LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie in JAMA Psychiatry zeigt, dass Cannabis Use Disorder (CUD) in den USA deutlich zunimmt. Zwischen 2021 und 2024 stieg CUD bei Männern von 7,3% auf 9,3% und bei Frauen von 4,5% auf 5,6%. Auch der Anteil moderat bis schwer betroffener Personen wächst. Die Ergebnisse verschieben die Debatte weg von reiner Stigmatisierung hin zu Früherkennung, Aufklärung und evidenzbasierter Behandlung.

Cannabis-Problemstoffwechsel: JAMA Psychiatry zeigt Anstieg von CUD
Cannabis-Problemstoffwechsel: JAMA Psychiatry zeigt Anstieg von CUD (Foto: IT BOLTWISE)
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Der öffentliche Diskurs um Cannabis wirkt in vielen Ländern noch immer so, als sei mit zunehmender Legalisierung automatisch „alles weniger riskant“ verbunden. Die neuen Zahlen aus einer Querschnittsstudie, veröffentlicht in JAMA Psychiatry, kontern genau dieses Gefühl: In den Daten von über 180.000 Erwachsenen über den Zeitraum 2021 bis 2024 steigt der Anteil von Menschen, die die Kriterien für Cannabis Use Disorder (CUD) erfüllen. Entscheidend ist dabei weniger die Frage, wie häufig konsumiert wird, sondern ob sich ein Muster problematischen Gebrauchs zeigt – also gesteuerte Kontrolle fehlt und die Nutzung trotz spürbarer Konsequenzen weitergeht.

Rein epidemiologisch lässt sich der Trend gut ablesen. Die Studie berichtet, dass CUD bei Männern von 7,3% auf 9,3% anstieg, während er bei Frauen von 4,5% auf 5,6% wuchs. Noch deutlicher wird die Verschiebung, wenn man den Schweregrad betrachtet: Moderate bis schwere CUD erhöhte sich bei Männern von 3,1% auf 4,1% und bei Frauen von 1,7% auf 2,5%. Besonders ausgeprägt sind die Entwicklungen laut den Studienergebnissen bei mittelalten und älteren Erwachsenen. Damit verschiebt sich die Problemwahrnehmung – CUD ist nicht nur ein „junges“ Phänomen, sondern kann auch im Lebensabschnitt zunehmen, in dem Arbeit, Stabilität und gesundheitliche Langzeitrisiken besonders relevant sind.

Um die Tragweite einzuordnen, hilft die klinische Definition. CUD beschreibt ein Nutzungsverhalten, bei dem Menschen trotz nachteiliger Folgen die Kontrolle über ihren Cannabisgebrauch verlieren. Typische Indikatoren sind etwa, dass Betroffene mehr konsumieren als beabsichtigt, dass sie viel Zeit mit dem Beschaffen oder dem „Verlangen“ nach Cannabis verbringen und die Nutzung fortsetzen, obwohl körperliche oder psychische Probleme auftreten. Genau an dieser Stelle wird häufig missverstanden: CUD ist nicht gleichbedeutend mit „ab und zu konsumieren“. Es geht um beeinträchtigte Kontrolle und um Konsequenzen, die klinisch bedeutsam werden – etwa wenn Leistung in Schule oder Beruf leidet oder wenn begleitende gesundheitliche Risiken sichtbar werden.

Die Studie stellt außerdem mehrere Faktoren in den Kontext, die das Risiko begünstigen könnten. Ein zentraler Punkt ist die steigende Potenz moderner Produkte: Heute eingesetzte Präparate mit hohem THC-Gehalt (THC als psychoaktiver Wirkstoff) liefern wesentlich mehr davon als Cannabisprodukte, die vor Jahrzehnten verfügbar waren. Parallel nehmen Verfügbarkeit und Akzeptanz zu, während die wahrgenommene Schadenshöhe sinkt. Die Wirkung kann sich kumulativ entfalten: Wer die Risiken unterschätzt und gleichzeitig stärker wirksame Produkte erhält, landet statistisch schneller in einem Muster, das nicht mehr nur „Genuss“ ist, sondern problematische Nutzung. In den Ergebnissen wird der Anteil derjenigen, die bei 2024-Konsumenten die Kriterien für CUD erfüllten, mit rund 36% bei Männern angegeben – ein Signal dafür, dass das Thema mit der bloßen Konsumrate nicht hinreichend beschrieben ist.

Für die Gesundheitspolitik folgt daraus eine differenzierte Botschaft. Ein Anstieg von CUD bedeutet nicht, dass Cannabis für alle Menschen gleichermaßen gefährlich wäre oder dass jede Person automatisch abhängig wird. Gleichzeitig reicht es auch nicht, Cannabis generell als „medizinisch nützlich“ zu rahmen und damit mögliche Schadenpfade zu verdrängen. In der Studie wird betont, dass Cannabis zwar legitime medizinische Anwendungen haben kann – etwa bei Schmerzen durch Nervenschäden oder bei Übelkeit und Erbrechen im Zusammenhang mit Chemotherapie. Umgekehrt nennt sie mögliche Risiken: Bei gerauchtem Cannabis etwa erhöht sich das Risiko für Lungenerkrankungen wie Bronchitis. Außerdem wird ein Zusammenhang mit psychotischen Störungen diskutiert, etwa mit Schizophrenie. Zusätzlich leiden laut der Quelle viele Betroffene an dem cannabinoidbedingten Hyperemesis-Syndrom, das sich durch Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen äußern kann und bis zu Dehydrierung und im Extremfall bis zum Tod reichen kann.

Die eigentliche Herausforderung liegt damit weniger in Symbolpolitik, sondern in Versorgungspraxis. Wenn Cannabis „leichter“ zugänglich wird und gesellschaftlich weniger tabuisiert ist, muss der öffentliche Gesundheitsansatz nachziehen. Die Studie argumentiert für weniger Stigmatisierung und mehr Aufklärung: Medizinische oder Freizeitnutzung durch Legalisierung heißt nicht „risikofrei“. Besonders problematisch können hochpotente Formulierungen sein, weil sie eher in problematische Nutzungsmuster kippen. Ebenso wichtig ist die klinische Routine: Ärztinnen und Ärzte der Primärversorgung sollten Patientinnen und Patienten systematisch nach Cannabisnutzung screenen – ähnlich wie bei Alkohol und Tabak. Das gilt besonders, wenn Symptome wie Angst, Schlafstörungen oder eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit auftreten, die Betroffene möglicherweise selbst durch Cannabis zu behandeln versuchen. Und schließlich braucht es bei CUD evidenzbasierte Therapien statt moralischer Bewertung. Dazu zählen verhaltensbezogene Interventionen, Beratung sowie das Einbeziehen komorbider psychischer oder substanzbezogener Störungen, weil sich diese häufig gegenseitig verstärken.

Auch für Organisationen und Entscheidungsträger in der Gesundheitsversorgung ergibt sich daraus ein klares Muster. Prävention wirkt hier nicht als einmalige Kampagne, sondern als fortlaufende Kompetenz: Menschen müssen die Risiken verstehen, Ärzteteams müssen früh erkennen können und Versorgungspfade müssen Therapieangebote tatsächlich verfügbar machen. Gerade die Kombination aus steigender Potenz, größerer Verfügbarkeit und sinkender Risikowahrnehmung legt nahe, dass reine Informationskampagnen ohne Screening und ohne behandlungsorientierte Angebote nicht genügen. Für die Praxis bedeutet das: Wer CUD ernst nimmt, behandelt nicht nur das Verhalten, sondern adressiert auch die psychischen und sozialen Treiber, die dazu führen, dass Kontrolle verloren geht. In der Summe verschiebt die Studie die Priorität von einer Debatte über „Erlaubt oder nicht“ hin zu einer systematischen, medizinisch begründeten Antwort auf ein wachsendes Versorgungsproblem.


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