LONDON (IT BOLTWISE) – Bitcoin springt nach positiven Friedensmeldungen wieder über die 65.000-USD-Marke, doch der entscheidende Wendepunkt könnte laut Analyst Benjamin Cowen erst im vierten Quartal kommen. Er argumentiert, dass im aktuellen Abwärtstrend eher Zeit als Preis die Tiefenbildung bestimmt. Damit unterscheidet sich das Szenario deutlich von einer schnellen „preisgetriebenen Kapitulation“, wie sie in seltenen Crash-Phasen beobachtet wurde. Für Anleger und Marktbeobachter wird vor allem spannend, ob 2026 das Reset-Narrativ erneut auslöst.

Bitcoin hat den Weg zurück über die 65.000-US-Dollar-Marke eingeschlagen, nachdem Marktteilnehmer auf positive „Friedens“-Signale reagiert haben. Der kurzfristige Impuls ändert jedoch nach Einschätzung des Krypto-Analysten Benjamin Cowen wenig an der strukturellen Lage: Der aktuelle, mehrmonatige Abwärtstrend könnte weniger eine Frage des konkreten Kursniveaus sein als der passenden Zeitspanne im Zyklus. Cowen vergleicht die aktuelle Phase mit früheren Midterm-Year-Bear-Markets, die historisch zwischen Peak und Trough typischerweise 50 bis 60 Wochen dauerten. Diese Perspektive lenkt den Blick weg vom Tageschart hin zu einem längerfristigen Timing.
Technisch betrachtet stützt sich Cowen auf das Konzept „kapitulieren – aber wie?“ In seinem Update ordnet er das Geschehen in zwei Denkmodelle ein: „Time-based Capitulation“ und „Price-based Capitulation“. Im zeitbasierten Szenario folgen nach einem bereits fortgeschrittenen Abschwung weitere Wochen oder Monate, bis sich Angebot und Nachfrage auf Kettenebene wieder stabilisieren. Im preisgetriebenen Szenario würde dagegen ein scharfer, tiefer Sell-off die On-Chain-Indikatoren abrupt in Extrembereiche drücken und damit die Voraussetzungen für ein schnelleres Bottoming schaffen. Gerade weil Bitcoin zuletzt über Wochen unter Druck stand, rückt die Frage nach dem „Resetsignal“ in den Mittelpunkt.
Für die Einordnung ist der historische Vergleich entscheidend. Cowen verweist darauf, dass 2014, 2018 und 2022 Bear-Phasen im Midterm-Jahresmuster teils über einen langen Zeitraum von 50 bis 60 Wochen liefen, bevor sich das Tief herausbildete. Die aktuelle Drawdown-Phase sei rund 35 Wochen alt; damit fehle möglicherweise noch Zeit, bevor ein „definitives“ Tief plausibel wird. In den letzten Monaten habe es zudem einen deutlichen Rückgang gegeben: Über einen Monat verlor Bitcoin etwa 16%, während der Rückgang im Jahresverlauf bei rund 37% lag. Der Sprung über 65.000 US-Dollar wirkt damit eher wie ein Zwischenimpuls denn als strukturelle Trendwende.
Als seltenes Beispiel für ein preisgetriebenes Kapitulationsereignis nennt Cowen den Crash rund um 2020 während der COVID-19-Panik. Damals habe der schnelle Kursverfall zentrale On-Chain-Kennzahlen in ungewöhnlich niedrige Extrema gedrückt. Genau diese Auslenkung könne dazu geführt haben, dass der Markt schneller als in einem typischen zeitbasierten Zyklus bottomte. Überträgt man dieses Muster, könnte sich ein ähnlicher Reset im Jahr 2026 wiederholen, falls Bitcoin einen deutlichen Schub nach unten erlebt und dabei die Bewertungsindikatoren vollständig neu ausrichtet. Cowen formuliert das zugespitzt: Ohne einen solchen „harten“ Preisrutsch könnte der Markt weiterhin dem historischen Midterm-Muster folgen.
Marktseitig ist diese Unterscheidung für verschiedene Rollen relevant: Trader suchen häufig nach schnellen Triggern, während mittel- bis langfristige Investoren eher auf Muster, Liquidität und Kettenkonditionen achten. In der Praxis beobachten Analysten häufig Indikatoren, die sich zwischen On-Chain-Daten und klassischer Volatilitätslogik übersetzen lassen. Wettbewerber im Research-Umfeld, etwa Datenanbieter wie Glassnode oder CoinMetrics, betrachten typischerweise unterschiedliche Layer der Kettenaktivität und Kapitalverteilung, um die Marktdynamik zu erklären. Auch wenn die konkrete Methodik variieren kann, bleibt die Grundfrage ähnlich: Wann zeigen sich Anzeichen, dass Verzweiflungsverkäufe abgeschlossen sind und sich Käufer wieder in messbaren Größen zurückmelden?
Ein weiterer technischer Anker in Cowens Argumentation ist die Supply-in-Profit-and-Loss-Kennzahl. Die Idee dahinter: Wenn eine größere Bitcoin-Menge sich mehrheitlich im Gewinn- oder Verlustbereich befindet, kann das Rückschlüsse darauf geben, wie „verwundbar“ der Markt in der aktuellen Preiszone ist. In früheren Zyklus-Tiefs hätten solche Indikatoren laut Cowen typischerweise erst ein bis vier Monate nach dem Wechsel in „bearishes“ Territorium zur tatsächlichen Tiefenbildung geführt. Für die Interpretation heißt das: Selbst wenn einzelne Signale schon früh kippen, bedeutet das nicht automatisch, dass das Bodenbildungsfenster sofort „geschlossen“ ist. Genau hier bietet Cowens zeitbasierter Ansatz einen Deutungsrahmen, der nicht nur auf eine einzige Kennzahl fixiert ist.
Aus regulatorischer Sicht ist der Kontext für europäische Marktteilnehmer besonders wichtig. Während die technische und analytische Debatte häufig auf die Kette fokussiert, bestimmen in der EU zunehmend Compliance-Anforderungen die Zugänglichkeit und den Betrieb von Krypto-Infrastrukturen. Das MiCA-Rahmenwerk (Markets in Crypto-Assets) schafft zwar mehr Einheitlichkeit, bleibt aber in der Praxis eine laufende Übergangs- und Umsetzungsphase. Dazu kommen Fragen rund um Verwahrung, Reporting und Vertrieb. Gerade weil Analysten Szenarien für mögliche Tiefpunkte im späteren Jahresverlauf diskutieren, wird die Planbarkeit für Händler und Plattformen zum Wettbewerbsfaktor: Wer robuste Prozesse für Risiko-, Daten- und Kundenschutz etablieren kann, ist besser auf Volatilitätsphasen vorbereitet.
Für die Zukunftsplanung leitet Cowen eine klare Erwartung ab: Ohne einen extremen Preisrutsch könnte Bitcoin dem historischen Midterm-Jahresmuster folgen, das häufig einen vorübergehenden Tiefpunkt produziert, anschließend eine Sommer-Rally zulässt und später erneut tiefere Niveaus antesten lässt. Das bedeutet nicht zwingend „keinen Anstieg“, sondern eher ein Muster aus Zwischenhochs und erneuten Rücksetzbewegungen. Für Entwickler und Betreiber von Krypto-Infrastruktur liegt darin eine praktische Botschaft: Datenpipelines, Alerting und Risikomodelle sollten so gestaltet sein, dass sie nicht nur auf „Preis über/unter X“ reagieren, sondern auch auf zeitverzögerte On-Chain-Signale und mehrstufige Zustandswechsel. In einem Markt, in dem die „wichtigere Variable Zeit“ sein kann, ist die Operationalisierung dieser Logik entscheidend.
Unterm Strich wirkt der erneute Sprung über 65.000 US-Dollar wie eine Einladung, das Timing neu zu bewerten, ohne die übergeordnete Unsicherheit zu negieren. Cowens Kernthese – dass Time-based Capitulation in vielen Zyklen die Untergrenze eher vorbereitet als ein einzelner, schneller Preisreset – liefert eine konsistente Brücke zwischen historischen Mustern und On-Chain-Beobachtungen. Ob sich das Narrativ in Q4 bestätigt, hängt vor allem davon ab, ob es in den kommenden Monaten zu einem „vollständigen Reset“ kommt oder ob der Markt weitere Wochen braucht, um Angebot, Kostenbasis und Nachfrage dauerhaft auszubalancieren. Damit bleibt Bitcoin zwar im Aufschwung kurzfristig besser unterstützt, langfristig aber bleibt das wahrscheinlichste Diskussionsfeld: Wann nicht wo.
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