BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Generalinspekteur Carsten Breuer weist die Kritik zurück, die Bundeswehr investiere zu wenig in Drohnen, KI und Robotik. Er argumentiert, moderne Panzer seien längst mehr als Stahl: Sie bilden eine vernetzte Sensorplattform, die auch unbemannte Systeme ansteuert. Kein Beschaffungsprojekt komme heute ohne unbemannte Elemente und KI aus. Breuer verweist zudem darauf, dass Deutschland bei Innovationen schneller geworden sei, etwa bei der Erprobung von Kamikazedrohnen binnen acht Monaten.

Bundeswehr-Modernisierung: Generalinspekteur setzt auf KI, Drohnen und Panzer
Bundeswehr-Modernisierung: Generalinspekteur setzt auf KI, Drohnen und Panzer (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um die Prioritäten bei der Modernisierung der Bundeswehr wird zur Standortbestimmung für den gesamten Wandel hin zu vernetzten, datengetriebenen Fähigkeiten. Generalinspekteur Carsten Breuer stellt dabei nicht nur die Budget-Logik seiner Behörde infrage gestellt dar, sondern auch die zugrunde liegende Vorstellung, dass es bei künftigen Investitionen zwangsläufig entweder um Panzer oder um Drohnen gehe. In einem Interview-Kontext betont er stattdessen, die Beschaffung ziele auf das Zusammenspiel beider Kategorien. Dieser Ansatz ist mehr als Rhetorik: Er beschreibt, wie sich moderne Gefechtsführung technisch verschiebt, weil Plattformen zunehmend über Software- und Sensorfusion funktionieren statt über reine Wucht durch Masse.

Breuer liefert eine anschauliche technologische Begründung dafür, warum sich klassische Waffenträger und unbemannte Systeme nicht sauber trennen lassen. In seiner Argumentation sind heutige „moderne Panzer“ nicht primär durch das Gewicht von mehr als 50 Tonnen Stahl definiert, sondern durch ihre Funktion als Sensor- und Kommunikationsknoten im Einsatzraum. Eine „vernetzte Sensorplattform“ steuere Drohnen, sammle Daten und verteile diese Informationen weiter. In der Praxis heißt das: Der Mehrwert eines Plattformtyps entsteht oft erst im Verbund, wenn Signale aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt, priorisiert und in Entscheidungen übersetzt werden. Damit rückt auch die Frage in den Mittelpunkt, wie schnell Software-Änderungen in taktische Abläufe gelangen und wie robust Datenflüsse selbst unter Funk- und Störbedingungen bleiben.

Besonders deutlich wird Breuers Linie bei der Rolle von Künstlicher Intelligenz. Er sagt, kein System, das heute beschafft werde, sei ohne unbemannte Elemente und ohne KI denkbar. Das ist als programmatische Forderung zu verstehen: KI wird hier nicht als isolierte „Toolbox“ behandelt, sondern als Bestandteil einer Pipeline, die Sensorik, Auswertung und Steuerung miteinander verbindet. Für Entwickler und Einsatzplaner entsteht daraus ein anspruchsvoller Zielkonflikt: Modelle müssen in Echtzeit nutzbar sein, dürfen aber zugleich in sicherheitskritischen Abläufen nicht beliebig „schwarzboxig“ bleiben. Je näher KI an die Entscheidungs- oder Steuerlogik rückt, desto stärker werden Anforderungen an Datenqualität, Validierung, Überprüfbarkeit und an das Zusammenspiel mit Mensch-in-der-Schleife-Prozessen.

Der Gegenwind kommt aus dem akademisch und strategisch geprägten Raum. Mitte August hatte ein Institut für Weltwirtschaft aus Kiel der Bundeswehr falsche Schwerpunkte vorgeworfen und verlangte, mehr Mittel in Drohnen, KI und Robotik zu lenken statt in Panzer, Schiffe und Soldaten. Präsident Moritz Schularick äußerte zudem in einem Interview, verteidigungsseitig würden bis 2030 insgesamt 700 Milliarden Euro für die Modernisierung zur Verfügung stehen, aber Verteidigungsminister Boris Pistorius gebe einen Großteil davon weiterhin für Waffensysteme weiter, die nicht mit den dringend benötigten Zukunftsfähigkeiten gleichzusetzen seien. Aus Breuers Sicht laufen solche Vorwürfe ins Leere, weil die Beschaffung eben nicht als Entweder-oder gestaltet werde. Für die strategische Debatte ist das entscheidend: Wenn „Infrastruktur“ in Form von Sensorik und KI-gestützter Auswertung konsequent mitgedacht wird, wirkt die Budgetaufteilung wie ein Baukasten aus verknüpften Fähigkeiten statt wie eine Sammlung einzelner Einzelplattformen.

Auch die Frage der Geschwindigkeit treibt den Konflikt. Kritiker machten zuletzt geltend, Deutschland hinke bei Innovationen hinterher, während die Ukraine im Feld neue Technologien teils schneller testet und einführt. Breuer stellt dagegen, Deutschland sei „deutlich schneller geworden“. Konkrete Beispiele nennt er mit Blick auf Kamikazedrohnen: Diese seien innerhalb von acht Monaten erprobt worden und könnten zeitnah in die Truppe eingeführt werden. Technisch ist das ein Hinweis darauf, dass sich Beschaffungs- und Erprobungsprozesse in Richtung kürzerer Feedback-Schleifen bewegen müssen. Wer Drohnen und KI-Funktionalitäten in kurzer Zeit in den Betrieb bringt, braucht nicht nur Geräte, sondern auch ein belastbares Modell für Deployment: von der Integration in Kommunikations- und Führungsstrukturen über die Ausbildung bis hin zur kontinuierlichen Aktualisierung von Softwarekomponenten.

Über den nationalen Streit hinaus wirkt die Entwicklung in die Nato-Ebene. Breuer stellt sich in Kopenhagen bei einer Tagung zum Ausschuss zur Wahl um den Posten des Vorsitzenden des Nato-Militärausschusses. Der gewählte Kandidat soll nach Angaben der Nato im Juli 2027 die Nachfolge des derzeitigen Amtsinhabers Giuseppe Cavo Dragone antreten. Für den Markt und für die Entwicklerlandschaft bedeutet das: Entscheidungen über KI- und Drohnenfähigkeiten sind nicht nur Beschaffungsthemen, sondern werden zunehmend zu Interoperabilitäts- und Standardisierungsfragen innerhalb von Bündnissen. Wenn Sensorplattformen, unbemannte Systeme und KI-gestützte Auswertung über Ländergrenzen hinweg funktionieren sollen, wird die Verbindung aus technischen Schnittstellen, Datenformaten und Betriebsprozessen zu einem zentralen Wettbewerbsvorteil.

Für Unternehmen, die in der Rüstungs- und Defence-Technologie tätig sind, lässt sich aus Breuers Position vor allem eines ableiten: Erfolg hängt weniger davon ab, ob eine einzelne Plattform „für sich“ überzeugt, sondern ob sich Fähigkeiten in ein vernetztes Gesamtsystem einbinden lassen. Das betrifft KI-Komponenten ebenso wie Software zur Datenverteilung, Kommunikationsschnittstellen für unbemannte Systeme und Prozesse zur schnellen Erprobung. Gleichzeitig dürfte die politische Debatte um 700 Milliarden Euro bis 2030 weiterhin die gleiche Linie verfolgen: Es wird sichtbar, ob Investitionen tatsächlich in Zukunftsfähigkeiten fließen oder ob sie sich in der Praxis stärker auf klassische Großsysteme konzentrieren. Breuers Argumentation versucht diese Spannung aufzulösen, indem sie Technik als Zusammenspiel definiert: Panzer als Sensor- und Netzwerkträger, Drohnen als Wirkungsträger, KI als Bindeglied zwischen Datenaufnahme und Handlungsfähigkeit.


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