LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Leitlinien richten den Arbeitsschutz bei einer vierten Hitzewelle mit Temperaturen von über 39 Grad neu aus. Im Fokus stehen veränderte Arbeitszeiten, stärkere Beschattung auf Baustellen und eine technische Anpassung der Kühlung. Gleichzeitig warnen Sicherheitsstellen vor zusätzlichen Risiken durch unsachgemäße Nutzung mobiler Klimageräte neben Gasthermen. Für Arbeitgeber wird damit die rechtssichere Gefährdungsbeurteilung zur zentralen Arbeitsgrundlage im Hitzebetrieb.

Eine Hitzewelle mit mehr als 39 Grad zwingt Arbeitgeber in vielen Branchen gerade nicht nur zu „mehr Vorsicht“, sondern zu konkret messbaren Anpassungen der Arbeitsorganisation. Die neuen Leitlinien zielen auf genau diese Lücke: Sie beschreiben, wie sich Arbeitsprozesse unter extremen Bedingungen so verlagern und absichern lassen, dass die Gesundheitsgefahr sinkt und die Dokumentation im Betrieb standhält. Besonders relevant wird das in Bereichen mit hoher Exposition wie Baugewerbe und Industrie, wo Arbeit oft im Freien stattfindet und sich Schichtmodelle nicht einfach „um die Ecke“ planen lassen.
Für die Umsetzung nennt David Bresch von der ETH als praktische Hebel vor allem Baustellenbeschattung und eine Verschiebung der Arbeitszeiten in kühlere Tagesphasen. Entscheidend ist dabei die Logik der Maßnahme: Beschattung reduziert die direkte Einstrahlung, während die Terminierung in Stunden mit geringerer thermischer Belastung die grundlegendste Ursache der Überhitzung adressiert. Daneben betont Bresch, dass langfristige Planung auf Klimaszenarien aufbauen sollte und dass auch die Baunormen bereits überarbeitet werden, um künftige Belastungen besser abzubilden. Diese Kombination aus operativer Tagesplanung und struktureller Normanpassung macht deutlich, dass Hitze nicht als Ausnahme, sondern als wiederkehrendes Betriebsrisiko verstanden wird.
Die politische Diskussion zeigt parallel, dass sich der Schwerpunkt zunehmend stärker auf Hitzeschutz als auf den allgemeinen Klimadiskurs verlagert. Michael Hermann argumentiert in einer Analyse, dass individuelle Schutzmaßnahmen das öffentliche Bild prägen; statt kollektiver Protestformen stehen etwa Klimaanlagen und andere Sofortlösungen im Vordergrund. In der Bundespolitik kommen unterdessen Notfalllogiken hinzu: Nationalrat Ernst Wandfluh (SVP) fordert die Prüfung einer ausserordentlichen Lage, um unter anderem Armee-Einsätze zur Waldbrandbekämpfung und für Wassertransporte zu ermöglichen. Für die politische Argumentation greift er historische Vergleichsjahre wie 1976, 2003 und 2018 auf, was zeigt, wie stark sich die aktuelle Lage in der Risiko-Kommunikation an früheren Extremperioden orientiert.
Auch in anderen Politikfeldern werden konkrete Kosten- und Versorgungsfragen gestellt. Wandfluh verweist auf die prekäre Situation in der Landwirtschaft und verlangt eine Erhöhung des Milchpreises um mindestens 4 Rappen pro Kilogramm. Als historische Orientierung nennt er für das Wetterjahr 1976 rund 25.000 Notschlachtungen, um den möglichen Dominoeffekt aus Trockenheit und knappen Ressourcen zu verdeutlichen. Zusätzlich fordert Grüne-Präsidentin Lisa Mazzone, Krankenhäuser und Kindertagesstätten mit Kühleräten auszustatten. Für Arbeitgeber und Sicherheitsverantwortliche ist das vor allem deshalb relevant, weil es den Rahmen verschiebt: Von „freiwilligen“ Hygienemaßnahmen hin zu „betriebsnahen“ Investitionen und klaren Schutzketten, die auch bei steigender Nachfrage nach Kühlung funktionieren müssen.
Auf der technischen Seite zeigt sich die Anpassung besonders deutlich in der Landwirtschaft, wo digitale Überwachungssysteme die Bewässerung präziser steuern sollen. In der Schweiz seien mittlerweile rund 350 Bodensonden installiert, die die Wasserversorgung datengestützt regeln. Eine entsprechende Entwicklung wurde in eine Aktiengesellschaft ausgegliedert, und die Kosten werden mit etwa 1.500 Franken pro Sonde plus rund 100 Franken jährlicher Unterhaltung beziffert. Genau hier schließt sich der Kreis zur Arbeitssicherheit: Wenn Prozesse datengesteuert laufen, steigt zwar die Effizienz, gleichzeitig müssen aber auch neue Gefahrenketten verstanden werden. Sicherheitsstellen warnen beispielsweise vor zusätzlichen Risiken durch unsachgemäße Kühlung, etwa Kohlenmonoxid-Vergiftungen, die entstehen können, wenn mobile Klimageräte gleichzeitig mit raumluftabhängigen Gasthermen betrieben werden.
Das KFV hebt in diesem Zusammenhang die Zahl von fünf gemeldeten Vergiftungsfällen in diesem Jahr hervor und leitet daraus eine klare Empfehlung ab: CO-Warnmelder sollen installiert werden, weil Symptome wie Kopfschmerzen sonst häufig fälschlich der Hitze zugeschrieben werden. Für Betriebe bedeutet das eine Verschiebung der Gefährdungsbeurteilung von der reinen Temperaturfrage hin zur gesamten technischen Umgebung der Kühlung. Praktisch heißt das: Arbeitgeber sollten nicht nur „Hitze“ als Gefährdungskategorie dokumentieren, sondern auch prüfen, welche Lüftungs- und Heizquellen im selben Raum mitwirken, wie Geräte betrieben werden und welche Erkennungssysteme verfügbar sind. Genau diese rechtliche Basis ist der Kern dessen, was im Betrieb als rechtssichere Gefährdungsbeurteilung benötigt wird, damit Maßnahmen nachvollziehbar, wiederholbar und auditfähig bleiben.
Die Hitzewelle wirkt daneben auch ökologisch, insbesondere auf Gewässer. Hansjörg Dietiker warnt vor einem flächendeckenden Fischsterben in der Schweiz, wobei Kaltwasserfische wie Forellen und Äschen besonders gefährdet seien. Bereits ergriffene Schritte reichen von Betretungsverboten für Fliessgewässer durch den Kanton St. Gallen bis hin zu Forderungen nach höheren Restwassermengen und besserer Beschattung der Uferzonen. Damit wird sichtbar, dass Hitze nicht nur die Gesundheit von Beschäftigten betrifft, sondern über die Umwelt auch den Betriebskontext ganzer Wirtschaftsbereiche. Der Blick zurück macht die Schwere der Belastung zusätzlich greifbar: 2003 waren in der Schweiz rund 1.400 Hitzetote zu beklagen, gleichzeitig gab es Rekordtemperaturen von 41,5 Grad in Grono, und aktuell gilt die Situation als außergewöhnlich belastend mit derzeit zweithöchster Gefahrenstufe. Für Unternehmen heißt das, dass Hitzeplanungen kontinuierlich nachgeschärft werden müssen – von der Schichtplanung über die Beschattung bis zu technischen Sicherheitsvorkehrungen – statt sie erst bei der nächsten Hitzewelle „nachzuziehen“.
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