LONDON (IT BOLTWISE) – Nach dem deutlichen Rücksetzer im Halbleitersektor sieht eine Bank die Bewertungen als zu günstig an. In einer Analyse ordnet sie den Kursdruck vor allem handelskonfliktgetrieben ein und erwartet dennoch steigende Ausgaben für Chipfertigungsanlagen bis 2028. Besonders positiv fällt ASML aus, daneben nennt die Bank ASM International, STMicroelectronics und Nokia. Den Gegenpol bilden Ericsson und Logitech, die sie dagegen auf Underperform einstuft.

Der Ausverkauf im Halbleitersektor hat den Markt zuletzt weniger in Richtung „neue Fundamentaldaten“ gedrückt, sondern vor allem in Richtung „zu viel Risiko auf einmal“. Genau diese Interpretation steht im Zentrum der aktuellen Einschätzung einer großen US-Bank: Nach dem Rücksetzer sieht das Research-Team die Bewertungsniveaus im Sektor als historisch ungewöhnlich günstig. Damit verlagert sich die Debatte weg von der Frage, ob die Chipindustrie mittelfristig Wachstum erzeugen kann, hin zu der Frage, ob der Bewertungsabschlag bereits die falschen Ursachen adressiert. Die Bank hält den Kursrutsch demnach eher für eine Folge von Handelskonflikten als für ein Zeichen einer nachhaltig schlechteren Geschäftsentwicklung.
Als Ausgangspunkt dient dabei vor allem der Vergleich, wie sich der Halbleiterindex im Verhältnis zum breiteren Markt entwickelt hat. Laut den Angaben, die der Analyse zugrunde liegen, lag der Rückstand des Halbleiterindex zuletzt bei rund 18 Prozent gegenüber dem S& P 500. Besonders wichtig ist der Bank dabei, dass die Größenordnung historisch eher zu Phasen passt, in denen der Markt vorübergehend „überreagiert“ hat: 2015 und 2018 seien Rücksetzer dieser Art gewesen, jeweils mit gut 17 Prozent, während echte zyklische Abschwünge in etwa 2011/12, 2022 sowie 2024/25 lagen – also deutlich höher. Aus dem Blickwinkel der Bank wird der aktuelle Abschlag deshalb nicht als gleichbedeutend mit einer strukturellen Nachfrageflaute gelesen, sondern als Bewertungsbereinigung, die sich später wieder einpendeln könnte.
Ein zentraler Hebel der Argumentation ist die erwartete Entwicklung der Investitionsbudgets in der Chipfertigung. Die Bank geht davon aus, dass die Ausgaben für Chipfertigungsanlagen bis 2028 auf mindestens 250 Milliarden US-Dollar steigen. Das wäre rechnerisch kompatibel mit einem Wachstum von jeweils rund 30 Prozent über zwei Jahre. So eine Projektion ist im Halbleitergeschäft nicht nebensächlich, denn die Investitionszyklen bestimmen, wie ausgelastet die Produktionslinien sind und wie stark sich die Nachfrage nach Lithografie- und anderen Prozessschritten tatsächlich in Umsatz und Margen der Ausrüster übersetzt. Die These wird zudem durch langfristige Lieferverträge „quer durch“ zentrale KI- und Speicherkunden untermauert: Genannt wird unter anderem ein berichteter Fünfjahresvertrag zwischen Samsung und Broadcom über rund 200 Milliarden US-Dollar. Zusätzlich verweist das Research auf angehobene Investitionsbudgets bei TSMC und Intel. Gerade weil diese Informationen auf mehrjährige Sicht gehen, soll die typische Marktsorge vor einem Preisverfall bei Speicherchips an Überzeugungskraft verlieren.
Für die Bank ist der Bewertungseffekt dabei messbar gemacht: Nach dem Ausverkauf, so die Rechnung, werde der Sektor mit einem Abschlag von rund drei Punkten auf die durchschnittlichen Bewertungsmultiplikatoren für das Jahr 2028 gehandelt. Besonders deutlich falle der Unterschied bei den reinen Ausrüstern aus, die sogar mit sechs bis sieben Punkten unter den Vergleichsniveaus lägen. In der Praxis bedeutet das: Der Marktpreis spiegelt nicht nur Unsicherheit über die nächsten Quartale wider, sondern „preist“ teils mehr Risiko ein, als aus Sicht der Bank durch die erwartete Investitionsdynamik gedeckt ist. Genau an dieser Stelle setzt auch die Auswahl der Favoriten an. ASML wird als klarer Standardwert herausgestellt – vor allem mit Blick auf höhere Durchschnittspreise und steigende Bruttomargen. Die Gewinnschätzungen der Bank je Aktie für 2027 und 2028 sollen dabei laut eigener Projektion jeweils sechs bis sieben Prozent über dem Marktkonsens liegen, was den Abstand in der Bewertung weiter stützt.
Bei den Fertigungsausrüstern weitet sich die Auswahl in die Breite. ASM International zählt die Bank ebenfalls zu den aussichtsreichen Kandidaten: Für den Quartalsgewinn erwartet sie demnach ein Ergebnis oberhalb der Konsensschätzungen um elf Prozent. Als Treiber nennt sie höhere Budgets bei TSMC und Intel, zusätzlich eine robuste Nachfrage aus China sowie eine beginnende Erholung bei Analog- und Leistungshalbleitern. Diese Kombination ist interessant, weil sie mehrere „Teilmärkte“ gleichzeitig abdeckt: Analoge und Leistungsbausteine reagieren oft anders als hochskalierte Logik- oder Speichersegmente, weshalb eine Synchronisierung der Erholung nicht zwingend ist. Bei STMicroelectronics räumt das Researchteam dem Markt hingegen ein Stück weit die Enttäuschung ein – allerdings nicht als Bruch der Ertragskraft. Für 2028 hält es eine Ertragsbasis von mehr als 4,50 US-Dollar je Aktie für intakt und verweist auf ein Verhältnis von Auftragseingang zu abgerechnetem Umsatz von rund 2. Auch Effizienzgewinne sollen demnach bis Mitte 2028 vier Prozentpunkte Bruttomarge bringen, flankiert von Produktzyklen bei optischen Komponenten und Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn.
Auch außerhalb der klassischen Chipausrüstungswelt sieht die Bank Chancen. Nokia wird in der Analyse als Kandidat empfohlen, wobei im Research ein unterschätzter Auftragseingang von 2,8 Milliarden Euro genannt wird. Für Anleger ist das vor allem deshalb relevant, weil Netzwerkkomponenten in modernen Daten- und KI-Infrastrukturen indirekt mit den Investitionszyklen der Rechenzentren verknüpft sind. Gleichzeitig grenzt sich die Bank von ähnlichen Namen ab: Ericsson und Logitech werden auf Underperform eingestuft. Dabei verweist das Research auf Bedenken bei Margen und Wachstum. Damit wird aus Sicht des Teams der Bewertungsansatz nicht als „Blindkauf“ für die gesamte Tech-Branche verstanden, sondern als differenzierte Setzung: Wo der Markt Kursrisiken offenbar stärker einpreist als die erwartete Nachfrage, sieht die Bank einen Einstieg mit besserem Chance-Risiko-Profil.
Entscheidend bleibt aus Anlegersicht jedoch, dass es sich bei dieser Argumentation zunächst um eine Bewertungswette handelt. Wenn sich die Handelskonflikte verschärfen, die die Bank als Belastungsfaktor einordnet, kann der Bewertungsabschlag bestehen bleiben oder sogar größer werden. Ebenso möglich ist, dass der Speichermarkt doch stärker unter Preisdruck gerät als angenommen. Außerdem betont das Research die Abhängigkeit von wenigen Großkunden, was in der Realität die Schwankungsanfälligkeit erhöht: Schon leichte Verschiebungen bei Bestellungen oder Budgetplanungen können sich überproportional in einzelnen Kennzahlen zeigen. Für die praktische Prüfung nennt die Bank daher als nächsten Realitätscheck die kommenden Quartalsberichte der Ausrüster – insbesondere mit dem Fokus darauf, ob TSMC und Intel ihre erhöhten Investitionsbudgets tatsächlich wie geplant umsetzen. Genau dann dürfte sich zeigen, ob der Markt den Abschlag zu Unrecht gezahlt hat oder ob es sich tatsächlich um eine günstige Einstiegschance handelt.
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