REDWOOD CITY, CALIFORNIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Bridge Neurotech bringt eine wearable Brain-Computer-Interface-Ansatzlinie auf den Weg und startet dafür die erste klinische Studie in Redwood City. Das Unternehmen setzt nicht auf Elektroden im Gehirn, sondern auf Ultraschall, der Bewegungen im Blutfluss als indirektes Aktivitätssignal nutzt. Um die dabei entstehende Verzögerung zu verkürzen, will Bridge mit KI-basierter Vorhersage arbeiten. Die Studie startet zunächst beobachtend, ohne Behandlung und Diagnose, und testet kleine Ultraschall-Sensoren am Kopf gesunder Probanden.

Bridge Neurotech setzt im Wettlauf um Brain-Computer-Interfaces (BCI) auf einen Ansatz, der die bisher dominierende Geometrie der Schnittstelle verschiebt: Statt Elektroden im oder am Gehirn rückt der Ultraschall-Sensor auf die Außenseite des Kopfes. Das Startup, das mit 13,5 Millionen US-Dollar an frischem Kapital startet und dabei unter anderem auf Unterstützung durch General Catalyst verweist, positioniert sich damit als Gegenentwurf zu Implantat- und Signal-Außenansätzen. Im Kern geht es um eine Frage, die bei BCI-Produktzyklen immer wieder den Ton angibt: Wie lässt sich eine ausreichend robuste Signalqualität erreichen, ohne dass für jede Anwendung ein chirurgischer Eingriff nötig wird?
Technisch betrachtet nutzt Bridge Ultraschallwellen, um die Geschwindigkeit und Richtung des Blutflusses über die Reflexion an roten Blutkörperchen zu erfassen. Im Gehirn korrelieren Schwankungen im Blutvolumen und -fluss mit neuronaler Aktivität, allerdings nicht exakt zeitgleich: Das Messprinzip arbeitet indirekt, weil es den vaskulären Antwortpfad abbildet. Genau diese Abbildungslogik war auch der zentrale Kritikpunkt, den Maryam Shanechi von der University of Southern California in den Raum stellt: Der indirekte Charakter führt zu einer natürlichen Verzögerung von mehreren Sekunden zwischen neuronalen Entladungen und dem messbaren Blutfluss-Signal. Für Anwendungen, die sofortige Rückkopplung benötigen – etwa das schnelle Bewegen einer Prothese oder sehr rasches Tippen – könnte diese Latenz daher zum Engpass werden.
Um diesen Hebel in den Griff zu bekommen, nennt Bridge den Einsatz von vorhersagenden KI-Modellen, die die Verzögerung rechnerisch überbrücken und so die Performance des Interfaces verbessern sollen. Das ist eine wichtige Verschiebung, denn bei vielen BCI-Ansätzen entscheidet weniger nur die Sensorik über den Erfolg, sondern auch das gesamte Pipeline-Design: Vom Signal-Rohdatenstrom über Modellierung und Kalibrierung bis zur Decodierung in Befehle oder Text. Während Implantate zwar sehr nahe an neuronalen Entladungen messen können, kämpfen externe Ansätze typischerweise mit dämpfenden Effekten – bei rein elektrischen Verfahren etwa durch Haut und Knochen, die Signale vor dem Sensor abschwächen. Ultraschall versucht diesen Verlust durch ein anderes physikalisches Messfenster zu umgehen, verlagert aber das Problem in Richtung Timing, Rauschen und Modellgüte.
Damit wird auch verständlich, warum Bridge den chirurgischen Teil als Grenze betrachtet und den Start als wearable auslegt. In der Außendarstellung des Unternehmens wird das Risiko von neurowissenschaftlich sensiblen Implantaten als Faktor genannt, der den gesellschaftlichen und regulatorischen Takt für eine breite Nutzung ausbremst. Der Gründer und CEO Will Biederman hatte in seiner akademischen Laufbahn unter anderem an einer Chip-Technologie für Neuralink gearbeitet, verfolgt nun aber das Ziel, eine Lösung zu entwickeln, die deutlich mehr Menschen erreichen könnte als die bislang sehr kleine Zahl klinisch getesteter implantierter Systeme. Bridge verweist dabei außerdem auf den praktischen Fokus: Das Unternehmen startet seine Studie zunächst in Redwood City, Kalifornien, als beobachtendes Vorhaben ohne Behandlung oder Diagnose. Ein kleiner Ultraschall-„Probe“-Ansatz soll am Seitenbereich des Kopfes gesunder Erwachsener sowie bei Personen nach Schädeldurchtrennungs- bzw. -operationskontext platziert werden, während Probanden zuhören, zusehen, sich bewegen und sprechen.
Für die Hardware nennt Bridge konkrete Bausteine: Die Sonden basieren auf Halbleiter-Siliziumchips, die von Butterfly Network stammen, wobei das Startup die Geräte zudem auf Messaufnahme und Verarbeitung im Studiobetrieb ausrichten will. Der geplante Sitzort der Technik ist ebenfalls nicht beliebig gewählt: Biederman beschreibt ein Setup, das „etwas wie Kopfhörer“ wirken soll und auf dem temporalen Fenster im Bereich oberhalb des Ohres platziert wird. Dieses Areal gilt als vergleichsweise geeignete Stelle, weil es zu den dünneren Bereichen des Schädels zählt und damit die nichtinvasive Bildgebung erleichtert. Gleichzeitig bleibt die zentrale technische Hürde bestehen: Knochen streut und absorbiert Schallenergie, was die Herausforderung bei der nichtinvasiven Rekonstruktion deutlich macht. Dass das Prinzip prinzipiell funktionieren kann, zeigen Arbeiten aus dem Jahr 2024 von Forschenden aus Caltech und der University of Southern California – allerdings mit einem wesentlich invasiveren Setup, bei dem ein Abschnitt des Schädels entfernt und durch ein „window“ ersetzt werden musste. Genau diese Differenz – funktionierender Nachweis gegen invasive Zwischenlösung – ist der Zielkonflikt, den Bridge in den nächsten Iterationen technisch adressieren muss.
Der Markt für BCI-Startups wird dabei enger, aber nicht einheitlicher. Neben Neuralink, Synchron, Paradromics und Precision Neuroscience werden in der Branche BCI-Lösungen zunehmend entlang von drei Dimensionen bewertet: Invasivität der Sensorik, wahrgenommene Signalqualität und die Fähigkeit, Latenzprobleme in Echtzeit-Tasks zu kompensieren. Bridge versucht, sich über die Kombination aus Ultraschallmessung und KI-basierter Vorhersage zu differenzieren – und zudem über den Anspruch, die Hürde „kein Loch im Kopf“ in eine breitere Anwenderbasis zu übersetzen. Unterm Strich entscheidet für Unternehmen und Entwickler jedoch weniger der Buzzword als die messbare Robustheit im Feld: Wie stabil sind Signale über Sitzungen hinweg, wie stark ist die Varianz zwischen Köpfen, und wie gut lässt sich Decoding gegen reale Alltagsbedingungen generalisieren. Mit der ersten klinischen Studie setzt Bridge dafür einen prüfbaren Startpunkt, auch wenn die nächste Stufe – also echte Leistungskennzahlen und die Überführung in spezifische Anwendungen – erst folgen muss.
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