FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Lockerung des Lkw-Fahrverbots an Sonn- und Feiertagen bringt nach Einschätzung des Logistikverbands BGL keine zusätzlichen Transportkapazitäten. Der Verband verweist darauf, dass damit keine neuen Fahrerkapazitäten entstehen. Wichtige Transporte könnten zwar flexibler geplant werden, zugleich müssten aber Lenk-, Pausen- und Ruhezeiten strikt eingehalten werden. Damit bleibt das strukturelle Kapazitätsproblem im Straßengüterverkehr bestehen.

Die Debatte um eine Lockerung des Lkw-Fahrverbots an Sonn- und Feiertagen wirkt auf den ersten Blick wie ein einfacher Kapazitätsschalter: Wenn Transporte zusätzlich an diesen Tagen rollen dürfen, müssten mehr Güter durch die Logistikschleusen passen. Genau dieses „Mehr“ stellt der Logistikverband BGL jedoch infrage. In einer Stellungnahme aus Frankfurt argumentiert der Verband, dass die Maßnahme keine zusätzlichen Transportkapazitäten zur Entlastung der Wasserstraßen schafft. Stattdessen sieht BGL vor allem eine Verschiebung im Wochenverlauf – und damit eher eine neue Taktung als eine tatsächliche Ausweitung der verfügbaren Transportleistung.
Im Kern dreht sich die Frage um das verfügbare Personal. BGL-Präsident Dirk Engelhardt macht den Punkt klar: Auch bei einer Aufhebung des Fahrverbots seien keine zusätzlichen Fahrerkapazitäten vorhanden. Die Konsequenz lautet organisatorisch statt physisch: Die Lenkzeit der vorhandenen Kräfte könne lediglich anders über die Woche verteilt werden. Das betrifft auch die zwingenden Nebenbedingungen des europäischen Arbeits- und Verkehrsrechts, also Lenk-, Pausen- und Ruhezeiten, die laut BGL nicht durch den Tageswechsel „wegoptimiert“ werden dürfen. Wer Sonntags fährt, muss entsprechend an anderer Stelle die Ruhezeiten nehmen; der Engpass verschiebt sich damit häufig nur zeitlich.
Für die Praxis in Speditionen und Verladern ist diese Logik entscheidend, weil sie die „Kapazitätsrechnung“ an einer Stelle rechnet, die nicht direkt mit dem Kalender verknüpft ist. BGL betont, dass die Lockerung vor allem die zeitliche Flexibilität bestimmter Transporte erhöht. Gerade Sendungen, bei denen Fenster in der Produktion, im Handel oder bei der Abfertigung eng getaktet sind, könnten dadurch besser in den Tagesablauf passen. Gleichzeitig bleibt die strukturelle Frage: Wenn die Fahrerzahl bereits knapp ist, kann zusätzliche Fahrzeit an einzelnen Tagen nicht automatisch zusätzliche Transporte ermöglichen. Entscheidend ist, wie viele Stunden pro Woche realistisch gefahren werden können, ohne gegen die Ruhe- und Pausenregeln zu verstoßen.
Der Verband ordnet das Problem zudem deutlich historisch ein. Schon seit Jahren, so die Darstellung, fehlten in Deutschland mehr als 100.000 Fahrer. Damit ist die aktuelle Diskussion weniger ein „Sonntagsproblem“ als ein Personal- und Planungsproblem im Straßengüterverkehr. Selbst wenn die Fahrverbote fallen oder eingeschränkt werden, bleibt der limitierende Faktor die verfügbare Fahrerressource samt ihrer rechtlich vorgeschriebenen Erholungszeiten. BGL schlussfolgert daraus, dass die Lockerungen das grundsätzliche Kapazitätsproblem im Straßengüterverkehr nicht lösen können – also auch keine verlässliche Verlagerungswirkung zugunsten des zusätzlichen Straßentransports entsteht, die etwa die Wasserstraßen entlasten würde.
Technisch und organisatorisch zeigt sich die Abhängigkeit besonders in der Tourenplanung und in der Einsatzlogistik: Eine Umverteilung über die Woche bedeutet, dass Disponenten häufiger mit längeren Standzeiten, geänderten Schicht- und Ruhezeitblöcken sowie entsprechend angepassten Fahrzeug- und Fahrer-Paarungen arbeiten müssen. Für Unternehmen heißt das, dass sie die Kalenderlogik nicht isoliert betrachten dürfen. Wer auf mehr Fahrmöglichkeiten an Sonn- und Feiertagen setzt, braucht parallel belastbare Modelle für Pausendisposition, rechtssichere Einsatzfenster und stabile Anschlussketten – also etwa Verfügbarkeit von Be- und Entladepunkten, Termindruck in der Produktion sowie die Abstimmung mit Umschlagsprozessen. Die rechtliche Obergrenze bleibt dabei die gleiche, sie wird nur anders „über den Zeitraum verteilt“.
Aus Marktsicht verschiebt sich damit auch die Erwartungshaltung: Lockerungen im Verkehrsregime können kurzfristig zur Glättung von Engpässen beitragen, aber sie ersetzen keine Maßnahmen gegen den Fahrermangel. Für die Branche ergeben sich daraus zwei praktische Konsequenzen. Erstens müssen Verlader und Spediteure die zusätzliche Flexibilität als Planungsoption begreifen, nicht als Kapazitätsausbau. Zweitens steigt der Druck, entlang der gesamten Wertschöpfung – von Recruiting und Ausbildung bis zu Arbeitszeitmodellen und Betriebsstrukturen – die Fahrerbindung zu verbessern. Solange die Zahl fehlender Fahrer hoch bleibt, bleibt nach Einschätzung von BGL auch die Hoffnung auf spürbar mehr Transportvolumen ohne Bruch mit den Lenk-, Pausen- und Ruhezeiten eher begrenzt.
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