LOS ANGELES / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Cannabis-Hyperemesis-Syndrom (CHS) tritt in den USA offenbar häufiger in Notaufnahmen auf, und besonders jüngere Menschen fallen in den Daten stärker auf. Laut einer Auswertung der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) stieg die mittlere Rate bei 15- bis 24-Jährigen nach der WHO-Update-Einordnung deutlich an. Die Diagnose wird damit häufiger als eigenständiges Syndrom erkannt statt in anderen Kategorien unterzugehen. Gleichzeitig bleibt die Ursache weiterhin nicht vollständig geklärt, während medizinische Fachleute vor verpassten Diagnosen warnen.

In der Praxis der Notfallmedizin zeigt sich ein Muster, das bislang so nicht im Vordergrund stand: Das Cannabis-Hyperemesis-Syndrom (CHS) wird in den USA zwar schon länger beschrieben, die aktuelle Datenlage macht aber deutlich, dass der Anstieg nicht nur ein Randphänomen bei langjährig konsumierenden Personen ist. Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) berichtet über eine höhere Prävalenz von Notaufnahmen, in denen CHS als Diagnosecode auftaucht. Auch wenn sich CHS in erster Linie über wiederkehrende, schwere Übelkeit und exzessives Erbrechen bemerkbar macht, beeinflusst die Verfügbarkeit eines passenden Diagnoseschlüssels, wie häufig Ärztinnen und Ärzte das Syndrom überhaupt als eigenständige Entität erfassen. Genau deshalb ist die zeitliche Kopplung an ein WHO-Update für die Interpretation der Entwicklung so wichtig.
Technisch betrachtet verschiebt ein neuer oder klarer Diagnoseschlüssel die „Messbarkeit“ von Erkrankungen. Im Oktober hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) CHS in ihr diagnostisches Regelwerk aufgenommen. Der Hintergrund: Damit können Behandlerinnen und Behandler bei der Dokumentation nicht nur unspezifische Symptome (wie Übelkeit oder Erbrechen) erfassen, sondern gezielt CHS kodieren. Laut CDC-Bericht stiegen die Notaufnahmen mit CHS in den Monaten nach dieser Umstellung. Die CDC interpretiert das als Hinweis auf eine verbesserte Erkennungsrate („improved recognition“), diskutiert aber zugleich, dass die öffentliche Gesundheitsbelastung zuvor womöglich unterschätzt wurde. Das erklärt auch, warum Gesundheitsfachleute zunehmend betonen, wie relevant die diagnostische Abgrenzung gegenüber dem zyklischen Erbrechen-Syndrom ist.
Besonders auffällig ist die Altersverteilung. Von Januar 2023 bis September 2025 lag bei Patientinnen und Patienten im Alter von 15 bis 24 Jahren der höchste durchschnittliche Anteil monatlicher Notaufnahmebesuche, gemessen „pro 10.000“ bei knapp 10. Nach der Einführung des CHS-Diagnosecodes Ende Oktober kletterte die Rate in dieser Gruppe auf nahezu 39 pro 10.000. Die nächste Altersgruppe, 25- bis 34-Jährige, erreichte dem Bericht zufolge rund 28 pro 10.000. Zum Vergleich: Im nationalen Durchschnitt lag die Rate zwischen 2023 und 2025 bei 3,19 pro 10.000, stieg aber in den acht Monaten nach dem WHO-Update auf nahezu 12 pro 10.000. Für die Medizin ist das nicht nur eine statistische Änderung, sondern eine Verschiebung der klinischen Wahrscheinlichkeit, mit der CHS in der triagierten Notaufnahme als Differenzialdiagnose präsent sein muss.
Der Befund widerspricht zudem dem verbreiteten Lehrbuchbild, CHS trete typischerweise erst nach langer, chronischer Nutzung auf. Die CDC nennt als überraschende Erkenntnis, dass bei jüngeren Menschen höhere Anteile in den Notaufnahmen sichtbar werden. In der Literatur und in der klinischen Erfahrung wurde CHS häufig mit intensivem Cannabiskonsum über mehrere Jahre in Verbindung gebracht; gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass die Symptomatik früher einsetzen kann. So beschreiben Forschungen, die auf Selbstangaben zu CHS-bezogenen Erfahrungen basieren, dass ein großer Teil der Betroffenen sehr häufig konsumiert und die Zeit bis zur ersten Erkrankung nicht zwingend „langjährig“ im klassischen Sinne sein muss. Der aktuelle CDC-Befund führt das auf mögliche Veränderungen im Konsumverhalten zurück, etwa einen früheren Einstieg ins Konsumalter und „evolving methods of use“ wie Vaping oder Produkte mit höherer Wirkstoffkonzentration. Aus der klinischen Versorgung heißt es in ähnlicher Richtung, dass Patientinnen und Patienten inzwischen nach wenigen Jahren intensiverer Nutzung mit CHS in die Notfallroutine geraten.
Was CHS im Körper auslöst, ist weiterhin nicht vollständig geklärt. Medizinisch wird es in mehrere Phasen eingeteilt: eine prodromale Phase, in der Bauchschmerzen und Übelkeit vor allem morgens auftreten können; anschließend eine hyperemetische Phase, in der die Symptome deutlich eskalieren und in anhaltenden, teils tagelangen Erbrechen-Episoden münden. Viele Betroffene greifen zur Linderung auf sehr heiße Bäder oder Duschen zurück, weil die Wärme das Übelkeitsgefühl kurzfristig abmildern kann. Die dritte Phase ist die Erholungsphase, in der die Beschwerden mit dem vollständigen Stopp der Cannabinoid-Zufuhr langsam abklingen. Entscheidend ist dabei, dass Rückfälle möglich sind, wenn erneut konsumiert wird. Aus klinischer Sicht wird außerdem betont, dass ein relevanter Anteil der Patientinnen und Patienten zuvor schon mit CHS diagnostiziert wurde, die tatsächliche Konsumhistorie aber teils unvollständig bleibt. Das erschwert die Diagnosestellung und kann dazu führen, dass zunächst zusätzliche Untersuchungen wie bildgebende Verfahren zur Abklärung anderer Ursachen vorgenommen werden.
Für das Gesundheitssystem und die Versorgungspraxis bedeutet das: Aufklärung muss deutlich früher ansetzen und klar zwischen Symptommustern und Erwartungshaltungen unterscheiden. Die CDC beschreibt den Anstieg nach dem WHO-Update als Gemisch aus besserer Erkennung und möglicher zuvor unerkannter Krankheitslast. Gleichzeitig fordern Forschende fortlaufende Überwachung, unter anderem mit Blick auf den Einfluss von THC in höherer Potenz sowie auf Produkte, die aus Hanf gewonnen werden. In der Praxis sollten Ärztinnen und Ärzte CHS insbesondere dann stärker in Betracht ziehen, wenn wiederkehrendes, starkes Erbrechen mit Cannabinoid-Konsum zeitlich zusammenfällt und Wärme-Exposition als Selbstmedikation wiederholt hilft. Langfristig bleibt als wirksamster Weg zur Beschwerdekontrolle konsequent die Abstinenz von Cannabinoid-Produkten; symptomatische Therapien können die Notfallphase zwar überbrücken, die „dauerhafte Heilung“ hängt aber am Aussetzen der Auslöser. Für Betroffene und Angehörige ist die zentrale Botschaft damit weniger ein „schneller Trick“, sondern ein diagnostischer und therapeutischer Pfad, der CHS früh genug als Erklärung einordnet.
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