LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Onchain-Analyse hat der mutmaßliche Binance-Hacker erneut die Spuren gestohlenen Kapitals verwischt. Über CoinJoin sollen rund 28 BTC in 18 Privacy-Transaktionen zwischen dem 1. und 2. November geflossen sein. Elliptic beziffert den noch auf verfolgbaren Adressen sichtbaren Rest weiterhin auf 3,24 Mrd. US-$. Offen bleibt, ob und wie viel davon bereits aus dem öffentlichen Blick verschwunden ist.

Während viele Akteure nach einem großen Krypto-Vorfall vor allem auf das Einfrieren von Vermögenswerten setzen, geht der Angreifer bei der aktuellen Falllage offenbar einen Schritt weiter: Die gestohlenen Mittel werden gezielt durch Privacy-Mechanismen geführt. Laut Elliptic hat der Binance-Hacker im Zeitraum vom 1. bis kurz nach dem 2. November begonnen, Bitcoin aus dem Diebstahl in CoinJoin-Transaktionen einzuspeisen. Ziel ist dabei nicht das „Verschwinden“ an sich, sondern das Aufbrechen nachvollziehbarer Zuordnungen zwischen eingehenden und ausgehenden Coins – ein Muster, das für Geldwäschestrategien in der Praxis besonders relevant ist.
Konkret beschreibt die Analyse etwa 28 BTC, die in 18 CoinJoin-Transaktionen verarbeitet wurden. Diese CoinJoin-Pools bündeln Coins mehrerer Teilnehmer in gemeinsamen Transaktionen, wodurch es für Außenstehende schwerer wird, die Herkunft der einzelnen Einheiten bis zum nächsten Auszahlungsschritt zurückzuverfolgen. Elliptic datiert den ersten nachweisbaren Mix auf 05:55 UTC am 1. November; dabei soll Bitcoin aus gestohlenen Tron-Mitteln nach dem Diebstahl in die Privacy-Pipeline gelangt sein. Der Weg über WabiSabi – als Protokoll bekannt aus dem Umfeld von Wasabi Wallet und ähnlichen Wallet-Implementierungen – unterstreicht, dass hier nicht nur „irgendeine“ Umverteilung stattfindet, sondern ein technisch erkennbarer Privacy-Flow genutzt wird.
Technisch interessant ist zusätzlich, wie Elliptic den zeitlichen Ablauf und die Größenordnung der Ermittlungsoberfläche beschreibt. Bis 06:02 UTC am 2. November wurden demnach 28 BTC in 18 CoinJoins gezählt; die Untersuchung habe dabei ungefähr 12.000 Wallets, 11 Blockchains und mehr als 40.000 Transaktionen umfasst. Gleichzeitig macht die Analyse deutlich, dass der Begriff „noch sichtbar“ keine Aussage über die aktuelle Kontrolle über alle Wallets liefert: Die mit dem Hack verknüpften Adressen hielten laut Elliptic weiterhin 3,24 Mrd. US-$, überwiegend in Ethereum und Bitcoin, jedoch ohne Beweis, dass genau diese Zuordnung jederzeit stabil bleibt. Das ist für Security-Teams entscheidend, weil „Trackbarkeit“ auf öffentlichen Ledgers zwar Messbarkeit bietet, aber nicht automatisch Rechts- oder Eigentumsfragen klärt.
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Aufteilung zwischen eingefrorenen/konfiszierten Vermögenswerten und dem Rest, der öffentlich nachvollziehbar blieb. Elliptic hatte den Diebstahl am 29. Oktober auf 6,43 Mrd. US-$ beziffert, während die anfängliche Schätzung von Binance etwa 6,3 Mrd. US-$ betragen habe. Aus Elliptics Zahlen ergibt sich ein Anteil von rund 44,3% für eingefrorene oder beschlagnahmte Assets, also etwa 2,85 Mrd. US-$. Wichtig ist dabei die Trennung: Das eine ist ein „gesperrtes“ Risiko, das andere ein „noch beobachtbares“ Risiko auf der Blockchain. Auch der Hinweis, dass Stablecoins mit 94% den Großteil der eingeschränkten Gelder ausgemacht haben, erklärt, warum Token-Emitter und Governance-Mechanismen in solchen Lagen oft in den Fokus rücken.
Parallel zur CoinJoin-Phase liefert die Analyse auch Hinweise auf Vorläufermuster. Ein früherer Blick auf den 31. Oktober beschreibt eine Distribution Wallet, die über 31 Stunden hinweg im Stundentakt Geld verschickt habe, ohne eine nächtliche Unterbrechung. Empfangende Wallets hätten die Gelder typischerweise innerhalb von etwa zwei Minuten weitergeleitet; wiederkehrende Swap-Beträge und regelmäßig platzierte Transfers ließen Elliptic auf Softwaregesteuerte Abläufe schließen. Besonders signifikant: Wenn ein Bridge-Transfer abgelehnt wurde, seien Mittel offenbar erneut Richtung eines ähnlichen Ziels umgeleitet worden – diesmal aus neu erzeugten Wallets. Solche „Retry“-Logiken sind für Ermittlungen doppelt wichtig, weil sie Indikatoren liefern, anhand derer sich automatisierte Fahrpläne von Angriffen vom zufälligen User-Verhalten abgrenzen lassen.
Auch die Reaktion des betroffenen Exchanges folgt einem anderen Pfad als die Laundering-Verfolgung. Binance habe laut Bericht eigene Mittel bereitgestellt, um gestohlene Token zu ersetzen; diese Wiederauffüllung laufe getrennt von der Verfolgung der Geldwäsche-Routen. In einer späteren Wiederherstellungsaktualisierung habe Binance unter anderem 5 Mrd. US-$ in passenden Kryptowährungen zurückgehalten, während insgesamt mehr als 6,34 Mrd. US-$ in Unternehmensmitteln eingeplant worden seien. In einer Ankündigung vom 31. Oktober heißt es, die Replenishment-Quote habe sich bereits auf etwa 90% belaufen; finanziert werde das unter anderem über den Secure Asset Fund for Users (einen Teil des Futures Insurance Fund) sowie über Unternehmensmittel. Für Unternehmen in der Praxis bedeutet das: Während Ermittler versuchen, den Onchain-Flow auszuleuchten, müssen Betreiber parallel Liquidität und Kundenpositionen stabilisieren, damit Handels- und Abrechnungsprozesse nicht kollabieren.
Schließlich ordnet Elliptic auch die Attribution ein. Das FBI soll demnach den Diebstahl dem TraderTraitor-Umfeld aus Nordkorea zugeordnet haben – nach Angaben des FBI. Der Bericht selbst betont außerdem, dass Elliptic die Gruppe zuvor als wahrscheinlichen Täter identifiziert habe. In diesem Zusammenspiel wird klar, warum CoinJoin zwar technisch nützlich ist, aber nicht automatisch das gesamte Ermittlungsbild zerstört: Schon das vorherige Brücken- und Distribution-Muster liefert harte Ankerpunkte, und selbst nach dem Mix bleiben viele Vermögenscluster über Zeit- und Wert-Charakteristiken im Blick. Für Security-Teams heißt das: Nicht nur die „letzte“ Privacy-Transaktion zählt, sondern der komplette Lebenszyklus des Kapitals – von der ersten Umwandlung bis zu den späteren Weiterleitungen.
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