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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine sechsmonatige Längsschnittstudie zeigt, dass depressive Symptome bei neu diagnostizierter bipolarer Störung mit geringerer sexueller Lust und mehr sexueller Belastung einhergehen. Manische Symptome wurden dagegen mit erhöhter Lust verknüpft, ohne dass gleichzeitig mehr Belastung messbar war. Zusätzlich korrelierte die tägliche Stimmungsschwankung, erfasst per Smartphone-App, mit stärkerer sexueller Belastung. Die Ergebnisse unterstreichen, dass sexuelle Gesundheit bei der Versorgung von Anfang an regelmäßig mitbetrachtet werden sollte.

Bipolare Störung: Stimmungssymptome steuern sexuelle Lust und Belastung
Bipolare Störung: Stimmungssymptome steuern sexuelle Lust und Belastung (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer neu mit bipolarer Störung diagnostiziert wird, erlebt nicht nur Stimmungsschwankungen im psychiatrischen Alltag. Die Studie „The impact of affective symptoms and mood instability on sexual desire and sexual distress in newly diagnosed bipolar disorder: a longitudinal study“ ordnet jetzt konkreter ein, wie depressive und manische Symptome sowie die alltägliche Instabilität der Stimmung mit sexueller Lust und Belastung zusammenhängen. Im Zentrum steht dabei weniger die generelle Aussage „häufig betroffen“, sondern die zeitliche Kopplung an klinische Verlaufsdaten über sechs Monate hinweg. Veröffentlicht wurde die Arbeit im Journal of Psychiatric Research.

Technisch und methodisch ist das Design entscheidend, weil es die üblichen Momentaufnahmen in der Sexualforschung durch eine Längsschnittlogik ergänzt. Die Forschenden um Helle B. Krogh (Sexology Clinic am Copenhagen University Hospital in Dänemark) rekrutierten 236 Erwachsene im Alter von 18 bis 68 Jahren, die innerhalb der letzten zwei Jahre eine bipolare Störung erhalten hatten. Bewertet wurde der klinische Schweregrad depressiver und manischer Symptome zu drei Zeitpunkten: zu Studienbeginn, nach drei Monaten und nach sechs Monaten. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Stimmungsepisoden und täglicher Schwankung: Die Teilnehmenden hielten mit standardisierten Interviews den psychiatrischen Status fest, während parallel eine Smartphone-App die kurzfristigen Ausschläge abbildete.

Für die tägliche Stimmung nutzten die Teilnehmenden die Smartphone-Anwendung „Monsenso“. Sie erhielt tägliche Bewertungen der Stimmung auf einer Skala von negativ bis positiv. Diese Alltagsmessungen sind mehr als nur „Begleitdaten“: Sie ermöglichen eine zweite Achse neben den Klinikterminen, nämlich die Turbulenz außerhalb der formal kontrollierten Befragung. Ergänzend füllten die Teilnehmenden an den drei Präsenzterminen Fragebögen zur sexuellen Funktion und zur Lebensqualität aus. Dabei ging es konkret um das aktuelle Ausmaß der sexuellen Lust sowie um die jeweilige sexuelle Belastung, also um Kummer, Sorgen und Frustration im Zusammenhang mit der eigenen Sexualität.

Die Auswertung zeigt dann ein relativ klares Muster, das mit den Syndrombildern der bipolar verlaufenden Erkrankung konsistent ist: Höhere Werte auf der Depressionsskala gingen mit weniger sexueller Lust und mehr sexueller Belastung einher. Dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn die statistischen Modelle das Alter und das Geschlecht der Teilnehmenden berücksichtigten. Zusätzlich zeigte sich ein demografischer Effekt, der in klinischen Gesprächen oft als „Nebenbefund“ auftaucht: Frauen berichteten im Schnitt von geringerer sexueller Lust als Männer, und höheres Alter war mit niedrigerer Lust verknüpft. Damit wird deutlich, dass sexuelle Symptome zwar mit der affektiven Biologie korrelieren, aber zugleich in individuelle Lebenslagen eingebettet sind.

Manische Symptome zeigten dagegen ein abweichendes Profil. Höhere Werte auf der Manie-Skala waren mit einer erhöhten sexuellen Lust assoziiert. Gleichzeitig fand das Team jedoch keinen Zusammenhang zwischen manischen Symptomen und einer Zunahme der sexuellen Belastung. Das lässt sich inhaltlich so lesen: Die gesteigerte sexuelle Interessenslage, die zu manischen oder hypomanischen Phasen passt, wird zum Zeitpunkt des Erlebens nicht automatisch als problematisch oder belastend wahrgenommen. Daneben spielt die tägliche Instabilität der Stimmung eine eigenständige Rolle: Größere Schwankungen von Tag zu Tag korrelierten mit höheren Werten der sexuellen Belastung. Damit erweitert die Studie die Perspektive weg von der reinen Episodenlogik hin zu der Frage, wie instabile Stimmungslagen in den Alltag „hineinwirken“.

Ein weiterer Punkt betrifft die Interpretation der Streuung in den Daten. Die Modelle machten sichtbar, dass mehr als 60 % der Varianz in sexueller Lust und Belastung durch Personenunterschiede erklärt wurden, die nicht allein durch die gemessenen klinischen Stimmungswerte abgebildet werden. Das ist für die Praxis besonders relevant, weil es die Personalisierung stärkt: Sexualität wirkt hoch individuell und hängt offenbar ebenso von persönlichen, sozialen und situativen Faktoren ab wie von der psychischen Symptomatik. Auch die Lebensqualität wurde erhoben, unter Nutzung eines standardisierten Instruments der Weltgesundheitsorganisation. Eine bessere Lebensqualität war mit geringerer sexueller Belastung verknüpft, nicht jedoch mit einem statistisch nachweisbaren Unterschied in der sexuellen Lust selbst. Anders gesagt: Lebensqualität scheint eher „die emotionale Last“ als die Lustintensität direkt zu dämpfen.

Natürlich bleibt die Frage nach Ursache und Wirkung offen. Die Forschenden beobachteten Teilnehmende in ihrer natürlichen klinischen Behandlung statt in einem kontrollierten Experiment. Entsprechend können die Daten nur Zusammenhänge zeigen, nicht beweisen, dass depressive oder manische Symptome die Veränderungen in der Sexualfunktion unmittelbar verursachen. Hinzu kommen Einschränkungen bei der Stichprobe: Bestimmte häufige Antidepressiva, die als Auslöser sexueller Nebenwirkungen bekannt sind, wurden ausgeschlossen. Viele Teilnehmende befanden sich zudem in partieller oder vollständiger Remission, und ein möglicher Drop-out schwerer Verläufe könnte die Ergebnisse stärker in Richtung „stabilere Fälle“ verschoben haben. Die Autorinnen und Autoren leiten daraus ab, dass künftige Studien breitere Spektren abdecken sollten, insbesondere mit stärker ausgeprägten manischen Symptomen.

Für die klinische Versorgung ergibt sich daraus eine relativ konkrete Handlungslogik: Die Forschenden schlagen vor, dass Behandler regelmäßig nach der sexuellen Gesundheit fragen sollten. Gerade weil die Studie zeigt, dass sexuelle Belastung sowohl mit depressiven Symptomen als auch mit der täglichen Stimmungsschwankung zusammenhängt, kann ein frühzeitiger und wiederkehrender Gesprächsrahmen helfen, Belastung in aktiven Phasen ebenso zu adressieren wie in Zeiten relativer Stabilität. Damit rückt sexuelle Gesundheit stärker in den Kern der Behandlung bipolarer Störungen – nicht als isoliertes Spezialthema, sondern als Bereich, der sich eng mit dem Verlauf der affektiven Symptomatik verknüpft.

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