LONDON (IT BOLTWISE) – Anthropics KI Claude Mythos Preview soll in einer abgeschwächten AES-Variante Schwachstellen gefunden haben. Laut Angaben soll die KI dabei deutlich schneller vorgegangen sein als menschliche Kryptografie-Expert: innen zuvor. Zusätzlich wird berichtet, dass Mythos einen Angriff auf das kryptografische System Hawk orchestriert haben soll. Beobachter sehen darin einen Hinweis, dass KI auch bei künftigen Post-Quanten-Verfahren eine Rolle bei der Verwundbarkeitserkennung spielt.

Wenn ein KI-Modell kryptografische Angriffe so weit automatisiert, dass es „fast vollständig autonom“ eine Methode ausarbeitet, verschiebt sich die Debatte in der IT-Sicherheit spürbar. Im Kern geht es um AES (Advanced Encryption Standard), der 2001 als Standard eingeführt wurde und lange als nahezu unknackbar galt. Laut einem Bericht soll Claude Mythos Preview eine Schwachstelle in einer abgeschwächten AES-Version identifiziert haben. Entscheidend ist dabei weniger der praktische Angriff auf die in der Praxis eingesetzte Vollversion, sondern die Frage, wie schnell und mit welcher Systematik KI-Modelle in den Suchraum moderner Krypto-Mechanismen eindringen können.
Die Details beschreiben den Vorgang als Kombination aus KI-Erkenntnis und menschlicher Verifikation: Mythos soll den Angriff auf die betroffene AES-Variante weitgehend selbst entwickelt haben, anschließend arbeiteten zwei menschliche Forschende für fast einen Monat daran, die vorgeschlagene Methode zu überprüfen. Außerdem wird ein massiver Geschwindigkeitsvorteil genannt: Dem Bericht zufolge soll die KI 200- bis 1.000-mal schneller gewesen sein als menschliche Kryptografie-Expert: innen. Gerade diese Spannweite ist für Unternehmen relevant, weil sie zeigt, dass der Engpass nicht zwingend im mathematischen Problem selbst liegt, sondern im Fahren von Experimenten und im Durchhalten langer Suchläufe bei gleichbleibender Methodik.
Anthropics eigenes Umfeld ordnet die Entwicklung in einen breiteren Leistungssprung ein. Der Forscher Nicholas Carlini erklärte, dass KI-Modelle noch 2025 nicht annähernd so leistungsfähig gewesen seien wie heute und Probleme, die er schon im Alter von 16 Jahren lösen konnte, damals nicht lösen könnten. „Aber jetzt betreiben sie modernste Forschung, die auf diesem Gebiet zuvor nicht entdeckt werden konnte“, so Carlini. Für die Sicherheitscommunity bedeutet das: Selbst wenn die aktuelle AES-Nutzung nicht akut gefährdet sei, kann die Geschwindigkeit, mit der neue Angriffsschemata entstehen, die Risikoabschätzung verändern. Denn die Lebensdauer kryptografischer Standards reicht häufig über mehrere Software-Generationen hinaus – und jede neue Wissenskomponente kann spätere Angriffsvarianten wahrscheinlicher machen.
Inhaltlich wird parallel auch der Post-Quanten-Kontext berührt. Seit Jahren warnen Fachleute davor, dass Quantencomputer moderne Verschlüsselungsstandards perspektivisch brechen könnten, was sowohl Privatsphäre als auch nationale Sicherheitsinteressen betrifft. Die aktuellen KI-Fortschritte, so lautet die Befürchtung, könnten aber eine zusätzliche Dimension eröffnen: Vielleicht ist der mathematische Kern von Internet-Sicherheitsmechanismen auch unabhängig von Quantencomputern verwundbar. Neben der beschriebenen AES-Attacke wird daher berichtet, dass Mythos zudem einen verbesserten Angriff auf ein anderes kryptografisches System namens Hawk orchestriert haben soll. Hawk soll dabei als Kandidat für einen künftigen Verschlüsselungsstandard des National Institute of Standards and Technology gelten.
Bei Hawk kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Das System wird als gegen traditionelle Angriffe ebenso wie gegen Quantencomputer-Angriffe robust positioniert. Laut den Angaben sollen die Hawk-Entwickler: innen bestätigt haben, dass die von Mythos gewählte Angriffsmethode funktionieren könnte. Diese Formulierungen sind wichtig, weil sie das Risiko nicht pauschal als „globales Brechen des Standards“ darstellen, aber sie zeigen, dass KI-gestützte Angriffsarbeit auch in der Post-Quanten-Welt praktische Resultate liefern kann. Für Anbieter von TLS-Implementierungen, VPN-Lösungen oder Ende-zu-Ende-verschlüsselten Apps bedeutet das: Fortschritt in der Krypto-Analyse kann schneller als erwartet Rückkopplungen in Designentscheidungen auslösen, etwa bei der Auswahl von Parametern, beim Umgang mit Implementierungsdetails oder bei der Priorisierung neuer Prüfpfade.
Technisch betrachtet berührt die Meldung damit nicht nur „Krypto-Angriffe“, sondern die gesamte Pipeline der Sicherheitsentwicklung: von der Modellierung möglicher Schwachstellen über das automatisierte Testen bis zur Verifikation durch Menschen. Wenn KI-Modelle Suchräume systematisch abarbeiten und dabei Konzepte finden, die zuvor zu zeitintensiv waren, sinkt die Hürde für Entdeckung. Gleichzeitig bleibt für die Praxis der Unterschied zwischen „in einer abgeschwächten Variante nachgewiesen“ und „in der vollständigen, produktiven Implementierung ausnutzbar“ entscheidend. Genau diese Trennung wird in der Meldung ausdrücklich gemacht: Die Vollversion von AES, die zum Schutz von Internetverbindungen, drahtlosen Netzwerken und zur Datenspeicherung genutzt wird, soll nicht unmittelbar betroffen sein. Dennoch verschiebt sich der Planungswert für Unternehmen, weil solche Ergebnisse Hinweise auf künftig entdeckbare Risse liefern können.
Auch strategisch lohnt der Blick auf die nächsten Monate: Selbst wenn keine akute Gefahr für bestehende Integrationen besteht, können die Erkenntnisse die Begründungslogik für Migrationspfade beschleunigen. Organisationen, die ohnehin Post-Quanten-Übergänge vorbereiten, erhalten damit zusätzliches Argumentationsmaterial, um frühe Prüf- und Auditzyklen zu rechtfertigen. Denn künftig ist nicht nur die Kryptografie selbst ein Arbeitsthema, sondern auch die Werkzeuge, mit denen man ihre Robustheit testet. Wenn KI künftig nicht nur synthetisch „optimiert“, sondern gezielt Angriffsmöglichkeiten identifiziert, wird Krypto-Engineering stärker in Richtung KI-gestützter Sicherheitsforschung verlagert – mit Auswirkungen auf Ressourcenplanung, Testautomatisierung und die Geschwindigkeit, mit der neue Varianten von Standards geprüft werden.
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