LONDON (IT BOLTWISE) – Laut OpenAI in Gerichtsdokumenten hat die ChatGPT-Integration auf iPhones nach dem Launch 2024 deutlich weniger Resonanz erzeugt als erwartet. Demnach lag die Aktivierung zunächst standardmäßig „off“ und erforderte einen mehrstufigen Prozess, was die Nutzerübernahme ausgebremst haben soll. Apple und OpenAI geraten dadurch weiter in einen Konflikt, der von Handelsgeheimnissen bis hin zu kartellrechtlichen Fragen reicht. Parallel verschiebt Apple seine KI-Strategie mit Gemini-gestütztem „Siri AI“, während die Verzögerungen in der EU weiter für Druck bei Investoren sorgen.

ChatGPT in iPhones: OpenAI wirft Apple „dramatisch Unterperformance“ vor
ChatGPT in iPhones: OpenAI wirft Apple „dramatisch Unterperformance“ vor (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Erfolgsgeschichte der „Apple Intelligence“-Strategie bekommt Risse von der Basis: In Dokumenten aus einem laufenden Rechtsstreit schreibt OpenAI, die ChatGPT-Funktion auf iPhones habe nach dem Start im Jahr 2024 „dramatisch unterperformt“. Im Kern geht es dabei nicht nur um die Frage, ob die Integration technisch lief, sondern wie stark sie bei Nutzern überhaupt ankam. Apple hatte das ChatGPT-Modell als Bestandteil eines größeren KI-Bündels positioniert, das für mehr Nutzerinteraktion und im Idealfall auch für zusätzliche Abonnements sorgen sollte. OpenAI beschreibt jedoch, dass die erwartete „Halo“-Wirkung – also Beförderung durch die Apple-Marke und zusätzlichen Zugriffe über die Gerätebasis – ausblieb, während gleichzeitig der Marktanteil des Unternehmens angeblich unter Druck geriet.

Technisch betrachtet zeigt die Akte vor allem einen Aspekt, der für Produktteams meist entscheidend ist: Standardverhalten und Aktivierungsaufwand. Laut den Gerichtsdokumenten war die ChatGPT-Integration zunächst auf „off“ gesetzt und musste über einen mehrstufigen Prozess aktiviert werden. Genau solche Reibungen sind im mobilen Kontext häufig der Unterschied zwischen „verfügbar“ und „tatsächlich genutzt“. Wenn eine KI-Funktion zwar im Softwarepaket steckt, aber ohne aktive Nutzerentscheidung nicht „standby“ im Alltag mitläuft, entstehen Messlücken – und für einen Modellanbieter wie OpenAI wird daraus schnell eine strategische Enttäuschung. OpenAI verweist zudem darauf, dass die Integration schon kurze Zeit nach dem Rollout eher schleppend gestartet sei, woraufhin die Erwartungen für wöchentlich aktive Nutzer (wochenbasierte Aktivierung) wieder gesenkt worden seien.

Der Konflikt erhält damit eine zweite Ebene: das Machtgefüge zwischen KI-Anbietern und Geräteherstellern. Apple verfolgt seit Beginn der breiteren KI-Einführung eine Rolle, die in der Branche oft als „Kingmaker“ beschrieben wird: Wenn es gelingt, ein bestimmtes Modell in die Standard-Workflows auf Millionen Endgeräten zu bringen, steigen Reichweite und Verhandlungsmacht. OpenAI schildert nach den Angaben in den Dokumenten allerdings Sorgen, dass Apple den nächsten Schritt schneller gehen wolle, um sich einen weiteren KI-Partner zu sichern – und damit möglicherweise den Vorsprung zu verlieren, den OpenAI bei der Nutzergewinnung über „Apple Intelligence“ erreichen wollte. Parallel zeigt sich, wie eng diese Abhängigkeiten auch operative Planung und Prognosen beeinflussen: Wenn die Aktivierungshürden hoch sind und die Adoption hinter den Erwartungen zurückbleibt, wirken sich Änderungen in Partnerpräferenzen sofort auf konkrete Wachstumsannahmen aus.

Rechtlich eskaliert die Beziehung in mehrere Richtungen. Apple hat nach dem dargestellten Verlauf einen Rechtsstreit gegen OpenAI angestoßen, der sich auf den Vorwurf von groß angelegtem Diebstahl von Handelsgeheimnissen stützt. Zusätzlich geht es um eine von xAI angestoßenen Auseinandersetzung, die das Apple-OpenAI-Geschäftsarrangement kartellrechtlich angreifen soll; diese Litigation wird in dem Kontext als Teil von Verfahren beschrieben, die im August 2025 eingeleitet wurden. In demselben Umfeld heißt es auch, dass Apple die Auseinandersetzung mit Elon Musks xAI letzten Angaben zufolge beigelegt hat, während OpenAI offenbar weitere Anträge im Zusammenhang mit den Bedingungen dieser Einigung prüft. Für Unternehmen ist das nicht nur juristisch relevant: Solche Konstellationen bestimmen häufig, welche Schnittstellen, Datenflüsse und Integrationsrechte künftig noch offen verhandelt werden.

Auch im Produktkontext zeigt sich ein strategischer Umschlag. Während ChatGPT weiterhin in der iOS-Software integriert ist und Abfragen über Siri an das Chatbot-Modell weiterleiten kann, wird die Funktion laut Darstellung von einer „Siri AI“, die auf Google-Modelle (Gemini) setzt, überlagert. Dabei wird betont, dass die neue „Siri AI“ zunächst nur auf Englisch verfügbar sei und noch als „beta“ gekennzeichnet wurde. Für OpenAI bedeutet das: Selbst wenn die ChatGPT-Funktion technisch funktioniert, konkurriert sie im Alltag um die Aufmerksamkeit der Nutzer mit einer neu eingeführten, systemnahen Alternative. Dazu kommt ein weiteres Risiko für den Marktauftritt von Apple: Der Konzern habe in der Vergangenheit Verzögerungen bei der Einführung einer „Siri AI“ in der EU genannt und diese mit Wettbewerbsvorgaben begründet. Dass Tim Cook in diesem Zusammenhang mit der Präsidentin der Europäischen Kommission im Gespräch gewesen sein soll, unterstreicht, dass KI-Produktzeiten inzwischen nicht mehr nur eine Engineering-Frage sind, sondern auch regulatorische und wettbewerbliche Rahmenbedingungen adressieren müssen.

Für die Branche ist die Lehre vor allem operativ: Partnerschaften rund um KI-Modelle sind nicht automatisch erfolgreich, nur weil sie im Produktmarketing prominent erscheinen. Entscheidend sind Aktivierungslogik, Benutzerführung und messbare UX-Kennzahlen – also wie schnell Nutzer mit einer KI-Funktion „ins Tun“ kommen, ohne erst Menüs zu durchforsten. Gleichzeitig zeigt der Fall, wie schnell aus einem technischen Rollout ein Vertrauens- und Verhandlungsbruch werden kann, sobald Prognosen verfehlt werden und beide Seiten unterschiedliche Sicht auf den Nutzen haben. Für Apple wiederum bedeutet das, dass die Wahl des Modell-Stacks und die Reihenfolge der Markteinführung in Echtzeit mit dem Wettbewerb zwischen Google, weiteren KI-Anbietern und spezialisierten Akteuren kollidiert. Der Markt tendiert dann dazu, nicht nur die Modellqualität, sondern auch die Integrationsgeschwindigkeit und den Umgang mit regulatorischen Zyklen zu bewerten.


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