FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die frühere Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker erwartet, dass kriminelle Finanzgeschäfte nach Cum-Ex weiterhin in kleinerem Umfang laufen. Sie führt das vor allem auf zu geringe Ermittlungs- und Spezialisierungskapazitäten zurück und sieht strukturelle Lücken in der Strafverfolgung. Im Interview fordert sie eine zentrale Behörde nach österreichischem Vorbild, um schwere Wirtschaftskriminalität schneller und besser zu bearbeiten.

Brorhilker warnt: Cum-Ex-ähnliche Steuerdelikte laufen offenbar weiter
Brorhilker warnt: Cum-Ex-ähnliche Steuerdelikte laufen offenbar weiter (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Cum-Ex-Aktiendeals wirkt in Deutschland wie ein nachhallendes Echo: Zwar wurde politisch reagiert, doch die Erkenntnis, dass sich komplexe Steuerumgehung nicht einfach „abschaltet“, bleibt aktuell. Wie die ehemalige Oberstaatsanwältin und heutige Verbandsvorständin berichtet, sei das Entdeckungsrisiko für solche Konstruktionen weiterhin vergleichsweise gering, weil sich staatliche Strukturen in der Praxis nicht im gleichen Tempo weiterentwickelt hätten. Ihre Kernaussage ist weniger eine Sensationsbehauptung als eine nüchterne Bewertung eines Systems, das bei hochgradig verschachtelten Finanztransaktionen an Grenzen stößt.

Technisch betrachtet ist genau diese Verschachtelung der Knackpunkt: Cum-Ex-Gestaltungen nutzen den Zeitdruck rund um Dividendenstichtage und die Mechanik der Kapitalertragsteuer-Erstattung aus, um steuerliche Effekte zu „duplizieren“, obwohl die zugrunde liegende Zahlung nicht erfolgt ist. Der Ablauf folgt häufig einem Muster aus kurz getakteten Handelsbewegungen, rechtlicher Aufteilung von Ansprüchen und einer Abgleichlogik zwischen Marktteilnehmern und Finanzbehörden. Wenn dann Aufsicht und Ermittlungsarbeit nicht genügend spezialisiert sind, können selbst bekannte Tatmuster im Schatten weniger effizienter Kontrollen weiterlaufen.

Historisch liegt der Wendepunkt zwar bereits einige Jahre zurück: Gesetzgeberische Änderungen griffen 2012 nach der Hochphase solcher illegalen Aktiengeschäfte ein, sodass das klassische Cum-Ex-Konstrukt zumindest strukturell erschwert wurde. Gleichzeitig zeigt die Aussage, dass einzelne Fälle offenbar zeitverzögert sichtbar werden, wie ein öffentlich bekannter Cum-Ex-Vorfall aus 2016 verdeutlicht. Das ist für Unternehmen und Ermittler relevant, weil Strafverfahren selten „instant“ sind: Daten müssen rekonstruiert, Verantwortlichkeiten zugeordnet und Buchungslogiken nachverfolgt werden. Wenn diese Kette nicht flächendeckend belastbar ist, bleiben Risiken bestehen.

Aus Marktsicht ist die Lage besonders brisant, weil Finanzkriminalität nicht als einzelne Firma, sondern als Prozessnetzwerk funktioniert. An Cum-Ex waren in der Vergangenheit viele Banken und Investmentakteure beteiligt; die juristische Aufarbeitung läuft daher typischerweise in Wellen, während neue Erkenntnisse aus Aktenbergen und Kooperationen entstehen. Wie aus dem skizzierten Umfeld hervorgeht, werden nach und nach Angeklagte verurteilt, darunter zentrale Figuren, die hohe Strafen erhalten. Diese Dynamik hat eine zweite Wirkung: Sie verschiebt die Kalkulation von Tätern. Solange der durchschnittliche Pfad von Tat bis Entdeckung lang bleibt oder ungleichmäßig ausfällt, können kriminelle Akteure mit vergleichsweise niedrigen erwarteten Risiken rechnen.

Als konkreten institutionellen Engpass nennt die frühere Ermittlerin vor allem fehlende spezialisierte Kapazitäten. Sie argumentiert, dass es zu wenige ausgebildete Ermittler für komplexe Wirtschaftskriminalität gibt und dass staatliche Strukturen für die Realität moderner Finanzmärkte nicht ausreichend nachgezogen wurden. Ihre Forderung zielt deshalb nicht nur auf mehr Fälle, sondern auf mehr Kompetenz: Eine zentrale Staatsanwaltschaft würde Wissen bündeln, Verfahren vereinheitlichen und Schnittstellen zwischen Finanzaufsicht, Steuerprüfung und Strafverfolgung verkürzen. Vergleichbar dazu wird als „Vorbildeffekt“ das österreichische Modell genannt, das als Referenz für eine stärker zentralisierte Bearbeitung dient.

Vergleicht man diese Perspektive mit gängigen Ansätzen aus der Unternehmenswelt, wird der Unterschied deutlich: Viele Organisationen setzen auf Compliance-Teams, interne Datenpipelines und spezialisierte Prüfpfade, um Transaktionsmuster früh zu erkennen. Ermittlungsbehörden dagegen arbeiten oft mit historisch gewachsenen Zuständigkeiten und heterogenen Wissensständen. In der Tech-/Governance-Sprache würde man sagen: Während Unternehmen ihre Detektionsfähigkeit skalieren können, hängt die staatliche Ermittlungsleistung stärker von Personalaufbau, Prozessdesign und institutionellen Schnittstellen ab. Wenn diese Faktoren nicht konsequent modernisiert werden, bleibt die „Entdeckbarkeit“ von ausgeklügelten Strukturen trotz bestehender Gesetze unter Erwartungen.

Für die Marktintegrität ist die Auswirkung erheblich: Unklarheit bei der Strafverfolgung senkt die Abschreckung und kann Fehlanreize im Umgang mit Risiko- und Steuergestaltung setzen. Selbst wenn Gesetzesänderungen Greifbares geschaffen haben, kann sich die Praxis auf angrenzende Konstruktionen verlagern, die das Grundprinzip ähnlich nutzen, jedoch andere Details anwenden. Genau deshalb ist die Aussage „kriminelle Finanzgeschäfte laufen wahrscheinlich weiter“ so bedeutsam: Sie beschreibt einen Prozess, nicht nur eine historische Episode. Entscheidend wird, ob Ermittlungsbehörden mit ähnlicher Geschwindigkeit wie Finanzinnovationen dazulernen.

In die Zukunft projiziert die frühere Oberstaatsanwältin daher vor allem organisatorische Konsequenzen: Deutschland brauche eine zentrale Behörde bzw. Staatsanwaltschaft für schwere Wirtschaftskriminalität, die gezielt Ressourcen für hochkomplexe Steuerdelikte bereitstellt. Das wäre auch regulatorisch ein Signal, weil Politik damit Prioritäten klarer in Gesetzesvollzug übersetzt. Neben dem reinen Abschreckungseffekt könnte eine zentrale Stelle die Qualität von Entscheidungen verbessern, etwa durch konsistentere Bewertungsmaßstäbe und wiederverwendbare Analysekompetenz. Für Branchenbeobachter und Entwickler von Compliance-Workflows wäre das ein Hinweis, dass Überwachungssysteme künftig stärker an der Frage ausgerichtet werden, welche Daten sich für Strafverfahren wirklich verwerten lassen.

Damit einher gehen mittelfristig neue Erwartungen an Unternehmen: Wer Steuergestaltungen und Transaktionen strukturiert, muss stärker beweisen können, dass es sich um legitime Geschäftsentscheidungen handelt und nicht um Ausnutzung von Erstattungsketten. Gleichzeitig steigt der Druck, interne Prüfungen so zu designen, dass sie nicht nur regulatorische Mindeststandards erfüllen, sondern auch als belastbare Dokumentation im Ermittlungsfall funktionieren. Aus Sicht der Strafverfolgung wiederum wird der Erfolg daran gemessen, ob sie komplexe Fälle schneller „entwirren“ kann, statt erst Jahre nach der Tat flächig Ergebnisse zu liefern. Die Debatte um Cum-Ex ist damit weniger Vergangenheit als Testlauf für die Fähigkeit, künftige Formen von Finanzkriminalität rechtzeitig zu erkennen.


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