BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Wochenlange Hitze und zu wenig Regen sollen in diesem Jahr die Ernten deutlich verkleinern. Die Marktanalystin Judith Dittrich rechnet dennoch damit, dass der Markt versorgt bleibt und keine leeren Regale drohen. Für einzelne Produkte erwartet sie dagegen spürbar höhere Preise, darunter Salatgurken und künftig auch Äpfel. Beim Brot und bei Backwaren sieht sie wegen der Produktionskette zwischen Getreide und Verkauf weniger Druck auf die Verbraucherpreise.

Die aktuelle Wetterlage trifft die Landwirtschaft offenbar stärker als viele Verbraucher erwarten würden: Wochenlange Hitze und kaum Regen haben laut Prognosen des Deutschen Bauernverbands die Ernte schrumpfen lassen. Das wirft sofort die Frage auf, ob daraus ein Engpass an der Ladenkasse wird. Judith Dittrich, Marktanalystin für Verbraucherforschung bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI), dämpft dabei die Befürchtung „leerer Regale“. Für sie ist die Versorgung grundsätzlich gegeben, auch wenn sich Preisverschiebungen bei einzelnen Warengruppen bereits abzeichnen oder zeitversetzt eintreffen können.
Technisch betrachtet ist der Unterschied zwischen „Versorgungsproblem“ und „Preisproblem“ in der Lebensmittelkette oft größer, als Schlagzeilen vermuten lassen. Dittrich verweist darauf, dass der Markt zwar beliefert wird, einzelne Produkte aber teurer werden. So nennt sie Salatgurken als Beispiel: Diese waren zuletzt bereits deutlich teurer als im Vorjahr. Bei Äpfeln dürfte die kleinere Ernte ebenfalls durchschlagen, allerdings erwartet Dittrich, dass der Preisanstieg erst später sichtbar wird, weil hier große Lagerbestände abverkauft werden. Umgekehrt zeigt sich der Effekt bei Kartoffeln schon früher: Der Zeitpunkt, wann ein Ernteausfall in den Handel gelangt, hängt damit stark von Lagerfähigkeit, Bevorratung und Umwälzgeschwindigkeit ab.
Für Brot und Backwaren zeichnet sich dagegen ein anderes Bild ab. In Bäckereien erwartet Dittrich „keine großen Preiserhöhungen“ – zumindest nicht primär aus den geringen Erntemengen bei Getreide. Der Grund liegt laut ihrer Argumentation in der Prozesskette zwischen Getreideernte und Verkauf: Zwischen Ernte, Aufbereitung, Lagerung und Vermahlung wirken mehrere Stellschrauben, die kurzfristige Schwankungen abfedern können. Daneben betont sie auch Energiekosten als wesentlichen Treiber bei der Verarbeitung. Das ist für Unternehmen besonders relevant, weil es die Kostenstruktur nicht auf „Rohstoff Ernte“ reduziert, sondern zeigt, dass auch Betriebsmittel und Umwandlungsprozesse in die Endkalkulation hineinspielen.
Der Deutsche Bauernverband beschreibt derweil die regionale Schwere der Lage: Besonders in Süd- und Westdeutschland fehlten Niederschläge, was zu schwachen Erträgen bis hin zu Missernten bei einzelnen Kulturen geführt habe. Genannt werden Einbußen etwa bei Winterweizen als wichtigster Getreideart sowie bei Winterraps, bei dem zusätzlich Schäden durch Schädlinge hinzukamen. Bei Kartoffeln zeichnet sich nach Angaben des Verbands ein mittleres bis unterdurchschnittliches Ergebnis ab. Auch Flächen mit künstlicher Bewässerung liefern nicht überall die erhofften Durchschnittserträge; zudem entsteht bei trockenen Wiesen nach dem ersten Mähen weniger Nachwuchs fürs Tierfutter. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn der Handel kurzfristig liefern kann, verschieben sich Produktions- und Beschaffungsrealitäten für verschiedene Akteure zeitlich und mengenmäßig.
Dass Verbraucherpreise nicht automatisch proportional zur aktuellen Ernte steigen, zeigt sich auch am Makrotrend. Laut Statistischem Bundesamt stiegen die Preise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke zwischen Juli 2021 und Juli 2026 um 32,6 Prozent. Im gleichen Zeitraum lag die allgemeine Preissteigerung bei 21,5 Prozent. Diese Differenz macht klar, dass Lebensmittelmärkte zusätzlich von Faktoren beeinflusst werden, die über die Ernte hinausgehen. Dazu zählen unter anderem Logistik, Energie, Verpackung, Verarbeitungskapazitäten und auch Handelsstrategien. Für Käufer bedeutet das: „Nachfragebereitschaft“ und „Preisoffenheit“ reagieren unterschiedlich je Produktkategorie, und genau dort wird die Preisweitergabe sichtbar.
Für die Kaufentscheidung im Laden liefert die Marktforschung eine zweite Perspektive. Barbara Kopske von Nielsen IQ betont, dass neben Erntemengen viele Stellgrößen die Preisentwicklung beeinflussen – etwa im Hinblick auf Promotions, Eigenmarken und Discounter-Volumen. Sie ordnet die Lage so ein, dass die Preise für Nahrungsmittel derzeit leicht unter dem Vorjahresniveau liegen, unter anderem wegen eines weiterhin hohen Anteils von Promotions sowie einer verstärkten Nachfrage nach günstigeren Eigenmarken. Gleichzeitig beobachtet Nielsen IQ bei bestimmten Kategorien dennoch steigende Tendenzen: Tiefkühlkost habe zuletzt bereits zugelegt, und geringere Erntemengen könnten diese Entwicklung weiter verstärken. Damit wird auch für Unternehmen ein Muster erkennbar: Nicht jeder Preisschub kommt gleichzeitig an, und Handelsformate können ihn kurzfristig abmildern oder sogar überlagern.
Für die nächsten Wochen dürfte daher weniger die Frage „Gibt es Ware?“ als „Welche Produkte werden wann teurer?“ entscheidend werden. Dittrichs Einordnung legt nahe, dass sich Preisrisiken auf bestimmte Kulturen und Verarbeitungswege konzentrieren, während andere Bereiche durch Lager, Produktionsdynamik und Handelstaktung stabiler wirken. Gerade im Einkauf und in der Beschaffung lohnt es sich, die Kategorien sauber zu trennen: Gemüse und Obst mit begrenzter Lagerfähigkeit oder enger Versorgung können schneller reagieren, während Getreide- und Backwarenprozesse kurzfristige Effekte glätten. Gleichzeitig sollten Unternehmen Energiekosten und Verarbeitungstakte im Blick behalten, weil sie laut AMI-Analyse einen eigenständigen Hebel darstellen. So wird die Ernte 2026 nicht automatisch zur „leeren Regal“-Story, aber sehr wohl zu einer differenzierten Preiserzählung über Kategorien hinweg.
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