LONDON (IT BOLTWISE) – Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) übernimmt ab Oktober 2026 die Leitung des europäischen Forschungsvorhabens BREATH-EC. Das vierjährige Projekt entwickelt genetisch programmierte Makrophagen, die Lungenfibrose-Zeichen gezielt erkennen und lokal therapieweckende Moleküle gegen die Vernarbung freisetzen sollen. Für das Konsortium stellt die Europäische Union rund 10 Mio. Euro Fördermittel bereit; 2,73 Mio. Euro entfallen dabei auf die MHH. Ziel ist eine zellbasierte Behandlung über die Atemwege per Bronchoskopie, bei der zunächst die präklinke Wirksamkeit nachgewiesen werden muss.

Wenn zellbasierte Immuntherapien aus der Onkologie heraus in andere Krankheitsfelder drängen, zeigt das an, wie stark sich die Forschung von der klassischen „ein Wirkstoff, ein Ziel“-Logik entfernt. Genau hier setzt BREATH-EC an: Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) startet im Oktober 2026 die Leitung eines europäischen Vorhabens, das zelluläre Therapeutika gegen Lungenfibrosen entwickelt. Über vier Jahre sollen Mechanismen entstehen, die das Fortschreiten der Gewebeverhärtung verlangsamen und im besten Fall bereits bestehende Vernarbungen teilweise rückgängig machen. Damit verschiebt sich der Fokus in der Lungenheilkunde weg von rein symptomatischen Strategien hin zu aktiven, zellvermittelten Eingriffen in den Umbauprozess des Gewebes.
Technisch betrachtet stehen im Zentrum des Projekts nicht generische „Immunzellen als Therapie“, sondern gezielt umprogrammierte Makrophagen. Diese Fresszellen des Immunsystems sollen so trainiert werden, dass sie pathologische Fibrosezeichen im Lungengewebe zuverlässig identifizieren. Dafür gewinnen die Forschenden Makrophagen entweder aus Spenderblut oder aus induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen). Im nächsten Schritt werden die Zellen gentechnisch modifiziert: Die genetische Anpassung dient im Kern als Schablone für das Verhalten der Zellen, sodass sie erst dann therapeutisch aktiv werden, wenn sie die relevanten Merkmale der Vernarbung „vor Ort“ erkannt haben. Aus regulatorischer und biologischer Perspektive ist das ein wichtiger Punkt, denn die Wirksamkeit hängt nicht nur von der Immunaktivierung ab, sondern besonders davon, wie präzise die Zielerkennung in einer komplexen Lungenmikroumgebung gelingt.
Die therapeutische Kette ist dabei klar beschrieben: Sobald die veränderten Makrophagen die krankhaften Veränderungen lokalisieren, sollen sie direkt am Einsatzort Antikörper gegen die Vernarbung produzieren und freisetzen. Damit verfolgt das Projekt ein lokales Wirkprinzip, das im Idealfall die systemische Belastung reduziert und gleichzeitig eine hohe Konzentration der Wirkstoffe am Ort des Geschehens ermöglicht. Für den praktischen Einsatz ist eine direkte Applikation über die Atemwege vorgesehen, und zwar mittels Bronchoskopie. Diese Route macht das Konzept besonders alltagsnah für die Lungentherapie, weil sie die Hürde einer sehr weitreichenden Verteilung im Körper reduziert. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Sicherheits- und Steuerungsfragen: Es muss sichergestellt werden, dass die programmierten Zellen nur im passenden Kontext aktiv werden und nicht ungewollt gesundes Gewebe mitbehandeln.
Im Markt- und Forschungsumfeld ist die Timing-Komponente ebenfalls relevant. BREATH-EC adressiert nicht nur eine medizinische Lücke, sondern nutzt dafür eine Struktur, die zellbasierte Translation in Europa traditionell beschleunigen soll: ein Konsortium mit insgesamt 18 Partnerinstitutionen aus acht Ländern. Neben der MHH gehören unter anderem das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), das Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM) sowie die Universitätsklinik Freiburg zu den beteiligten Einrichtungen. Ergänzt wird das Netzwerk durch Partner aus Schweden, England, Süd Korea, Portugal, Irland, Italien und Belgien. Aus industriepolitischer Sicht ist das bedeutsam, weil Zelltherapien selten an einer einzelnen Laborleistung scheitern, sondern oft an der Skalierung von präklinischen Nachweisen, an Validierungsdaten und an der Infrastruktur für koordiniertes Vorgehen. Dass die Europäische Union Fördermittel in Höhe von rund 10 Mio. Euro bereitstellt und davon 2,73 Mio. Euro auf die MHH entfallen, unterstreicht, dass das Projekt nicht als isolierter Pilot geplant ist, sondern als breiter Forschungsverbund mit klarer Finanzierungslogik über mehrere Jahre.
Gleichzeitig sollten Anwender in Kliniken und Laboren die Reichweite korrekt einordnen. Laut Projektstatus befindet sich BREATH-EC im Stadium der präklinischen Forschung. Für Patientinnen und Patienten ergeben sich damit vorerst keine unmittelbaren Änderungen in der klinischen Versorgung; der Weg zu einer Behandlung erfordert typischerweise den Nachweis der Wirksamkeit in geeigneten Tiermodellen und in zellulären Systemen. In dieser Phase geht es nicht nur um „funktioniert es?“, sondern auch um reproduzierbare Effekte, Dosierungsfenster und vor allem darum, wie stabil das gewünschte Verhalten der Makrophagen unter realistischen Bedingungen bleibt. Dass translationale Forschung laut der Projektbeschreibung selten an der Idee selbst, sondern häufiger an Finanzierung und Umsetzung scheitert, spiegelt genau die Gründe wider, warum Konsortien und Förderprogramme für Zelltherapien so zentral sind: Sie schaffen Zeiträume, in denen mehrere Risikoquellen gleichzeitig abgearbeitet werden können.
Besonders spannend ist auch, welches Potenzial über die Lunge hinaus in Aussicht steht. Gelingt der Nachweis der Wirksamkeit, könnte das Wirkprinzip der lokal antikörperproduzierenden Makrophagen perspektivisch auf andere Organe ausgedehnt werden. Genannt werden insbesondere andere Organfibrosen, etwa bei chronischen Erkrankungen des Herzens und der Leber. Diese Übertragung ist wissenschaftlich plausibel, weil Fibroseprozesse in verschiedenen Geweben ähnliche Umbaumechanismen aufweisen, aber die Zielsignale und das immunologische Milieu unterscheiden sich. Genau deshalb wird die präklinische Phase entscheidend: Das Konzept muss zeigen, dass die programmierte Erkennung nicht nur in einem spezifischen Lungenkontext funktioniert, sondern dass sich das System so anpassen lässt, dass es auch in anderen Gewebeumgebungen zuverlässig „trifft“. Für Unternehmen und Forschungsteams, die an der Schnittstelle von Zellbiologie, Biomaterialien, Diagnostik und Prozessentwicklung arbeiten, entsteht dadurch ein Arbeitsfeld mit klaren technischen Anforderungen.
Für die nächsten Jahre lässt sich aus BREATH-EC vor allem eine Richtung ableiten: KI im engeren Sinne wird im Projekttext nicht als Technikbegriff genannt, aber die Planung und Steuerung komplexer Zellverhalten folgt einem Muster, das in vielen modernen Biotech-Programmen „KI-nahe“ Kompetenz in die Pipeline bringt – nämlich die daten- und modellgetriebene Optimierung von Zielerkennung, Aktivierung und Sicherheitsprofilen. Der praktische Hebel bleibt dennoch biologisch: genetisch programmierte Makrophagen müssen in der richtigen Dosis, am richtigen Ort und unter kontrollierten Bedingungen funktionieren. Bis dahin ist der Nutzen für die Branche vor allem methodisch: BREATH-EC schafft einen Rahmen, in dem programmierte Immunzellen, europäische Konsortialarbeit und translationale Datenpakete zusammenkommen. Sobald belastbare Ergebnisse vorliegen, wird sich zeigen, ob dieses lokalisierte, zellbasierte Konzept bei Lungenfibrose nicht nur Symptome adressiert, sondern den Krankheitsprozess selbst messbar beeinflusst.
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