LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Sicherheitsrichtlinien für kritische Infrastrukturen fordern die konsequente Trennung von Betriebstechnologie (OT) und klassischen IT-Netzen. Der Leitfaden „CI Fortify“ soll Anlagen auch während eines laufenden Angriffs monatelang handlungsfähig halten. Betreiber sollen zentrale Abhängigkeiten wie Active Directory und DNS kartieren und gestufte Isolationspläne mit klaren Auslösekriterien erarbeiten. Gleichzeitig zeigen Studien und Fallbeispiele, dass Ransomware in Versorgungs- und Transportnetzen häufig lange unentdeckt bleibt, wodurch Ausfallzeiten teuer werden.

CISA, FBI und ACSC: Neue Isolationsrichtlinien gegen Ransomware in OT-Netzen
CISA, FBI und ACSC: Neue Isolationsrichtlinien gegen Ransomware in OT-Netzen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn Ransomware in Infrastrukturnetze eindringt, liegt der eigentliche Schaden selten nur in verschlüsselten Dateien. Entscheidend ist, ob Leit- und Steuerungsumgebungen (OT) während eines Angriffs weiter produzieren, Anlagen überwachen und Sicherheitsschaltungen ausführen können. Genau an diesem Punkt setzen die neuen Empfehlungen von CISA, FBI und dem australischen ACSC an, die Ende Juli veröffentlicht wurden. Der Leitfaden „CI Fortify“ richtet sich gezielt an Betreiber kritischer Infrastrukturen wie Wasser-, Energie- und Transportnetze und reagiert auf die anhaltende Häufung von Angriffen, bei denen sich Täter über Jahre in die Angriffsoberfläche „einfädeln“, bevor echte Unterbrechungen sichtbar werden.

Im Kern geht es um eine physische und logische Entkopplung zwischen OT und der klassischen IT. Das klingt in der Theorie nach Netzwerksegmentierung, ist in der Praxis aber ein Betriebs- und Architekturthema: OT-Umgebungen müssen so isoliert werden, dass ein kompromittiertes IT-Netz nicht automatisch die „Kontrollwelt“ erreicht. Der Ansatz fordert deshalb erst eine Bestandsaufnahme: Betreiber sollen zentrale Anlagen kartieren und die Abhängigkeiten zu Diensten wie Active Directory oder DNS erfassen. Daraus leiten sich gestufte Isolationspläne ab, die klare Auslösebedingungen definieren, wann Verbindungen entkoppelt oder eingeschränkt werden müssen. Als besonders robuste Maßnahme nennt der Leitfaden die physische Netztrennung, weil sie den Einflussbereich eines Angriffs reduziert, selbst wenn sich IT-Identitäten und Namensauflösung als Einfallstor herausstellen.

Damit die Strategie im Ernstfall funktioniert, reicht „Trennung“ allein nicht. Dmitri Belotchkine von TXOne Networks hebt in diesem Kontext einen OT-nativen Zero-Trust-Ansatz hervor und verweist darauf, dass in der Produktion die Verfügbarkeit die oberste Priorität hat. Daraus folgt: Sicherheitsmaßnahmen müssen zu industriellen Abläufen passen, statt sie zu blockieren. Zu den praktischen Kernmaßnahmen gehören deshalb regelmäßige Tests der Isolationsfähigkeit und Offline-Kopien kritischer Daten. Diese Offline-Strategie ist besonders relevant, weil Ransomware häufig nicht nur verschlüsselt, sondern auch Datenabflüsse und Manipulationen in Gang setzt, bevor Teams reagieren können. Außerdem wird der „Zeitfaktor“ greifbar: In der OT zählt, ob ein Notbetrieb oder eine reduzierte Weiterführung im Minuten- statt Stundenmodus möglich ist.

Die Dringlichkeit wird durch bekannte Vorfälle unterstrichen. Berichten zufolge legte die Anubis-Ransomware-Gruppe den Coca-Cola-Zulieferer Fairlife lahm, sodass die US-Produktion zeitweise komplett stillstand. Auch andere Angriffe zeigen ein Muster: Beim Angriff auf American Water im Oktober 2024 sowie bei Operationen, die den Gruppen Volt Typhoon und Salt Typhoon zugerechnet wurden, konnten sich Angreifer offenbar über längere Zeit in Infrastrukturnetze bewegen, ohne sofort entdeckt zu werden. Genau diese „unsichtbare Phase“ macht Isolation so wichtig, weil sie die Reichweite des Angriffs begrenzt, selbst wenn die Eindringung im IT-Bereich länger dauert. Für Unternehmen bedeutet das außerdem eine Veränderung im Sicherheitsbudget: Statt nur auf Detection- und Response-Fähigkeiten zu setzen, müssen sie ihre Architektur so auslegen, dass Schadenbegrenzung bereits in der Netzphysik beginnt.

Gleichzeitig steigt der finanzielle Druck. Bei Novo Nordisk soll es zu einer Situation gekommen sein, in der Angreifer über ein Terabyte Daten erbeuteten und 25 Millionen US-Dollar Lösegeld forderten. Eine Kaspersky-Studie erwartet zudem, dass 60 Prozent der Fertigungsunternehmen bei einem Cybervorfall Schäden von über einer Million US-Dollar einkalkulieren. Auch Betriebskennzahlen werden zum Risikohebel: Produktionsausfälle dauern im Schnitt 15,3 Stunden, und die teuerste Folge sind verpasste Lieferverpflichtungen. Damit geraten IT- und OT-Verantwortliche in eine gemeinsame Planungslogik: Isolationsmaßnahmen müssen so priorisiert werden, dass sie messbar die Wahrscheinlichkeit eines Produktionsstopps reduzieren, nicht nur die Zahl der Alerts. In der Praxis heißt das auch, dass bestehende Legacy-Systeme frühzeitig bewertet werden müssen, weil sich Sicherheitsupdates sonst als zusätzlicher Produktionsrisiko-Faktor herausstellen können.

Genau hier zeigt sich ein weiteres Problem: Die Umsetzung regulatorischer Vorgaben hinkt häufig hinterher. Eine Plusserver-Studie vom 29. Juli deutet darauf hin, dass erst 34 Prozent der betroffenen Unternehmen die Anforderungen der EU-NIS2-Richtlinie vollständig erfüllen, während fast die Hälfte den Implementierungsprozess als schwierig bewertet. Als Hauptgrund nennen 48 Prozent der Firmen veraltete Legacy-Systeme, die moderne Sicherheitsfunktionen nicht oder nur mit großem Aufwand integrieren lassen und sich kaum patchen lassen, ohne den Betrieb zu gefährden. Dazu kommt der Lieferkettenaspekt: 51 Prozent der Unternehmen berichten, dass sich Veränderungen in ihren Lieferketten zeigen, weil Sicherheitsanforderungen beim Partner- und Technologiewettbewerb zunehmend über Vertragsentscheidungen mitentscheiden. Diese Gemengelage verschiebt die Diskussion vom reinen Compliance-Projekt hin zu einer dauerhaften Modernisierungs- und Integrationsstrategie.

Neben NIS2 rücken außerdem zwei weitere EU-Regelwerke in den Fokus: der Cyber Resilience Act (CRA) und die neue EU-Maschinenverordnung. Der CRA sieht ab dem 11. September 2026 eine Meldepflicht für Schwachstellen vor; die vollständige Compliance soll bis zum 11. Dezember 2027 erreicht sein, andernfalls drohen Bußgelder von bis zu 15 Millionen Euro oder 2,5 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Für Produkte ohne Konformität wird zudem das CE-Kennzeichen problematisch. Die EU-Maschinenverordnung tritt am 20. Januar 2027 in Kraft und verlangt zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen unter anderem für Software-Schutzkonzepte und Fernzugriffe. Bereits jetzt reagieren Hersteller, indem sie Sicherheitsfunktionen zertifizieren lassen; im Text wird etwa genannt, dass KUKA seine Systeme iiQKA.OS2 und KR C5 auf Security Level 2 nach IEC 62443-4-2 zertifiziert habe. Auch Abnehmer erhöhen den Druck: So wird berichtet, dass ein Pharmaunternehmen von Maschinenbauern Zertifikate nach ISO 27001 oder IEC 62443 einfordert, und ein Siemens-Manager ordnet diese Standards als zentrale Voraussetzung für die Marktfähigkeit von Industrieanlagen ein. Für Unternehmen heißt das: Isolation in OT sollte nicht nur als Sicherheitsmaßnahme verstanden werden, sondern als Baustein, der sich mit zukünftigen Produkt- und Meldepflichten verzahnt und damit langfristig Planbarkeit schafft.


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