GREIFSWALD / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende des Helmholtz-Instituts für One Health untersuchten mehr als 120 Wasserproben aus der Ostsee bei Greifswald und fanden resistente Escherichia-coli-Stämme, darunter multiresistente Varianten. Die höchsten Konzentrationen traten nahe von Kläranlagen auf, aber auch in Badebereichen sowie im Naturschutzgebiet Riems wurden Erreger nachgewiesen. Laut Studie besteht für gesunde Badegäste zwar kein erhöhtes Risiko, die Zahlen bleiben jedoch alarmierend. Ergänzend zeigen weitere Befunde, dass Reserveantibiotika wie Cefiderocol nicht vor Resistenzen geschützt sind und dass Phagentherapien langfristig eine Rolle spielen könnten.

In der Diskussion um Antibiotikaresistenz verschiebt sich der Fokus spürbar weg von Krankenhäusern hin zu Umwelt und Alltag. Genau hier setzen die jüngsten Ergebnisse eines Teams des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH) an: In einer 2024 in npj Clean Water veröffentlichten Studie wurden mehr als 120 Wasserproben aus der Ostsee bei Greifswald untersucht. Die Forschenden berichten über das Auffinden resistenter Escherichia-coli-Stämme, darunter auch multiresistente Varianten. Damit wird die Frage „Wo entstehen Resistenzen?“ konkret an einem Ort greifbar, an dem viele Menschen ohnehin Zeit verbringen – nicht als abstraktes Szenario, sondern als messbarer Befund im Ökosystem.
Interessant ist dabei weniger nur das „Ob“, sondern auch das „Wo“ und damit die vermutete Dynamik der Verbreitung. Laut Studie trat die höchste Konzentration resistenter Keime nahe Kläranlagen auf. Auffällig: Die Erreger waren nicht auf diese Hotspots begrenzt, sondern ebenso in Badebereichen sowie im Naturschutzgebiet Riems nachweisbar. Das ist für die Bewertung der Gesundheitslage entscheidend, weil es die Transportwege beschreibt: Abwässer spielen bei der Verbreitung von Resistenzen eine zentrale Rolle. Gleichzeitig betont die Veröffentlichung, dass für gesunde Badegäste kein erhöhtes Risiko bestehe. Für Entscheider in Wissenschaft und kommunaler Praxis bleibt daraus vor allem eine Schlussfolgerung: Resistenzen können sich auch außerhalb klinischer Kontexte ausbreiten, auch wenn daraus nicht automatisch eine akute Gefahrenlage für jede einzelne Exposition folgt.
Besonders beunruhigend wird es, wenn man Resistenzen nicht nur in der Umwelt betrachtet, sondern als Teil einer Kette bis zur Therapie durchdenkt. Die Quelle nennt hierzu Befunde zu Reserveantibiotika: Resistenzmechanismen gegen Wirkstoffklassen, die als „letztes Mittel“ gelten, seien bereits vorhanden, bevor solche Substanzen breit zugelassen werden. Konkret wird eine Untersuchung zum Wirkstoff Cefiderocol beschrieben. Bei einem Krankheitsausbruch in Mecklenburg-Vorpommern sowie in US-Isolaten aus den Jahren 2019 und 2020 fanden die Forschenden Klebsiella-pneumoniae-Stämme, die gegen das Medikament resistent waren. Zusätzlich kombinieren diese Stämme Carbapenem-Resistenz mit Hypervirulenz. Praktisch bedeutet das: Die Resistenzgene können sich schneller innerhalb von Bakterienpopulationen verbreiten, als neue Wirkstoffe entwickelt und breit verfügbar gemacht werden können.
Damit verschiebt sich die Therapiestrategie in der Forschung auch in Richtung Alternativen, die nicht auf denselben Prinzipien beruhen wie klassische Antibiotika. In der Ostsee-Studie zeigt sich zugleich, dass resistente Keime bis in Badebereiche nachweisbar sein können – selbst wenn das individuelle Risiko für gesunde Personen in der Studie nicht als erhöht bewertet wird. Als vielversprechende Option werden Bakteriophagen genannt: Viren, die gezielt bestimmte Bakterien angreifen. Das Team untersucht derzeit Jumbophagen gegen Pseudomonas aeruginosa sowie RNA-Phagen. Wichtig ist die Einordnung: Als vollständiger Ersatz für Antibiotika sehen Experten Phagen nicht. Relevant wird daher eher ein kombinierter Ansatz aus Phagentherapie und Darmfloratransplantation; die Quelle verweist auf 2023 erste Erfolge bei zwei von drei Patientinnen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen, bei denen Beschwerden zwei Jahre lang reduziert blieben. Eine größere klinische Studie namens REPhRAME startet im Juni 2027 – ein realistischer Zeithorizont, der zeigt, dass „Therapie-Upgrade“ nicht über Nacht kommt, sondern in kontrollierten Studien abgesichert werden muss.
Parallel dazu adressiert der One-Health-Gedanke die Schnittstelle zwischen Mensch und Umwelt noch stärker über das Mikrobiom. Eine 2024 in Nature Communications veröffentlichte Analyse verglich rund 200 Proben von Menschen und Menschenaffen. Als Ergebnis wird beschrieben, dass der urbane Lebensstil die Vielfalt der Darmbakterien reduziert – besonders bei der Gattung Prevotella. Zusätzlich habe sich die menschliche Darmflora offenbar spezifisch an Sauerstoff angepasst. Für die Resistenzdebatte ist das mehr als Mikrobiom-Neugier: Wenn ein Ökosystem im Körper weniger vielfältig ist, kann sich das Wirtsmilieu für bestimmte resistente Keime ungünstiger oder auch stabilisierender verändern. In diese Linie passt auch, dass der Text den One-Health-Ansatz betont, der Mensch, Tier und Umwelt als Einheit behandelt – inklusive Überwachung von Zoonosen. Eine Studie von 2026 identifizierte dabei etwa das Feuerfußhörnchen als natürliches Reservoir für das Affenpockenvirus. So wird deutlich, warum Resilienz im Gesundheitssystem nicht nur heißt, bessere Medikamente zu entwickeln, sondern auch Überwachung, Probenahme und Datenfluss über Arten und Lebensräume hinweg zu organisieren.
Auch auf der Umsetzungsebene geht die Quelle einen Schritt weiter: Das HIOH baut internationale Standorte aus. In der Zentralafrikanischen Republik soll ab November 2025 ein Labor in Bayanga regelmäßig Proben analysieren, um neue Zoonosen frühzeitig zu erkennen. Zusätzlich wird Citizen Science als Baustein genannt: Im April 2026 untersuchten Schülergruppen im Anklamer Stadtbruch die Biodiversität und das Vorkommen antimikrobieller Resistenzen in einem wiedervernässten Moor. Solche Projekte können das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Umwelt und Gesundheit stärken, aber sie liefern auch Datenspur-Potenzial für die Frage, wie breit Resistenzen bereits in Ökosystemen verteilt sind. Für Unternehmen und Forschungseinrichtungen ist das relevant, weil Resilienzplanung immer stärker interdisziplinär gedacht werden muss: Laboren, Umweltmessungen und klinischer Entwicklung kommt eine gemeinsame Logik zugute, statt parallel zu laufen.
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