindung aus Branchenrisiko, Kostenhebeln und Liquiditätsreserven: Ein Unternehmen kann trotz operativer Qualität in eine Insolvenz geraten, wenn die Finanzierungsseite nicht parallel mitzieht.
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