LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte Studie zeigt, dass in den USA immer mehr Menschen Cannabis nicht mehr kontrollieren können. 2024 berichten über 9 % der Männer und knapp 6 % der Frauen Symptome eines Cannabis-Entzuges bzw. -gebrauchs, verglichen mit niedrigeren Werten 2021. Als Haupttreiber werden höhere THC-Gehalte in modernen Produkten genannt. Gleichzeitig bleibt die medizinische Versorgung mit zugelassenen Therapien für diese Störung begrenzt.

Die Diskussion um Cannabis kippt in den USA zunehmend von der Frage, ob der Wirkstoff süchtig machen kann, hin zur nüchternen Beobachtung, dass problematischer Konsum messbar zunimmt. Grundlage ist eine neue Auswertung auf Basis landesweit repräsentativer Daten zu erwachsenen US-Bürgern. Besonders auffällig: 2024 melden mehr als 9 % der Männer Symptome einer Cannabis Use Disorder. Das sind fast 1 von 10 Betroffenen und damit deutlich mehr als etwa 7 % im Jahr 2021. Bei den Frauen steigt der Wert ebenfalls, von rund 5 % auf nahezu 6 % im Jahr 2024.
Technisch lässt sich die Veränderung nicht allein mit „mehr Nutzung“ erklären, weil die Studie zugleich einen anderen Faktor stark macht: die Potenz moderner Produkte. THC ist der psychoaktive Bestandteil von Cannabis, der im Alltag über Extrakte, Konzentrate oder Produkte mit deutlich höheren Gehalten stärker „durchgreift“ als früher. Die Direktorin des National Institute on Drug Abuse, Dr. Nora D. Volkow, ordnet das in den Kontext ein, dass die Annahme „Cannabis ist nicht abhängig machend“ so nicht mehr haltbar sei. Der Mechanismus ist dabei plausibel: Wenn die Dosierung im Durchschnitt höher ausfällt, steigt das Risiko, dass das Belohnungssystem häufiger und stärker reagiert – und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein problematisches Muster verfestigt.
Inhaltlich beschreibt die Studie Symptome, die über reinen Konsum hinausgehen. Dazu zählt, dass Betroffene nicht aufhören oder die Menge reduzieren können, aber auch, dass sie trotz schädlicher Folgen weiter konsumieren – etwa wenn zwischenmenschliche Konflikte zunehmen. Im Datensatz zeigt sich zudem eine relevante Differenz zwischen „Nutzung“ und „Störung“: Unter denjenigen, die Cannabis einnehmen, weisen rund 30 % Symptome auf, die mit einer Cannabis Use Disorder vereinbar sind. Zum Vergleich: Bei Alkohol geben in der Befragung weniger als 20 % derjenigen, die trinken, entsprechende Symptome für eine Alcohol Use Disorder an. Damit wird nicht nur ein Anstieg der Problemfälle sichtbar, sondern auch eine höhere Quote für den Übergang von Konsum zu problematischem Verhalten.
Auch die Gesamtverbreitung folgt einem Aufwärtstrend. 2024 berichten 26 % der Männer über Cannabisnutzung, nach 22 % im Jahr 2021. Bei Frauen liegt der Wert 2024 bei 21 %, nach knapp 18 % in 2021. Gleichzeitig zeigt die Studie: Während sich Alkohol-Nutzung über die Zeit relativ stabil verhält oder sinkt, bleibt Alkohol deutlich häufiger als Cannabis. Das ist wichtig, weil es die öffentliche Debatte häufig verengt: Selbst wenn Cannabis mengenmäßig kleiner ist als Alkohol, können stärkere Wirkstoffgehalte und spezifische Konsummuster in der Breite schnell zu mehr Betroffenen mit klaren Kontrollverlust-Symptomen führen. Dass die Datenbasis auf einem jährlichen Befragungsinstrument beruht, das die Nutzung im vergangenen Jahr erfragt, erhöht die Vergleichbarkeit über mehrere Erhebungszeitpunkte.
Besonders differenziert wird nach Schweregrad. Neben der insgesamt steigenden Häufigkeit der Cannabis Use Disorder steigt auch der moderate bis schwere Bereich. Für 2024 melden etwa 4 % der Männer und knapp 3 % der Frauen Symptome der moderat- bis schwergradigen Form. Die Forscherinnen und Forscher klassifizieren dabei Teilnehmer anhand der Zahl spezifischer Symptome: moderate bis schwere Fälle liegen vor, wenn mindestens vier von 11 Merkmalen zutreffen; bei zwei bis drei Merkmalen wird die milde Form angenommen. Auffällig ist außerdem, dass die stärksten Zuwächse in beiden Schweregraden nicht nur bei jüngeren Kohorten auftreten, sondern besonders bei Männern und Frauen im Alter von 35 bis 49 sowie bei Männern ab 50. Genau diese Altersgruppen sind für Politik und Versorgungssysteme relevant, weil hier Lebensrealitäten zusammentreffen – Arbeit, Familie, häufig auch begleitende Erkrankungen.
Hier setzt die klinische Sorge an. Dr. Laura Bierut von der Washington University School of Medicine betont, dass problematischer Substanzkonsum in der Lebensmitte und im Alter möglicherweise besonders ungünstige Auswirkungen auf das alternde Gehirn haben kann. In ihrer Argumentation spielt eine gesellschaftliche Dimension mit hinein: Menschen mit Substanzgebrauchserkrankungen bleiben nicht im „privaten Raum“, sondern beeinflussen das direkte Umfeld. Für Eltern in der genannten Altersgruppe bedeutet das, dass Kinder und Jugendliche den Konsum als Verhalten beobachten, und damit kann sich die Risikowahrnehmung in der Familie verschieben. Gleichzeitig zeigt die Altersverteilung, dass Prävention nicht allein auf Jugendliche zugeschnitten sein sollte, sondern auch in Richtung „Midlife“-Programme gedacht werden muss.
Im Gesundheitsbereich ist die Lage derzeit allerdings nicht ausgeglichen. Für eine Cannabis Use Disorder gibt es nach den Angaben im Artikel derzeit keine Behandlung, die von der Food and Drug Administration ausdrücklich zugelassen ist. Verfügbar sind vor allem therapeutische Ansätze wie kognitive Verhaltenstherapie. Daneben werden verschreibungsbasierte Strategien genutzt, die weniger auf eine direkte „Ersetzung“ zielen, sondern Beschwerden reduzieren sollen – etwa cravings, also das starke Verlangen, und Entzugssymptome wie Angst oder Schlaflosigkeit. Ergänzend existieren Selbsthilfe-Formate wie Marijuana Anonymous. Für Systemplaner heißt das: Wenn die Prävalenz steigt, wächst auch der Druck, Versorgungsketten auszubauen – von der Früherkennung in der Primärversorgung bis hin zu spezialisierten Angeboten.
Der Markt- und Regulierungsrahmen trägt zur Dynamik bei. In vielen US-Bundesstaaten ist der Freizeitgebrauch erlaubt, in anderen existiert medizinischer Konsum. Gleichzeitig hat das US-Justizministerium im April die Regeln für medizinisches Cannabis gelockert, mit dem Ziel, den Missbrauchspotenzialen eine engere Steuerung entgegenzusetzen. Aus der Perspektive von Gesundheits- und Suchtforschung wirkt das wie ein Spagat: Mehr Legalisierung und breiterer Zugang können die Sichtbarkeit von problematischem Gebrauch erhöhen, wenn zugleich die durchschnittliche THC-Konzentration in Produkten steigt. Dr. Daniel Myran, Assistenzprofessor für Familienmedizin an der University of Ottawa, bringt den Punkt auf den Kern: Die Nachfrage nach höherer Potenz entsteht nicht im Vakuum, sondern wird durch Marktkräfte verstärkt. Wenn sich ein Produktprofil über Zeit in Richtung „stärkerer THC-Gehalt“ verschiebt, kann die Zahl derjenigen steigen, die in ein riskantes Konsummuster rutschen – selbst wenn sich die kulturelle Haltung zu Cannabis schneller wandelt als die medizinische Infrastruktur.
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