LONDON (IT BOLTWISE) – Experten warnen, dass „Bigorexie“ bzw. Muskel-Dysmorphie bei Jungen und jungen Männern zunehmend häufiger auftritt. Betroffene erleben eine verzerrte Selbstwahrnehmung: Sie fühlen sich selbst dann zu wenig muskulös, wenn ihr Körper längst sportlich und kräftig wirkt. Häufig gehen daraus ungesunde Rituale hervor, etwa zwanghaftes Training, rigide Ernährungsumstellungen bis hin zu dem Wunsch, möglichst „lean“ zu sein. Als Verstärker nennen Fachleute vor allem sozialen Medien und die ständige Vergleichsdynamik durch bearbeitete Bilder und Kommentare.

„Bigorexie“ nimmt zu: Warum Muskel-Dysmorphie bei Jungen häufiger wird
„Bigorexie“ nimmt zu: Warum Muskel-Dysmorphie bei Jungen häufiger wird (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Begriff „Bigorexie“ steht für eine spezielle Ausprägung der Körperbild-Störung: Dahinter steckt eine Muskel-Dysmorphie, also eine Form der Körperdysmorphie, bei der sich die gedankliche Fixierung nicht auf das Gewicht, sondern auf Muskelgröße und „Körpersubstanz“ richtet. Die Essenz ist dabei weniger ein klassisches Schönheitsideal als eine psychologische Verzerrung der eigenen Wahrnehmung. Kara Becker, zertifizierte Therapeutin bei Essstörungen und nationale Leiterin von Programmen für Essstörungen bei Newport Healthcare, beschreibt Bigorexie als Zustand, in dem Betroffene ein verzerrtes Selbstbild haben und gedanklich permanent an der Frage drehen, ob die eigene Muskulatur „groß genug“ ist. Auch wenn die äußere Statur bereits wie die eines ambitionierten Bodybuilders wirkt, bleibt der Eindruck bestehen, zu klein oder zu wenig „brawny“ zu sein.

Was diese Störung so gefährlich macht, ist der Weg von der inneren Überzeugung zu konkreten, oft selbstschädigenden Verhaltensmustern. Amy Gooding, klinische Psychologin am Eating Recovery Center in Baltimore, betont, dass Betroffene nicht nur eine ungenaue Körperwahrnehmung entwickeln, sondern daraus eine anhaltende Beschäftigung ableiten. Diese Fixierung kann in ungesunde Routinen münden: zwanghaftes Training gehört dazu, ebenso Ernährungsschemata, die darauf zielen, möglichst wenig Körperfett zu haben, um muskulärer zu wirken. Damit verschiebt sich der Alltag schnell vom Sport als Leistung oder Gesundheit hin zu einem ständigen „Optimierungsdruck“. Auch wenn Muskel-Dysmorphie prinzipiell jeden treffen kann, sehen Fachleute eine deutlich höhere Häufigkeit bei Männern.

Die Datenlage, auf die sich die Diskussion stützt, geht über reine Fallbeschreibungen hinaus. In einer Studie aus dem Jahr 2019 wurden 22% der befragten jugendlichen Jungen mit „muscularity-oriented disordered eating behaviors“ erfasst – also mit gestörtem Essverhalten, das sich ausdrücklich am Ziel ausrichtet, mehr Masse aufzubauen oder Gewicht zuzulegen. Auffällig ist dabei nicht nur, dass es um Essen geht: Auch Supplements und diätetische Veränderungen wurden genannt, in der Gruppe junger Erwachsener kam laut den Angaben außerdem Steroidnutzung als verbreitetes Muster vor. Parallel dazu verweist Jason Nagata, Kinderarzt mit Spezialisierung auf Essstörungen bei Jungen und Männern und Mitautor der genannten Studie, auf Befunde aus Kanada: Dort hätten sich Krankenhausaufenthalte wegen Essstörungen bei männlichen Patienten seit 2002 deutlich erhöht. In der Praxis führt das zu einem spannenden, aber beunruhigenden Punkt: Je weniger eine Störung erkannt wird, desto wahrscheinlicher ist, dass sie als „normaler Gym-Fokus“ oder als Disziplin fehlinterpretiert wird.

Warum wird Muskel-Dysmorphie dennoch so leicht übersehen? Gooding nennt mehrere Gründe. Ein zentraler Mechanismus ist semantisch: Bestimmte Symptome ähneln Verhaltensweisen, die im Fitness-Umfeld oft sogar als positiv gelten. Wenn die Probleme aus übertriebenem Training und strikter Ernährung bestehen, wirkt das nach außen wie „Engagement“. Ebenso spielt Scham eine Rolle. Betroffene könnten wegen Geheimhaltung und dem Gefühl, anders zu sein, seltener Hilfe suchen. Bei jungen Menschen kommt ein weiterer Verstärker hinzu: Joseph J. Trunzo, Psychologieprofessor und stellvertretender Direktor an der School of Health & Behavioral Sciences der Bryant University in Rhode Island, ordnet die soziale Komponente als entscheidenden Treiber ein. Laut Nagata konsumieren junge Menschen nicht nur Körperideale aus den Medien; sie stehen auch unter Druck, selbst Inhalte zu produzieren und den eigenen Körper zu präsentieren. Damit wachsen Vergleiche mit idealisierten Körpern – besonders über Influencer-Accounts – und die Unzufriedenheit kann sich zu einer Bigorexie-Dynamik verdichten.

Trunzo beschreibt zudem, wie stark die Darstellungen in sozialen Medien von professionell kuratierten Voraussetzungen abhängen: Influencer nehmen tausende Bilder, wählen die beste Aufnahme und optimieren diese durch Licht, Bearbeitung und gezielte Posen. Dazu kommt, dass es für viele Prominente und Sportikonen ein anderes Lebensrealitätsszenario gibt als für Jugendliche: Hugh Jackman wird von Trunzo als Beispiel genannt, weil er über Trainingsstunden und sogar betreute Dehydrierungsprotokolle vor Rollen Transformationsprozesse durchlaufen habe. Für die Wahrnehmung von 15-Jährigen bedeutet das jedoch etwas anderes als für die Darstellung: Viele sehen „ripped“ und interpretieren daraus, dass der eigene Körper nur konsequent genug „angepasst“ werden müsse. Ergänzend wirken Kommentarspalten mit harscher Kritik wie ein zusätzlicher Verstärker für Unsicherheit und niedrige Selbstachtung. Für Betroffene kann schon das bloße Sehen von Bildern und Messaging die Gedanken an die vermeintlich notwendige Veränderung anheizen – mit dem Effekt, dass Training schneller exzessiv und obsessiv wird und die Betroffenen etwa Mahlzeiten mit Familie und Freunden meiden, weil Ernährungsthemen zum Alles-determinierenden Thema werden.

Für Eltern stellt sich deshalb weniger die Frage nach „Verbieten“ als nach „Rahmen setzen“. Trunzo rät, die Social-Media-Nutzung so weit wie möglich zu begrenzen, aber realistisch zu bleiben: Man kann sie nicht komplett ausschließen. Entscheidend ist das Gespräch, das nicht nur auf Fakten basiert, sondern auf Interpretation. Eltern sollten, so der Tenor der Fachleute, mit ihren Kindern darüber sprechen, was sie sehen, wie sie es deuten und welche Realität hinter den Bildern steckt – inklusive der Botschaft, dass man diese Darstellungen nicht „kaufen“ muss. Becker ergänzt den Ansatz um einen Werteanker: Unterstützung bedeutet, einen sicheren Raum für offene Gespräche zu schaffen, die eigene Haltung vorzuleben und auf eine gesunde Selbstwahrnehmung zu achten. Dazu gehört auch, die eigenen Kommentare über den eigenen Körper vor den Kindern zu beobachten und die Einstellung zu Bewegung sowie Ernährung bewusst zu gestalten.

Im Falle von Bullying oder anhaltender Hänselei sollte das Thema nicht ausgesessen werden. Early Intervention und Behandlung seien, so Gooding, zentral, um eine Eskalation zu verhindern. Nagata nennt als Warnzeichen eine zunehmende Fixierung auf Gewicht, Essen, Training und Erscheinungsbild, die die Lebensqualität beeinträchtigt und das soziale, schulische oder alltägliche Funktionieren verschlechtert. Typisch ist etwa, dass manche Jungen die Wachzeit fast vollständig mit Training verbringen und sich schuldig fühlen, wenn sie nicht im Gym sind; ebenso kann sich das Essverhalten stark verengen, weil sie rigide Sorgen um „richtige“ Ernährung entwickeln. Wenn Eltern vermuten, dass ein Kind in Richtung Muskel-Dysmorphie oder Essstörung kippt, empfehlen die Experten, professionelle Hilfe zu suchen – etwa über den Hausarzt bzw. Kinderarzt. Behandelt wird Bigorexie besonders wirksam in interdisziplinären Teams, in denen psychische Fachkompetenz, medizinische Einschätzung und ernährungsbezogenes Know-how zusammenkommen. Cherie Miller, CEO und klinische Leiterin des Nourished Soul Center for Healing, beschreibt zudem praktische Gesprächstaktiken: Mit einem neunjährigen Sohn nutzt sie als Anknüpfungspunkt konkrete Promi-Bilder, um die „Machbarkeit“ zu erklären und zu betonen, dass es nicht normal und nicht realistisch ist, so etwas anstreben zu wollen. Ihr Fokus liegt auf „body respect“: Körper seien wertvoll wegen ihrer Funktionen – und dazu gehören ausreichendes Trinken, genug Schlaf sowie eine Vielfalt an Lebensmitteln. Gleichzeitig empfiehlt sie, Körperdiversität aktiv positiv zu besprechen, damit junge Menschen verstehen: Unterschiedliche Größen, Formen und Farben gehören zum normalen Spektrum – und sie sind kein Fehler, den man wegtrainieren muss.


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