LONDON (IT BOLTWISE) – Anthropic berichtet von sieben china-basierten KI-Labs, die in großem Stil unbefugte Distillation-Angriffe gegen Claude durchgeführt hätten. Dabei sollen sie Zugriffe über Proxy-Dienste mit Tausenden gefälschter Accounts automatisiert haben und Claude-Antworten als Trainingsdaten genutzt haben. Laut den Angaben kamen dabei auch gestohlene oder unrechtmäßig beschaffte API-Schlüssel, Kreditkarten- und Logindaten zum Einsatz. Offen bleibt, wie groß der Gesamtschaden über die genannten Kampagnen hinaus ist.

Anthropic versucht mit einem neuen Lagebild, die technische Lücke hinter „industrieller“ KI-Distillation greifbar zu machen: Während Wissenstransfer zwischen Modellen grundsätzlich Teil legitimer Trainingsprozesse ist, beschreibt das Unternehmen unautorisierte Kampagnen, bei denen die Fähigkeiten eines großen Modells verdeckt abgeschöpft und in ein anderes System repliziert werden. Im Zentrum steht dabei Claude, und konkret die Frage, wie Angreifer das wertvolle Gut finden, das sich aus Nutzerinteraktionen ergibt – inklusive Agentenfähigkeiten, Tool-Nutzung, Coding- und Datenanalyse sowie logischem Schließen. Das Timing der Meldung ist brisant, weil westliche Frontier-Labore solche Angriffe seit längerer Zeit als Risiko für die Modellschutzschicht einordnen, sobald Konversationsdaten massenhaft in Trainingspipelines landen.
Technisch macht Anthropic den Mechanismus an drei Bausteinen fest. Erstens soll die unillegale „Distillation“ darüber laufen, dass ein fremdes Lab die Antworten von Claude als „Lehrmaterial“ sammelt und daraus ein kleineres oder anderes Modell systematisch nachbildet. Zweitens sollen die Kampagnen dabei nicht wie Einmalangriffe aussehen, sondern wie ein Industrieprozess: über Netzwerke aus Proxy-Services, die Anfragen aus verschiedenen Regionen umleiten und dabei tausende neue Konten unter erfundenen Identitäten erzeugen. Drittens beschreibt Anthropic, dass die Zugänge häufig nicht sauber beschafft wurden, sondern über gestohlene oder gefälschte Kreditkartendaten sowie unrechtmäßig geerntete API-Schlüssel, die ursprünglich zu legitimen Unternehmen oder Privatpersonen gehören.
Besonders ernst wird die Darstellung dort, wo Anthropic den Wert der abgezweigten Daten konkretisiert. Dem Unternehmen zufolge sollen die Angriffe nicht nur generische Unterhaltung betreffen, sondern Inhalte mit sensibler Qualität: In einigen Fällen sollen die unautorisierten Labore Claude-Antworten und -Konversationen inklusive Informationen aus einzelnen Nutzern, aus großen multinationalen Unternehmen und sogar aus Akteuren im Umfeld staatlicher Strukturen genutzt haben. Zusätzlich verweist Anthropic auf einen Sekundärmarkt: Unterlagen zu Nutzeranfragen mit US-amerikanischen Frontier-Modellen sollen von Drittanbietern an Reseller verkauft und dann über diese Zwischenhändler als Transkripte in Distillationsvorhaben eingespeist worden sein. Auch hier gilt die Kernaussage nicht als bewiesener Einzelfall, sondern als Bericht des Unternehmens: Anthropic zufolge entstünden dadurch „harvested exchanges“, die sich ohne Wissen und Einwilligung der Nutzer verbreiten.
Für die operative Umsetzung nennt Anthropic mehrere unterscheidbare Kampagnen, die es seit Februar 2026 detektiert haben will. Dazu gehört etwa GTG-16005 mit 151 Millionen erfassten Austauschvorgängen zwischen Mai und Juli 2026, bei dem – nach den Angaben von Anthropic – ein Cluster alibaba-naher Akteure auf Chain-of-Thought-Reasoning-Transkripte von Claude Opus 4.6 und 4.7 gezielt haben soll. Laut der Beschreibung habe das Vorhaben zeitweise bei rund 3 Millionen Anfragen pro Tag gelegen und sei über mehr als 3.500 betrügerische Accounts für Aufgaben wie agentische Workflows, Software Engineering, Kernel-Entwicklung und längerfristige Ziele gestartet worden. Parallel dazu führt Anthropic GTG-16002 an: Dort sei Moonshot AI angeblich eigene Kundenanfragen zunächst an Claude umgeleitet worden, statt sie mit dem hauseigenen Kimi zu verarbeiten, und Claude-Antworten seien anschließend Nutzern gezeigt sowie einige der so entstandenen Konversationen für ein CoT-Training „mitgeschnitten“ worden; innerhalb von etwa zehn Tagen seien nahezu 300.000 Requests über ein Proxy-Netz mit 5.380 gefälschten Accounts weitergereicht worden, vor allem aus Regionen, die laut Anthropic besonders auffällig waren.
Weitere Kampagnen ordnet Anthropic als Musterattacken ein, die sich in der Zielsetzung ähneln, aber in der technischen Ausprägung variieren. So nennt das Unternehmen GTG-16001, bei dem DeepSeek dem beschriebenen Ansatz folgend angeblich ebenfalls Konversationsinhalte still an Claude weitergeleitet und CoT-Transkripte extrahiert haben soll. Bei GTG-16006 beschreibt Anthropic Zhipu (Z.ai) als Akteur, der eine CoT-Extraktions- und Replay-Pipeline betrieben haben soll, wobei wechselnde Identitäten zum Einsatz kamen – nach den Angaben rotierte man über 273 betrügerische Accounts. Xiaomi taucht in GTG-16008 auf: Dem Unternehmen zufolge habe Xiaomi über eigene MiMo-Systeme gelaufene Konversationen und Coding-Sessions durch zusätzliche Codierungs-Harnesses wie OpenClaw und OpenCode hindurch „replayed“ an Claude, um daraus Trainingsdaten für spätere Modelle zu gewinnen. Daneben nennt Anthropic SenseTime als Fall GTG-16012, in dem nach Unternehmensangaben Transkripte von Claude-Konversationen über Datenverkäufer gekauft worden sein sollen, und MiniMax als GTG-16003 mit dem Aufbau eines eigenen Proxy-Netzwerks über eine Shell-Organisation, das angeblich Zugriff auf Anthropic- und OpenAI-Entwicklungen ermöglichen sollte.
Um den Schutz tatsächlich zu erhöhen, setzt Anthropic laut eigener Darstellung auf drei Abwehrlinien. Erstens sollen Regeln für Reseller-Accounts und Konten aus nicht verifizierten „unsupported regions“ greifen, insbesondere wenn Nutzer die Identität nicht nachweisen. Zweitens will das Unternehmen Angriffe unattraktiver machen, indem Claude interne Überlegungen vor der Ausgabe in eine zusammenfassendere Form bringt, sodass gestohlene Transkripte für nachgelagerte Trainingsvorhaben weniger nutzbar sein sollen. Drittens wird ein Mechanismus namens „Fable 5.1“ genannt, der „preserved thinking“ einführt: Neue API-Konten sollen dabei nicht in der Lage sein, Systemprompt, Tools oder Nachrichten zu verändern, die vor dem Reasoning in mehrturnigen Gesprächen liegen; Anthropic beschreibt, dass diese Überlegungen verschlüsselt sind, aber dass das gezielte Editieren des Kontexts eine typische Angreifertechnik sei, um das System zur Offenlegung zu bringen. Zusätzlich ordnet Anthropic die Entwicklung in ein breiteres Umfeld ein: Das Unternehmen sagt, es habe auch Konten abgeschaltet, die seine Modelle zur Überwachung von Bürgern und zur Erforschung von Krankheiten genutzt haben sollen – inklusive der Zielrichtung, die nach den Angaben auf biologische Waffen hindeuten könne. Branchenweit nehmen solche Hinweise zudem zu einem Zeitpunkt Fahrt auf, in dem US-amerikanische Cybersicherheits- und Nachrichtendienste dem Themenkomplex „systematic extraction“ durch Distillation-Angriffe Aufmerksamkeit widmen.
Für Unternehmen jenseits der Modellanbieter ergibt sich daraus vor allem eine Frage nach Risikobewertung im Betrieb: Wenn Konversationen als Trainingsmaterial in Drittnetzwerke abfließen können, hängt die Modellintegrität nicht nur von der Qualität der KI-Algorithmen ab, sondern auch von Identitäts-, Zugriffsschutz und Datenflusssicherheit in der gesamten Produktkette. Aus Market-Sicht zeigt die Anthropic-Darstellung zugleich, warum der Schutz gegen Distillation zur „versteckten Infrastruktur“ der KI wird: Proxy-Netzwerke und Datentransfer an Reseller sind schnell skalierbar, während Gegenmaßnahmen oft an Grenzen wie Geo-/Identitätsverifikation, Prompt- und Kontext-Handling sowie an weniger auswertbaren Ausgaben ansetzen. Wer KI-Services in der eigenen Organisation nutzt, sollte daher stärker prüfen, wie Anfragen protokolliert und abgesichert werden, und welche Daten aus produktiven Workflows in Log-/Replay-Mechanismen fließen können – auch dann, wenn das eigentliche Modell nur als API genutzt wird.
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