LONDON (IT BOLTWISE) – Bernhard Montag, Vorstandschef von Siemens Healthineers, kritisiert die wiederkehrenden Klagen deutscher Unternehmensführer über politische Hürden als Missverständnis der Marktwirtschaft. Er stellt dem die Idee entgegen, dass Unternehmen nicht auf staatliches Wegräumen von Hindernissen warten sollten. Montag wehrt sich außerdem gegen die pauschale Darstellung, Bürokratie oder fehlende Baugenehmigungen hätten Innovation in Deutschland verhindert. Stattdessen verweist er auf eigene Wachstums- und Investitionszahlen und betont unternehmerische Eigenverantwortung.

Bernhard Montag formuliert seine Kritik an der deutschen Interventionslogik nicht als technische Detaildebatte, sondern als grundlegende Haltung zur Marktwirtschaft. Der Vorstandschef von Siemens Healthineers richtet sich dabei gegen das Muster, dass viele Unternehmenslenker Politik und Verwaltung als Hauptverantwortliche für Standortprobleme ins Feld führen. In seiner Argumentation steht weniger die Frage im Vordergrund, ob Regulierung in Einzelfällen bremst, sondern ob die Erwartungshaltung grundsätzlich stimmt: Unternehmen seien keine „Planwirtschaftsteilnehmer“, die darauf warten, dass der Staat Hindernisse aus dem Weg räumt. Diese Gegenposition berührt damit auch den Kulturwandel in Unternehmen – weg von der ständigen Suche nach externen Ursachen, hin zu internen Entscheidungen rund um Produkt, Personal und Investitionsrisiken.
Technisch betrachtet wirkt Montags Linie wie eine Verschiebung von der strategischen Abhängigkeit hin zur Operativität. Wenn ein Management wiederholt politische Rahmenbedingungen als primären Engpass betrachtet, werden Prioritäten häufig anders gesetzt: Budgets landen dann eher in Rechtsabteilungen, Genehmigungsmanagement oder politischer Interessenarbeit, statt in Entwicklungszyklen, Fertigungs-Know-how oder IT-gestützter Prozessoptimierung. Montag dreht den Spieß um: Er beschreibt das erwartbare Konfliktmuster zwischen öffentlicher Forderung und interner Kommunikation, indem er darauf verweist, dass genau jene Logik, die außen beklagt wird, innen oft gegenüber Mitarbeitern praktiziert werde. Übersetzt in Unternehmenspraxis heißt das: Wer Freiheit im Betrieb einfordert, muss zugleich Verantwortung in Teams messbar machen – etwa über Projektlaufzeiten, Lieferfähigkeit und die Fähigkeit, in dynamischen Märkten schnell zu iterieren.
Eine zentrale Abgrenzung zieht Montag auch gegenüber der Behauptung, deutsche Bürokratie oder fehlende Baugenehmigungen seien der entscheidende Grund, warum in Deutschland kein Unternehmen wie NVIDIA entstanden sei. Diese konkrete Vergleichsrichtung setzt die Debatte unter Druck, denn sie verbindet Standortpolitik mit der Frage, wie Innovation strukturell möglich ist: Nicht jede schnell wachsende Technologiefirma entsteht ausschließlich wegen idealer Genehmigungsprozesse. Stattdessen zählt häufig, ob Wertschöpfungsketten, Talente und Finanzierung so organisiert sind, dass Produktentscheidungen nicht dauerhaft in Warteschleifen geraten. Der Kern seiner Botschaft lautet damit: Wachstum entsteht aus unternehmerischer Freiheit und klarer Verantwortung, nicht aus einem dauerhaften Modus „Subvention und Genehmigung“ als Steuerungsersatz.
Siemens Healthineers versucht, diese Perspektive mit Zahlen zu untermauern. Laut den Angaben aus dem Beitrag beschäftigt das Unternehmen über 20 Prozent seiner Mitarbeiter in Deutschland. In den letzten Jahren seien zudem 650 Millionen Euro in deutsche Standorte investiert worden, gleichzeitig baue das Unternehmen kontinuierlich Beschäftigung auf. Genau hier liegt die strategische Funktion der Kennzahlen: Sie sollen zeigen, dass Markt- und Innovationsorientierung nicht nur als Leitmotiv formuliert, sondern über Investitionsentscheidungen in der Realität sichtbar gemacht wird. Ergänzend betont Montag, dass Siemens Healthineers keine generellen Probleme habe, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Für die Debatte ist das ein wichtiger Kontrast zu den Standortklagen anderer Firmen, die ihre Schwierigkeiten auf strukturelle Defizite zurückführen.
Auch die Finanz- und Prognoseseite dient als Gegenbeweis gegen eine reine Defiziterzählung. Für das Geschäftsjahr 2025 nennt der Beitrag einen Umsatz von 23,4 Milliarden Euro sowie einen Nettogewinn von 2,1 Milliarden Euro. Für das laufende Jahr erwartet Siemens Healthineers zudem bis zu vier Prozent Umsatzwachstum. Der Punkt daran ist nicht nur die Höhe der Werte, sondern die Logik dahinter: Wenn ein Unternehmen trotz eines politisch wahrgenommenen Umfelds wachsen kann, verschiebt sich die Gewichtung der Ursachenfrage. In der gleichen Stoßrichtung wird außerdem erwähnt, dass das Mutterunternehmen Siemens plane, seine Aktienmehrheit an Healthineers abzugeben – ein Schritt, der als weitere Entstaatlichung und stärkere Marktorientierung interpretiert wird. Damit rückt die Frage nach Eigentümer- und Steuerungslogiken in den Fokus: Wer stärker am Kapitalmarkt und an marktwirtschaftlichen Anreizen hängt, wird strategische Entscheidungen typischerweise noch stärker auf Wirkung und Wettbewerb ausrichten müssen.
So betrachtet ist Montags Aussage weniger eine pauschale Politikattacke als eine Einladung zur Neujustierung: Der Staat solle Rahmenbedingungen setzen, aber nicht Geschäftspläne schreiben. Für Führungskräfte bedeutet das, die Grenze zwischen sinnvoller Regulierung und dauerhafter Erwartung externer Steuerung neu zu ziehen. Das betrifft nicht nur Lobbyarbeit, sondern vor allem interne Steuerungssysteme: Welche Kennzahlen geben Teams Orientierung, welche Entscheidungen bleiben bewusst unternehmerisch, und wo werden Risiken so verteilt, dass Projekte nicht in der Hoffnung auf politische „Reparaturen“ stecken bleiben? Gerade in technologieintensiven Branchen, in denen Lieferketten, Zulassungen und Infrastruktur eine Rolle spielen, ist eine differenzierte Sicht entscheidend: Ja, Rahmenbedingungen können teuer und langsam sein. Aber die eigentliche Wettbewerbsfähigkeit entsteht im Zusammenspiel aus operativer Exzellenz, Produktstrategie und dem Willen, Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie liegt.
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