LONDON (IT BOLTWISE) – Der CLARITY Act ist im US-Senat mit 49 zu 50 Stimmen gescheitert und verfehlte damit die nötige Dreifünftelmehrheit für eine Sachdebatte. Trotz fehlender Gesetzgebung kündigen SEC und CFTC eigene Kryptoregeln auf Basis bestehender Befugnisse an. Bitwise-CIO Matt Hougan hält deshalb einen erneuten Bärenmarkt nicht mehr für den wahrscheinlichsten Verlauf und verweist auf steigende Bitcoin-Kurse sowie sinkende Polymarket-Wahrscheinlichkeiten. Gleichzeitig bleibt offen, wie stark sich die Aufsichtsvorgaben in der Praxis künftig tatsächlich verändern lassen.

CLARITY Act gescheitert: Warum Bitcoin laut Bitwise nicht zwingend kippt
CLARITY Act gescheitert: Warum Bitcoin laut Bitwise nicht zwingend kippt (Foto: IT BOLTWISE)
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Der CLARITY Act ist Mitte September im US-Senat bei einer Verfahrensabstimmung gescheitert: Mit 49 Ja- und 50 Nein-Stimmen verfehlte die Vorlage die für eine Sachdebatte erforderliche Dreifünftelmehrheit von 60 Stimmen. In der Vorlage zeichnet sich damit ein klares politisches Muster ab: Alle anwesenden Demokraten und die beiden Unabhängigen stimmten dagegen, zudem votierten vier Republikaner gegen die eigene Fraktion. Unterm Strich bedeutet das regulatorisch zunächst vor allem eines – kein neues, umfassend zugeschnittenes Rahmenwerk, das die Zuständigkeiten zwischen der Securities and Exchange Commission (SEC) und der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) erstmals pauschal aufteilt.

Dass der Rückschlag dennoch nicht automatisch „alles auf Null“ setzt, liegt an einem zweiten Strang der Meldung: SEC und CFTC kündigten nach dem gescheiterten Votum an, im Rahmen ihrer bestehenden gesetzlichen Befugnisse eigene Regeln voranzutreiben. SEC-Chef Paul Atkins sagte dabei via X: „with or without legislation“ werde die Behörde „decided“ handeln, um amerikanischen Investoren Rechtssicherheit zu verschaffen. Auch der CFTC-Chef Mike Selig stellte seine Bereitschaft in Aussicht, eigene Regeln für die „neue Grenze der Finanzwelt“ zu erlassen. Für den Markt heißt das: Statt auf einen einzelnen Gesetzestext zu warten, verlagert sich die Aufmerksamkeit auf einzelne Regelsetzungsakte, Fristen und Übergangsregeln.

Technisch und praktisch wird dieser Ansatz besonders sichtbar an den bereits veröffentlichten Schritten. Die SEC brachte am 17. September eine befristete Ausnahmeregelung für den Handel mit tokenisierten Aktien über zugelassene Handelsplätze auf den Weg. Parallel reichte die CFTC am selben Tag einen eigenen Regelungsentwurf beim Weißen Haus zur Prüfung ein. Genau hier entscheidet sich die operative Umsetzung: Tokenisierte Wertpapiere können zwar strukturell „wie Aktien“ wirken, rechtlich hängen aber Status, Verwahrung und Marktplatzfähigkeit an der jeweils zuständigen Behörde. Das führt in der Praxis häufig zu einem Wechselspiel aus Rechtsauffassung, Umsetzungsdetails bei Handelsplätzen und Anpassungen bei Emittenten.

Während viele Marktteilnehmer nach dem Senatsvotum kurzfristig Risiko abgebaut haben, legt Bitwise-CIO Matt Hougan den Fokus auf den mittleren Zeithorizont. In einer Mitteilung an Kunden revidierte er seine Einschätzung: Das Scheitern des CLARITY Act verglich er zuvor mit dem Wetterorakel Punxsutawney Phil und hatte weitere „sechs schwierige Wochen“ für den Kryptomarkt vorhergesagt – diese Prognose hält er nun nicht mehr für den wahrscheinlichsten Verlauf. Als Argumentationslinie nennt er den Kursverlauf: Der Bitcoin-Kurs sei seit Anfang Juli von rund 57.950 auf über 80.000 Dollar gestiegen. Parallel dazu seien die von Polymarket erfassten Wahrscheinlichkeiten für eine Verabschiedung des Gesetzes im gleichen Zeitraum von 39 auf 14 Prozent gefallen.

Aus Hougans Logik folgt ein wichtiger Punkt für Investoren: Wenn der Bullenmarkt an die Verabschiedung des CLARITY Act gekoppelt gewesen wäre, hätte man nach dem Scheitern eher einen Rückgang erwarten können. Stattdessen sieht er offenbar ein breiteres Fundament, das nicht ausschließlich an eine Gesetzesentscheidung gebunden ist. Gleichzeitig räumt er Grenzen der Logik ein: Regeln der Aufsichtsbehörden könnten sich unter künftigen Regierungen wieder ändern, und nur der Kongress könne der CFTC weiterreichende Befugnisse über den Spotmarkt für Kryptowerte verleihen. Das macht das regulatorische Szenario weniger binär als ein simples „Gesetz kommt – Markt steigt“ oder „Gesetz fällt – Markt fällt“.

Für die Marktstruktur liefert die Meldung zudem Beispiele, die in Hougans Augen zeigen, dass große Finanzakteure bereits jetzt Kapitalmarktmechaniken in den Krypto-Umfeldraum tragen. Genannt werden unter anderem die Einführung eines Solana-ETFs durch Morgan Stanley sowie die Abwicklung erster tokenisierter Aktiengeschäfte durch die Depository Trust and Clearing Corporation. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Assetklasse als die dahinterliegende Infrastruktur: Wenn etabliertes Clearing und organisierte Handelswege für tokenisierte Produkte an Reife gewinnen, sinken Hürden für Liquidität, Verwahrung und operatives Risiko. Genau diese Entwicklung kann auch dann weiterlaufen, wenn der Kongress keine neue „Superschiene“ ausrollen kann.

Für Unternehmen, die KI-gestützte Analytik und automatisierte Handels- oder Compliance-Prozesse rund um Kryptomärkte betreiben, verschiebt sich die Priorität damit auf Architektur und Anpassungsfähigkeit. Modelle und Workflows sollten so designt sein, dass sie mit sich ändernden regulatorischen Rahmenbedingungen umgehen können – etwa durch modularisierte Datenquellen, saubere Zuordnung von Produktkategorien und schnelle Pfadwechsel zwischen Handelsplätzen und Abwicklungslogiken. Der CLARITY-Act-Ausgang zeigt schließlich vor allem eines: Selbst ein politisch gescheiterter Gesetzesversuch kann den Markt indirekt weiter in Richtung tokenisierter Kapitalmarktprodukte bewegen, wenn die Aufsicht parallel über Übergangsregeln und eigene Regelwerke Druck in den gleichen technologischen Korridor bringt.

Wie dauerhaft dieser „Nicht-zu-früh-Schluss“-Effekt ist, hängt dennoch an offenen Punkten. Denn Hougan betont ausdrücklich, dass Aufsichtsregeln später wieder geändert werden können und dass Reichweite im Spotmarkt-Kontext an Gesetzgebung gebunden bleibt. Gleichzeitig liefert die Kombination aus SEC-Ausnahmeregeln für tokenisierte Aktien und CFTC-Regelentwurf einen Hinweis auf den konkreten Weg: Es entstehen nicht nur Schlagzeilen, sondern fortlaufende, umsetzungsnahe Regelsysteme. Anleger wie Betreiber werden daher weniger auf eine einzige Abstimmung fokussieren, sondern auf die nächste Phase der konkreten Ausgestaltung – und darauf, wie schnell sich Liquidität, Produktdefinitionen und Abwicklungsprozesse daran ausrichten.


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