SYDNEY / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Auswertung von Studien zeigt, dass pflegende Angehörige ihre eigene psychische Gesundheit häufig vernachlässigen. Rund ein Drittel wünscht sich Beratung zu Hilfen, nutzt sie aber kaum. Besonders in der Phase, in der die betreute Person am stärksten erkrankt ist, sollten psychologische Angebote konsequent früher greifen. In Deutschland betreuen Millionen Menschen zu Hause, zugleich besteht laut den Daten Nachholbedarf bei routinemäßiger Belastungsabklärung.

Wer Angehörige über lange Zeit zu Hause pflegt, landet oft in einer Doppelrolle: Die meisten übernehmen praktisches Versorgen, organisieren Termine und sind Ansprechpartner in Krisen. Gleichzeitig bleibt für die eigene psychische Verarbeitung wenig Raum. Eine große Auswertung mit insgesamt mehr als 81.000 pflegenden Angehörigen kommt deshalb zu einem klaren Befund: Die Betroffenen brauchen deutlich mehr psychische Unterstützung, als sie im Alltag tatsächlich abrufen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Psychology & Health“ veröffentlicht und geben sowohl ein Bild der Belastungen als auch der konkreten Versorgungslücken.
Im Kern geht es um ein Muster, das sich laut den Studienergebnissen wiederholt: Pflegende stellen die Bedürfnisse der betreuten Person häufig über ihre eigenen. Das wirkt in der akuten Pflegephase kurzfristig funktional, kann langfristig aber die psychische Resilienz aushöhlen. Besonders in der Phase, in der die betreute Person am schwersten erkrankt ist, spielen die Pflegenden eigenen Belastungen offenbar herunter. Für die Versorgung bedeutet das: Psychologische Unterstützung wird nicht nur dann relevant, wenn „es schon zu spät“ ist, sondern gerade in Situationen, in denen Stress, Unsicherheit und Schuldgefühle am stärksten auftreten.
Die Autoren verknüpfen diese Erkenntnis mit konkreten Bedarfen. So wünschen sich dem Ergebnis zufolge etwa jede dritte pflegende Person eine Beratung über Hilfen, nimmt sie jedoch weniger als jede sechste tatsächlich in Anspruch. Benannt werden dabei unter anderem Unterstützung beim Umgang mit Verlust, Ungewissheit und Schuldgefühlen. Darüber hinaus nennt die Auswertung typische Themen der Anpassung an die neue Lebenslage: pflegende Angehörige wollen soziale Kontakte aufrechterhalten, Interessen und Ziele anpassen und auch mit Veränderungen in sexuellen Beziehungen umgehen. Das ist keine Randnotiz, sondern deutet darauf hin, dass psychische Belastung nicht nur aus medizinischen Ereignissen entsteht, sondern aus einem umfassenden Einschnitt in den Alltag.
Methodisch basiert die Studie auf einem großen Überblick: Das australische Team wertete 29 Studien aus Europa, den USA, Kanada und Australien aus, die in den vergangenen 20 Jahren publiziert wurden. Der Fokus lag überwiegend auf Frauen, die häufig ihren Ehemann oder Partner mit einer chronischen Erkrankung betreuten; am häufigsten trat dabei Krebs auf. Andere Gruppen betreuten Personen mit Herzerkrankungen, Parkinson oder nach einem Schlaganfall. Damit ist die Aussage zwar nicht auf eine einzelne Diagnose beschränkt, aber sie wird durch die häufigen Erkrankungsbilder gestützt, die in der tatsächlichen Pflegepraxis regelmäßig vorkommen.
Für die Einordnung ist auch der Blick auf den Versorgungsmaßstab in Deutschland entscheidend. Laut aktueller Pflegestatistik wurden im Jahr 2023 rund 4,9 Millionen pflegebedürftige Menschen zu Hause versorgt. Wie viele pflegende Angehörige daran beteiligt sind, lässt sich nur schätzen; eine in den Ergebnissen genannte Schätzung beziffert die Zahl auf 7,1 Millionen. Genau in diesem Umfeld wirken sich Informations- und Beratungsbarrieren besonders stark aus: Die Auswertung berichtet länderübergreifend, dass 40 Prozent Interesse an staatlichen Angeboten wie einer nationalen Telefonhotline oder krankheitsspezifischen Informationen zeigten, aber nur 10 Prozent diese bereits genutzt hatten. In Deutschland entspricht das Pflegetelefon einem solchen Angebot; dort ist die Beratung anonym und vertraulich.
Aus Sicht der Versorgungspolitik und der Praxis folgt daraus ein organisatorischer Hebel: Wenn psychische Belastungen systematisch seltener adressiert werden, bleibt die Unterstützung dem Zufall überlassen – etwa davon, ob jemand früh genug von Angeboten erfährt oder sich traut, sie zu nutzen. Die Wissenschaftlerinnen plädieren deshalb dafür, pflegende Angehörige routinemäßig auf psychische Belastungen und ihren Bedarf an unterstützender Versorgung zu untersuchen. Solche Routinen könnten helfen, typische Muster wie Depressionen oder Angstzustände früher zu erkennen; die Studie ordnet ein, dass sie bei pflegenden Familienmitgliedern häufiger auftreten als in der Allgemeinbevölkerung. Fehlen Unterstützungsangebote, kann das nicht nur das Wohlbefinden der Pflegenden verschlechtern, sondern auch ihre Fähigkeit beeinträchtigen, die betreute Person verlässlich zu unterstützen.
Für Einrichtungen, die mit Pflegebedürftigen und Angehörigen arbeiten, ist das eine Einladung, Beratung nicht erst „bei Bedarf“ zu starten, der sich meist erst im Rückblick zeigt. Praktisch heißt das: Entlastungsangebote, psychosoziale Begleitung und Informationswege sollten so gestaltet sein, dass sie in den typischen Belastungsspitzen erreichbar sind. Gleichzeitig muss der Zugang so niedrigschwellig wie möglich bleiben, damit aus dem Wunsch nach Hilfe auch tatsächlich Nutzung wird. Die Studie liefert dafür eine messbare Perspektive: Aus Interesse werden in den vorhandenen Daten nur dann wirksame Unterstützungsschritte, wenn die Hürde zwischen „wissen, dass es Angebote gibt“ und „sie in Anspruch nehmen“ deutlich sinkt.
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