BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Kieler Institut kritisiert die Schwerpunkte der Bundeswehr-Aufrüstung. Statt mehr Geld in Panzer, Fregatten und Soldaten zu lenken, fordert Präsident Moritz Schularick Investitionen in Drohnen, KI, Robotik und Satellitentechnik. Er plädiert außerdem für einen zentralen Koordinator für die militärische Beschaffung im Kanzleramt. Das Verteidigungsministerium hält dagegen und betont, die Modernisierung laufe in mehreren Schritten – samt hohem Budgetanteil für Digitalisierung und Weltrauminfrastruktur.

Aufrüstung: Kritik am Fokus auf Panzer und Schiffe stößt Debatte über KI-Drohnen an
Aufrüstung: Kritik am Fokus auf Panzer und Schiffe stößt Debatte über KI-Drohnen an (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um die Modernisierung der Bundeswehr bekommt neuen Schub – und zwar an einem Punkt, der in nahezu jeder Beschaffungsrunde früher oder später aufploppt: Wie verteilt man Mittel zwischen bereits erprobten Großsystemen und künftigen Technologiepfaden. Aus Sicht des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) setzt Verteidigungsminister Boris Pistorius zu stark auf klassische Plattformen wie Panzer und Schiffe. Präsident Moritz Schularick stellt dem ein ganz anderes Zielbild gegenüber: mehr Budget für Drohnen, Künstliche Intelligenz und Robotik sowie für Satellitentechnik, weil solche Bausteine im digitalen Umfeld schneller skaliert und in Verbundstrukturen betrieben werden können. Damit verknüpft er auch die These, dass das weitgehend kreditfinanzierte Programm – das laut den Angaben im Raum steht, bis 2030 insgesamt 700 Milliarden Euro bereitzustellen – bei „falscher Verwendung“ weniger Wachstumseffekte auslösen dürfte als erhoffterweise möglich.

Technisch betrachtet verschiebt sich in Schularicks Argumentation der Schwerpunkt weg von der einzelnen „Plattform“ hin zu Produktions- und Skalierungsfähigkeit. Er kritisiert nicht nur, dass veraltete Technologien in größerem Umfang nach Beschaffungslogik nachlaufen könnten, sondern dass der Weg über mehrere Waffenkategorien hinweg zu wenig auf beschleunigte Datenverarbeitung und autonome bzw. teilautonome Systeme ausgelegt sei. Der IfW-Chef verweist dabei auf Deutschlands Stärken, etwa auf industrielles Know-how und in einzelnen Bereichen vorhandene Hightech. Gleichzeitig argumentiert er, der Engpass liege weniger in der Technologiekompetenz als in der verfügbaren Personalkapazität: Es gebe nicht „Hunderttausende Menschen“, die in Panzer steigen und an die Front fahren wollten. Daraus leitet er ab, dass die Bundeswehr – wo immer möglich – auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitenunterstützung setzen müsse, um Personalbindung zu reduzieren und Wirkung im Einsatz schneller an veränderte Lagen anzupassen.

Im Zentrum seiner Forderung steht deshalb auch das Prozessdesign der Beschaffung. Schularick verlangt einen zentralen Koordinator für militärische Einkaufsvorhaben im Kanzleramt und kritisiert, ein einzelnes „sehr langsames“ Ministerium könne mit der Neuorganisation der deutschen und europäischen Verteidigungsstrategie überfordert sein. Er knüpft das an den praktischen Ablauf: Eine Person mit politischer Macht müsse Industrie, Start-ups und Ministerien zusammenbringen, Friktionen ausräumen und die Zielrichtung bündeln. Als Beispiel nennt er dabei mögliche Besetzungen, die er aus dem eigenen Umfeld der Industrie und Verwaltung ableitet. Unterm Strich geht es ihm um Reibungsminimierung über Ressortgrenzen hinweg – denn bei Technologiepfaden wie KI-gestützten Systemen, die häufig iterative Anpassungen und neue Softwarestände erfordern, sind lange Abstimmungsschleifen besonders teuer.

Schularick setzt zudem auf einen konkreten Beschaffungsmechanismus: Nicht mehr das einzelne Gerät sei der Maßstab, sondern die Fähigkeit, Produktionskapazitäten hochzufahren. Seine Formulierung zielt darauf, Bestellung und Fertigung stärker voneinander zu entkoppeln. Er nennt als Gegenfolie die Idee, nicht „200 Flugabwehrraketen“ oder hochkomplexe, maßgefertigte Panzer in kleiner Stückzahl zu ordern, sondern die „Fabrik“ gleich so auszulegen, dass sie im Ernstfall deutlich mehr Einheiten pro Jahr produzieren kann. Wirtschaftlich bedeutet das: Der Staat müsse als Abnehmer und Risiko-Absicherer die Vorhaltekosten tragen, weil sich so eine Bereitschaft im Normalbetrieb für Unternehmen typischerweise nicht rechnet. Das ist im Kern eine Industriebaukette-Logik – mit der Konsequenz, dass nicht nur Rüstungsbudgets, sondern auch Industriepolitik und Lieferkettenplanung enger zusammenspielen.

Das Verteidigungsministerium weist die Kritik zurück. In der Darstellung des Sprechers wird die Diskussion zwar wahrgenommen, sie gehe aber an der Sache vorbei. Bis 2029 solle die Bundeswehr bereit sein, um einen möglichen Angriff zu schützen; zugleich sei klar, dass neueste Innovationen bis dahin nicht vollständig „auf dem Hof“ stehen würden. Die Modernisierung erfolge vielmehr als zweiter Schritt aufbauend auf eine zeitlich gestaffelte Einsatzbereitschaft. Als Beispiel für den Hightech-Anspruch nennt der Sprecher modernste Waffensysteme wie den Tankerappenjet F-35; außerdem verweist er auf hohe Budgets für Digitalisierung der Streitkräfte (allein 20 Milliarden Euro) sowie für militärische Infrastruktur im Weltraum (35 Milliarden Euro). Dazu kommen mehrere Milliarden für Kamikazedrohnen – womit aus Sicht des Ministeriums zumindest ein Teil dessen adressiert wird, was Kritiker wie Schularick unter KI-, Drohnen- und Skalierungsfähigkeit verstehen.

Parallel dazu bleibt die Frage bestehen, wie die Zukunft des Kriegsbildes bewertet werden sollte. Militärexperten warnen davor, das aktuelle Kriegsgeschehen entlang festgefahrter Fronten als Blaupause zu behandeln. Zwar sei der Drohnenkrieg ein entscheidender Faktor der modernen Kriegsführung; gleichzeitig betont der Sprecher des Verteidigungsministeriums, dass Drohnen allein den Krieg der Zukunft nicht entscheiden würden – besonders nicht bei simplen Drohnensystemen. Unstrittig sei jedoch, dass Drohnen und vor allem die schnelle Gewinnung sowie Analyse von Daten eine zentrale Rolle spielen. Genau hier treffen sich technisches und strategisches Argument: Künstliche Intelligenz wird im Einsatz nicht nur als „neuer Antrieb“, sondern als Signal- und Entscheidungsbeschleuniger relevant, etwa für Aufklärung, Lagebilder und die koordinierte Nutzung unbemannter Systeme. Branchenvertreter wiederum äußern Skepsis gegenüber Narrativen, die eine vollständige Ablösung großer Waffensysteme nur durch Drohnen in Aussicht stellen; stattdessen zeichnet sich das Bild einer Ergänzung ab – mit der Herausforderung, die richtige Mischung aus Plattformen, Softwarefähigkeiten und Produktionslogik zu finanzieren.

Für Unternehmen und Start-ups ergibt sich daraus vor allem eine Planungsfrage: Wer liefert skalierbare Komponenten und Softwarebausteine, die in kurzer Zeit in Verbundsystemen funktionieren? Wenn ein Modell wie „Fabrik statt Einzelgerät“ stärker in den Mittelpunkt rückt, werden Auswahlkriterien rund um Fertigungskapazitäten, Quality Assurance, Integrationsfähigkeit und die Fähigkeit zur schnellen Iteration wichtiger. Gleichzeitig dürfte die betonte Digitalisierung der Streitkräfte die Nachfrage nach sicherheitsrelevanter Dateninfrastruktur, Schnittstellenstandards und betrieblichen Softwareprozessen erhöhen. Die politische Debatte wird damit weniger zu einer reinen „Panzer gegen Drohnen“-Schablone, sondern zu einem Stresstest für Beschaffungssteuerung, Industriepartnerschaften und Umsetzungsgeschwindigkeit in einem Umfeld, in dem KI-gestützte Systeme schnell weiterentwickelt werden müssen.


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