LONDON (IT BOLTWISE) – Nach einem kräftigen Rücksetzer bei Speicherchip-Aktien sieht die Investmentbank Citi im aktuellen Umfeld eine interessante Einstiegschance. Im Fokus steht ein KI-getriebener Memory-Zyklus, der sich aus Sicht der Bank noch in einer frühen Phase befindet. Citi verweist dabei auf die historische Parallele zum NAND-Ausbau Anfang der 2000er Jahre. Entscheidend sei zudem, dass Kunden zunehmend langfristige Verträge schließen und die HBM-Knappheit die Architekturentscheidungen in Rechenzentren weiter prägt.

Citi setzt bei Speicherchips auf „KI-Memory-Zyklus“: Rücksetzer sind für die Bank Kaufchance
Citi setzt bei Speicherchips auf „KI-Memory-Zyklus“: Rücksetzer sind für die Bank Kaufchance (Foto: IT BOLTWISE)
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Der jüngste Abverkauf bei Speicherchip-Aktien kommt für viele Anleger wie eine Unterbrechung der Rally vor. Citi sieht darin jedoch weniger ein Signal für das Ende des Zyklus als vielmehr eine typische Zwischenphase, in der Bewertungen in den Vordergrund rücken, während die fundamentale Nachfrage noch nachzieht. Hintergrund ist die Erwartung der Bank, dass die aktuelle KI-gestützte Speicher-Nachfrage sowohl DRAM als auch NAND weiter anschiebt. In einem solchen Setup geraten kurzfristig einzelne Titel unter Druck, während der Gesamtmarkt erst mit Verzögerung bewertet, wie nachhaltig die Investitionen in KI-Infrastruktur tatsächlich ausfallen.

Konkret nennt Citi die Ähnlichkeit zum langen NAND-Aufschwung, den die Branche grob zwischen 2001 und 2007 erlebt hat. Damals ersetzten Flash-Speicher nach und nach ältere Speichertechnologien, während neue Konsumgeräte wie MP3-Player und Digitalkameras einen breiten Nachfrageimpuls auslösten. Die Parallele zur Gegenwart liegt für Citi in der Rolle neuer „Wachstumstreiber“, die Speicherkapazitäten nicht nur punktuell erhöhen, sondern dauerhaft in Produkte und Systeme einkalkuliert werden. Genau diese Dynamik versucht die Bank jetzt in den Markt hineinzulesen: Die KI-Workloads brauchen nicht nur Rechenleistung, sondern auch die passende Speicherhierarchie – vom Arbeitsspeicher bis zum Massenspeicher.

Der Kursrückgang ist allerdings real. Mehrere Speicherchip-Anbieter haben nach starken Gewinnen im Jahresverlauf spürbar nachgegeben: Micron, Samsung Electronics und SK Hynix verloren jeweils mehr als 20% von ihren jüngsten Hochs. Als Treiber der Skepsis nennt Citi vor allem die Kombination aus gestiegenen Bewertungsniveaus und der Frage, ob die kapitalintensiven KI-Investitionen auf Dauer in diesem Tempo weiterlaufen. Trotz dieser Gegenwinde bleibt die Bank langfristig optimistisch und formuliert die Kernthese pointiert: „is likely to outperform the ’19–’07 upcycle given that AI demand is driving both DRAM and NAND demand.“ Für Unternehmen bedeutet das: Der Markt kann kurzfristig schwanken, während die Investitionslogik auf mehreren Speicherpfaden gleichzeitig wirken könnte.

Ein zentraler Indikator, den Citi in den Vordergrund rückt, sind länger laufende Einkaufs- und Versorgungsvereinbarungen. Laut Darstellung der Bank schließen Kunden Verträge, die typischerweise zwischen drei und fünf Jahren laufen. Solche Laufzeiten sind für die Branche deshalb wichtig, weil sie die Planbarkeit der Auslastung verbessern und damit die Gewinnsicht nicht ausschließlich von Quartal zu Quartal hängt. Wenn Abnehmer Zusagen in dieser Größenordnung geben, verschiebt sich die Diskussion von „Wie lange dauert die Nachfrage?“ hin zu „Wie schnell skaliert das Angebot – und wie effizient werden die Kapazitäten hochgefahren?“ Genau hier entsteht für viele Investoren auch der Hebel: Langfristige Verträge können Bewertungsrisiken abfedern, wenn der Produktionsaufbau und die Produktmix-Optimierung zeitgleich mit der Nachfrage hochfahren.

Neben DRAM und NAND lenkt Citi den Blick außerdem auf die HBM-Lage (High Bandwidth Memory), die die KI-Infrastruktur weiterhin stark prägt. HBM ist besonders relevant, weil es die Datenanbindung zwischen GPU und Speicher in KI-Workloads verbessert und damit Engpässe in Bandbreite und Latenz reduziert. Citi erwartet, dass die Knappheit nicht nur einzelne Liefermengen beeinflusst, sondern auch Architekturentscheidungen in Rechenzentren. Statt Rechenleistung in wenige GPUs mit sehr hohem HBM-Anteil zu bündeln, setzen viele Entwickler zunehmend auf eine „scale-out“-Strategie: Mehr GPUs, aber mit geringerer HBM-Kapazität pro Chip. Das ändert das Designziel – weg von maximaler HBM pro Karte, hin zu skalierbaren Systemen mit entsprechendem Gesamtspeicher.

Damit der KI-Ansatz funktioniert, muss die absolute HBM-Verfügbarkeit trotzdem wachsen. Citi geht deshalb trotz der Knappheit davon aus, dass die HBM-Kapazität in KI-Systemen insgesamt rasant steigt. Die Bank schätzt, dass die gesamte HBM-Kapazität pro KI-System um 434% zunimmt: von 20,7 Terabytes auf 110,6 Terabytes. Gleichzeitig steigt die Zahl der GPUs pro System laut Citi von 72 auf 576 – das ist der entscheidende Hebel, der die geringere HBM-Kapazität pro Einzelchip rechnerisch über die Systemskalierung auffängt. Für IT-Entscheider ist das weniger eine reine Speicherfrage als eine Plattformfrage: Wer KI-Cluster plant, muss die Speicherhierarchie über mehrere Ebenen hinweg mitdenken und kann Engpässe nicht nur mit mehr GPUs „wegoptimieren“, ohne die Lieferkette im Blick zu behalten.

Auch bei der Einordnung einzelner Aktien bezieht sich Citi auf konkrete Management-Signale. Bei SK Hynix verweist die Bank auf Aussagen im zweiten Quartal im Rahmen des Earnings Calls, wonach das Unternehmen zusätzliche Initiativen zur Ausschüttung an Aktionäre prüfe. Das ist in der aktuellen Marktphase relevant, weil sich Investoren oft fragen, wie Unternehmen mit dem Cashflow umgehen, wenn die Nachfrage zwar robust bleibt, die Volatilität im Kurs aber hoch ist. Insgesamt zeichnet Citi damit ein Bild, in dem der kurzfristige Preisdruck nicht zwingend den langfristigen Ausbau der Speicherindustrie stoppt – sondern vor allem zeigt, dass der Übergang in den nächsten KI-optimierten Systemstandard mit Liefer- und Bewertungsdynamik einhergeht.

Für die Praxis heißt das: Wer Speicherchip-Investitionen bewertet oder KI-Infrastruktur beschafft, sollte die Entwicklung entlang mehrerer Achsen betrachten – nicht nur DRAM- und NAND-Preise, sondern auch die HBM-Verfügbarkeit und die daraus resultierenden Architekturpfade. Die historische Parallele zum NAND-Ausbau liefert dabei einen Rahmen, aber die Details liegen heute in der Systemarchitektur und in Vertragsstrukturen. Wenn sich die Annahme längerfristiger Abnahmeverträge bestätigt und die „scale-out“-Strategie in KI-Cluster-Designs breit ankommt, kann der Memory-Bedarf stufenweise weiter steigen – auch wenn der Markt zwischendurch jederzeit für Überraschungen anfällig bleibt.


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